Warten auf die Apokalypse

Die kalifornische Feuersbrunst / Von T. Coraghessan Boyle

Es ist dunkel heute, die verschwenderisch goldene Sonne Kaliforniens hängt wie ein blaßroter Luftballon kraftlos über den Bäumen. Das Hausinnere ist erfüllt von sonderbaren gedämpften Farben, die Fußböden ein glühendes Rot, die Küchen-schränke wie mit einem zarten Weinrot übermalt. Die Vögel draußen halten den Atem an, während dünne weiße Aschefäden vom Himmel schweben und ferner Flugzeugdonner durch die Blätter dringt.

Dies ist die Jahreszeit der Apokalypse, wie Raymond Chandler und Joan Didion sie beschrieben haben, die Zeit, in der das Meer die Wüstenluft über die Berge zieht und die Augen austrocknen und alle Pyromanen glückselig sind. Südkalifornien steht im Krieg mit der Natur, überall brennt es, von San Diego über Los Angeles bis hinauf nach Ventura.

Noch als Zwanzigjähriger bin ich nie westlich des Hudsons gewesen. Meine vertraute Umgebung waren die üppigen Wälder des nördlichen Westchester, wo der Anblick von Wasser in seinem Naturzustand die selbstverständlichste Sache der Welt war, doch seit sechsundzwanzig Jahren lebe ich an der südkalifornischen Küste, zunächst in Los Angeles und jetzt in Santa Barbara. Wenn die herbstlichen Regenfälle vor den Waldbränden einsetzen, können wir von Glück reden, wenn nicht - und das ist meistens der Fall -, müssen wir mit schlimmen Auswirkungen rechnen.

Die Flammen zerstören nicht allein die prächtigen Laubwälder, so daß die Berglandschaft noch jahrelang ganz trostlos aussieht, sondern auch Häuser und Menschenleben. Zwanzig Tote bislang, knapp 1600 vernichtete Häuser, weitere 30 000 bedroht. Und auf der Titelseite der Zeitung das Foto eines verkohlten Autos, der Lack zu Blasen geworfen, die Reifen geschmolzen, die drei Insassen, die sich verzweifelt in Sicherheit bringen wollten, alle tot. Ihnen gilt mein Mitgefühl, doch dann denke ich - egoistisch, menschlich - wieder an meine eigene Situation.

Im vorletzten Sommer verbrannte mein Berg in den Sequoias. Das McNally-Feuer, ausgehend von den Campingplätzen im Kern River Valley, vom Wind angefacht, raste bergauf, dem Ort entgegen, der mir der allerliebste auf der ganzen Welt ist. Im Sequoia Nationalpark gibt es in etwa 2200 Meter Höhe eine Ansammlung von Blockhütten, ein Ort, wo ich in all den Jahren kalifornischer Hektik und Rastlosigkeit Ruhe gefunden habe. Die Leute wurden auf der schmalen, kurvenreichen Asphaltstraße evakuiert, die den Ort mit der Außenwelt verbindet - vierzig Kilometer in die Sicherheit, eine gute Stunde Autofahrt unter günstigsten Bedingungen -, aber das Feuer schien entschlossen, diesen Ort nicht mehr herzugeben, trotz des Einsatzes der Feuerwehrleute, die mit letzten Kräften gegen die Flammen ankämpften.

Der Ort schien schon verloren. Doch dann (und wie oft haben wir von dem einen Haus, dem einen Häuserblock, dem einen Viertel gelesen, das verschont blieb, während die Nachbarn in den Flammen umkamen) drehte der Wind und blies den Feuersturm hinaus in die Golden Trout Wilderness. Und was wurde aus den goldenen Forellen? Den Bären, Kojoten, Rehen, Murmeltieren und Pumas? Niemand weiß es. Aber wir wissen, wie das Feuer anfing - ein Lagerfeuer, Unachtsamkeit -, und wir wissen, was der Preis dafür war.

Heute morgen fragte mein Sohn, ob wir hier in Santa Barbara gefährdet seien. Der Ozean sei so nahe, da hätten wir doch nichts zu befürchten, oder? Diesmal vielleicht, antwortete ich, aber die Waldbrände seien unberechenbar, wir alle seien gefährdet, überall in Kalifornien.

Das Topan-ga-Malibu-Feuer vom November 1993 bedrohte das Haus, in dem wir damals wohnten (es blieb verschont, nur um wenig später dem Northridge-Erdbeben zum Opfer zu fallen), fraß sich den Malibu Canyon hinunter, über die Pepperdine University hinweg bis zum Ozean. Und im Juni 1990 raste das Painted-Cave-Feuer von den Bergen innerhalb weniger Stunden bis ans Meer und vernichtete dabei 641 Gebäude.

Wir wohnen, in Sichtweite der Berge und ihrer gestrüppbestandenen Kämme, in einem Haus aus Redwood. Es wurde 1909 von Frank Lloyd Wright entworfen, und es überstand das verheerende Erdbeben in Santa Barbara von 1925. Es ist natürlich ein Haus von großem historischem Interesse, ein architektonischer Schatz, vor allem aber ist es unser Zuhause.

Als wir hier einzogen, meinte einer der Bauunternehmer, die die Renovierungsarbeiten übernehmen wollten, daß das Haus zu meinen Lebzeiten niederbrennen werde. Ich dankte dem Mann für seine ermunternden Worte und gab einer anderen Firma den Auftrag, aber seine Prophezeiung, nüchtern und völlig ohne Häme vorgebracht, habe ich nie vergessen: Die Sonne wird scheinen, der Wind wird wehen, Ihr Haus wird abbrennen. Heute morgen sind die Berge durch den Rauchschleier gerade mal andeutungsweise zu erkennen, und mir bleibt nur die Frage, wann es uns erwischen wird.

Aus dem Englischen von Matthias Renbork.T. Coraghessan Boyle, geboren 1948 in Peekskill, New York, veröffentlichte auf deutsch zuletzt den Roman „Drop City". FAZ 01.11.2003

 

Waldbrände zerstören die Gegend von Lake Arrowhead.

Helikopter bei der Brandbekämpfung in den Wäldern Kaliforniens

Apokalypse in
Kalifornien