Begriff, Lage und Grenzen

 

Ursprünglich wurde in den weitesten Kreisen der Name Angra Pequena für das ganze Schutzgebiet gebraucht. Auch unter Damaraland wurde es bisweilen verstanden, und in England war diese Benennung noch weit länger ganz allgemein im Gebrauch. Der Kürze halber wird in volkstümlicher Sprechweise neuerdings vielfach statt der amtlichen Bezeichnung Deutsch - Südwest oder einfach Südwest gebraucht (vgl. selbst Frenssens bekannten Roman). - D.-S. wird eingeschlossen von 17° und 29° s. Br.

Der Hauptteil des Schutzgebiets, namentlich das ganze Siedlungsland, liegt ferner zwischen 12° und 21° ö. L.; nur der äußerste Nordwesten und der sog. Caprivizipfel im Osten gehen noch über diese Meridiane hinaus, das zuletzt genannte Gebiet um rund 4 Längengrade. Der südliche Wendekreis schneidet das Land annähernd in der Mitte. Aus dieser Lage innerhalb des Gradnetzes der Erde ergeben sich verschiedene wichtige Einzelheiten. Seiner Breite nach gehört D. - S. zum Teil dem Gebiet an, in dem der Gang der Gestirne die volle Eigenart des Südens zeigt.

Die Sonne vollzieht ihren Tagesweg in dem zwischen Rehoboth und dem Oranje gelegenen Gebiet stets auf der Nordseite, im übrigen Teil des Schutzgebiets passiert sie zweimal im Jahre den Zenit des Ortes, doch liegen diese beiden Höchststände an der Nordgrenze um zwei und einen halben Monat, im Otavigebiet aber nur noch um ein und zwei Drittel Monate auseinander. Das für europäische Siedelung in Betracht kommende Gebiet erfreut sich deshalb in dem Gange der klimatischen Erscheinungen, namentlich der Temperatur, einer weitgehenden Einheitlichkeit, was wieder für die Kultur der Kolonie von Bedeutung ist.

Der Länge nach hat D. - S. die gleiche Zeit wie Mitteleuropa, die Sonne passiert den Meridian der Hauptstadt Windhuk annähernd um dieselbe Zeit wie denjenigen von Posen und Breslau. Dagegen übt die immerhin recht große Nähe des Äquators ihren Einfluß in sehr bemerkbarem Grade auf die Länge des Tages und der Nacht. Der längste Tag, der 21. Dezember, dauert in Windhuk nur von 5 Uhr 5 Min. morgens bis 6 Uhr 34 Min. nachmittags, ist also hier um rund 31/2 Stunden kürzer als in Mitteldeutschland.

Umgekehrt verhält sich natürlich die Dauer des kürzesten Tages, des 21. Juni. Schließlich hängt eine weitere, für das bürgerliche Leben sehr wichtige Erscheinung mit dieser Breitenlage zusammen. Die Dämmerung, die bei uns die hellen Tagesstunden ganz bedeutend verlängert, ist hier von viel kürzerer Dauer als in Mitteleuropa.

Die Weltlage von D. - S. ist aber auch in anderer Hinsicht bemerkenswert. Seine Entfernung von den Häfen Europas ist so groß, daß sie allein schon eine sehr wesentliche Verlängerung der Fahrtdauer von diesen bis nach Swakopmund bedingt. Swakopmund ist von Hamburg auf dem Dampferwege über Las Palmas 5800 Seemeilen (1 Seemeile = 1850 m) entfernt, das ist die 1,6fache Entfernung von dort nach Newyork. Aber noch ein anderer geographischer Grund muß für die so lange dauernde Isolierung des jetzigen Schutzgebiets und für sein spätes Auftauchen im Weltverkehr maßgebend erachtet, werden.

Mehr noch als Entfernungen wie die angeführte, hat die Lage des Landes innerhalb der südafrikanischen Klimagebiete zu seiner Unberührtheit beigetragen. Alle Seiten, an denen eine Berührung mit der Kultur anderer Länder möglich war, sind durch Einöden, teilweise durch solche von schlimmster Art, gegen engere Beziehungen nach außen versperrt gewesen. Die Küstenzone, anderwärts der Ausgangspunkt fremden Einflusses ist das größte Verkehrshindernis, dem man innerhalb des Schutzgebiets begegnet. Im Süden aber und im Südosten, also in der Richtung der hochentwickelten niederländisch - britischen Kulturlandschaften der Kapkolonie, lagert sich ein viele hundert Kilometer breiter Landstrich von dürftigster Beschaffenheit, der eben darum selbst auf englischem Gebiet nur äußerst schwach von Weißen besiedelt ist, zwischen das fruchtbare Gebiet am Kap der guten Hoffnung und die besseren Landschaften des Groß - Nama- und des Hererolandes.

Diese Landschaft verdient selbst heute noch geradezu den Namen einer Verkehrswüste. Im Osten endlich, wo ja ebenfalls seit Jahrzehnten ein Hin- und Herüber sich hätte entwickeln können, wenn es auf die wirtschaftliche Ergänzung allein angekommen wäre, lagert sich eine noch wirksamere Trennungszone, die an Oberflächenwasser so arme Kalaharisteppe zwischen unser Land und die von der Natur so begünstigten Hochländer am oberen Oranje und am Vaal. Einzig und allein der Norden, diese rein tropische, von europäischer Kultur noch ganz unbeeinflußte Binnenlandschaft, ist durch gut bevölkerte Landschaften mit dem Innern des tropischen Afrika verbunden.

Dort aber fehlt es bis jetzt noch an allem, was als verknüpfende, Länder aneinander fesselnde Beziehung gedacht werden könnte, ja dort dürfte, dem in ganz Südafrika gültigen Gesetz von dem Vordringen der Kultur folgend, diese umgekehrt von Süden nach Norden ihren künftigen Siegeszug antreten. Man geht nicht fehl, wenn man die Unterschätzung des wirtschaftlichen Werts, unter der D.-S. so lange zu leiden gehabt hat, zum nicht. geringen Teil diesem Mangel an Verbindungen nach außen zuschreibt. Das, was man bei der ersten Berührung mit dem Lande kennen lernte, mußte geradezu abschreckend wirken; was das Land auf den ersten Blick an Wertvollem bot, Robbenfelle und später Guano, das wurde an der Küste selbst gewonnen.

Die Zone, die auf diese folgt, bot nichts, was die Seefahrer zur Anknüpfung von Handelsbeziehungen hätte verlocken können. Denn -das ist wohl zu beachten - was an wirklich wertvollen Dingen auch von dort zu erlangen war, Straußenfedern und Elfenbein (dies natürlich schon seit langer Zeit nur noch aus dem Norden), das wurde vor einem halben Jahrhundert in weit reicherem Maße in den von der Kapkolonie aus viel leichter zu erreichenden Binnenländern des Ostens, ja die ersteren sogar noch in der Kolonie selbst gewonnen, so daß also auch hier jeder Anreiz fehlte, die öden Trennungslandschaften unter Mühseligkeiten und unter dem Risiko des Verlustes von Wagen und Ochsen zu durchwandern.

Als reich an Rindern war freilich das Land auch in jenen Zeiten bekannt. Aber wer hatte ein Interesse daran, solche einzuhandeln, solange in den britischen und holländischen Gebieten Überfluß an solchen vorhanden war? Erst als die Goldentdeckungen am Witwatersrand die Preise auf eine in Südafrika bis dahin ungeahnte Höhe trieben, sehen wir das Bedürfnis nach einer engern Beziehung zwischen beiden Gebieten sich zeigen. Und damals wurde tatsächlich zuerst die große Mittelsteppe von einigen wirklichen Handelszügen durchkreuzt, die diese Spannung der Preise mit den billig erworbenen Hererorindern auszunutzen versuchten. Heute, wo man sich auch in Deutschland an eine richtigere Einschätzung der südwestafrikanischen Kolonie gewöhnt hat, ist es jedenfalls nützlich, sich zu erinnern, daß es vorwiegend die, Weltlage ist, die die schiefen Urteile über dies Land verschuldet hat.

Die Grenzen des Schutzgebiets sind nur im Norden und Süden, eine den Kunene mit dem Okawango verbindende Linie ausgenommen, Naturgrenzen. Die Ostgrenze ist in der in jungen Staatsgebilden Außereuropas so häufigen Art gezogen; sie verläuft vom Oranjetal, der Südgrenze, auf dem 20° ö. L. bis zum 22° s. Br., dann auf diesem bis zum 21° ö. L., auf dem sie bis zum Caprivizipfel entlang zieht. Diese schmale Zunge deutschen Gebiets wird vom 21° ö. L. bis zum Maschi - Linjanti ebenfalls, ferner im Norden von Libebe am Okawango bis zum Sambesi durch gerade Linien, im Osten dagegen durch den Linjanti und den Sambesi selbst begrenzt. In D.-S. bedarf diese Abgrenzung zwar in einzelnen Landschaften der Verbesserung, bei der eigenartigen Beschaffenheit der Kalahari hat sie indessen nicht jene Nachteile zur Folge gehabt, die sich in manchen anderen Ländern bei dieser rein äußerlichen Art der Linienziehung ergeben haben.

An einer Stelle erscheint dagegen eine Verschiebung der jetzigen Grenze in größerem Maßstabe in Zukunft geboten. Im Ambolande, das ebenfalls nicht durch eine Naturgrenze von Angola getrennt ist, zieht sie mitten durch das Gebiet eines und desselben Volkes, Zusammengehöriges trennend. Sobald die wirtschaftliche Erschließung dieses Gebietes beginnt, wird zur Vermeidung von Unzuträglichkeiten aller Art sich eine Änderung des bestehenden Zustandes wünschenswert machen.

 

Begriff Lage und Grenzen