Das erste deutschostafrikanische Nashorn in Europa

von Dr. L. Heck, Direktor des Berliner Zoologischen Gartens.

"Dann wird es hoffentlich auch gelingen, einmal ein junges deutschostafrikanisches Nashorn lebend herüberzubringen! Ein Festtag für unsern zoologischen Garten...." So schrieb ich 1896 im "Tierreich".

Damals hätte ich nicht geglaubt, daß es noch bis zum Jahr 1904 dauern würde, ehe wir diesen bedeutsamen Festtag feiern könnten. Aber die größten Anstrengungen, die von den verschiedensten Seiten gemacht worden sind, hatten alle nur Mißerfolge. Da ging vor Jahresfrist Freund Schillings auf seine vierte Afrikareise, durch die er jetzt das ganze deutschostafrikanische Tierleben in einer ans Unmögliche grenzenden Vollkommenheit photographisch verewigt hat, und das Letzte, was ich ihm am Anhalter Bahnhof in den abfahrenden Expreßzug hinein nachrief: "Bringen Sie mir ein Nashorn mit!" Und er hat es gebracht.

Er ist aber auch der geborene Tierliebhaber, echte Jäger und Wildkenner und nicht zuletzt der zähe, verwegene Kraftmensch der dazu gehört um so etwas fertig zu bringen. Doch hören wir ihn selbst!

Er hat mir alles mit der ihn auszeichnenden Lebhaftigkeit und Anschaulichkeit erzählt, und ich will mich bemühen, es annähernd so wiederzugeben. Fraglos wird der weidgerechte deutsche Jäger nur unter ganz besonderen Umständen ein Muttertier töten, das ein Kalb führt. Zwei solcher Fälle sind möglich: der eine, wenn dieses natürlich besonders reizbare Tier den Reisenden und seine Karawane angreift, der andere, wenn das Junge lebend gefangen werden soll. Natürlich ist es ein Augenblick höchster Spannung, wenn der Jäger inmitten dickster Dornenwildnis plötzlich auf kaum hundert Schritt eine Nashornmutter erblickt in Begleitung eines einige Monate alten Jungen. Dann heißt es kurz entschlossen handeln. Die Büchse an den Kopf, und im nächsten Moment wirft sich, spitz von vorn getroffen, die Alte auf der Hinterhand herum, mit einer Fixigkeit, wie man sie solchem "plumpen Dickhäuter" nicht im entferntesten zutrauen sollte. Auf dem harten Steppenboden verhalt das Getrampel, und nur eine geringe Schweißfährte (Blutspur) zeigt, wohin das Tier seinen Weg genommen.

Die nächste Viertelstunde vergeht unter angestrengtester Suche, die begleitenden Afrikaner erklimmen jeden Termitenhaufen, um Umschau zu halten in der Buschwildnis, die — es war im Mai 1903 nordwestlich vom Kilimandscharo — jene Hochsteppen mit dichtem Grün überzieht. Plötzlich ein leiser Ausruf eines der Spähenden: er hat auf kurze Entfernung das Wild erblickt. Rasch und geräuschlos ist ihm Schillings selbst auf seiner Hochwarte zur Seite; aber ein Blick des genauen Kenners genügt, um festzustellen, daß es ein anderes Nashorn ist, und zwar nach der Kürze und Dicke der Hörner ein Bulle. Jetzt erhält er Wind und wird polternd flüchtig.

Wir befinden uns in einem Dorado der Nashörner. Jeder Schritt kann wieder eine unliebsame Begegnung bringen, und doch gilt es, mit möglichster Schnelligkeit vorwärts und hinter dem Stück herzukommen, auf das es eigentlich abgesehen ist. Bald sind Kleider, Gesicht und Hände arg zerfetzt; aber man muß jeden Moment erwarten, auf die krank geschossene Nashornkuh mit dem Jungen zu stoßen. Dann gibt es außer einem tödlichen Schuß auf das durch die Dornen anstürmende Tier keine glückliche Lösung für den Jäger; denn Baum und Strauch halten ihn wohl fest, werden aber von einem wütenden Nashorn wie Grashalme überrannt und zerknickt.

In weitem Bogen geht die Schweißfährte weiter, dem Berg zu. Es wird immer klarer, daß die Kugel schlecht sitzt, weil sie das Wild spitz von vorn traf. Aus Minuten werden Stunden, und auch die Stunden entschwinden. Die Sonne erreicht ihren Höhepunkt, und ein quälender Durst stellt sich ein. Aber selbst auf die Gefahr hin, ohne Wasser übernachten zu müssen, muß die Fährte gehalten werden. So wird es vier Uhr ohne einen Augenblick der Rast. Unbegreiflich erscheint es, wie das Junge diese Leistung mitmachen kann.

Endlich wird klar, warum die Alte den weiten Bogen genommen. Die Verfolger gelangen an einen Regenwassertümpel, in dem sie sich ersichtlich längere Zeit niedergetan und erfrischt hat. Das lehmig getrübte, dicke Wasser bietet auch den Jägern einige Erquickung.

Nur wenige Minuten weiter, und mitten aus dem dichtesten Akaziengrün schnaubt ihnen die Nashornmutter entgegen, um im nächsten Augenblick mit tödlichem Kopfschuß zu Boden gestreckt zu werden.

Durchdringend quiekend und schreiend, versucht das Junge zu entfliehen. Aber während Schillings selbst, durch böse Erfahrungen gewitzigt, nicht versäumt, der im Todeskampf sich wälzenden Mutter noch zwei Fangschüsse zu geben, stürzen sich, angefeuert durch seine Zurufe, die afrikanischen Begleiter auf das Junge. Dieses greift sie sofort an und wendet sich schnaubend gegen die Fänger. Jetzt muß die europäische Energie vorbildlich eingreifen: in inniger Umarmung wälzt sich der Weiße selbst mit dem jungen Nashorn am Boden. Da fassen auch die Schwarzen besser zu, fesseln glücklich das Tier mittels der Stricke, die sie für solche Zwecke stets um den Leib tragen.

Es wird der Marsch nach dem Lager angetreten. Aber sehr bald weigert sich das Tier unter unwilligem Quieken, weiterzugehen, und es bleibt nichts anderes übrig, als vier Mann mit ihm unter einem Baum warten zu lassen, bis Hilfe aus dem Lager geholt werden kann, was glücklicherweise nicht allzulange dauert dank dem großen Bogen, den die verwundete Nashornmutter genommen. Es wird aber doch ganz spät am Abend, bis ein ganzer Trägertroß, im Eilschritt sich abwechselnd, auf einer Tragbahre den kostbaren Fang ins Lager bringt, mit all dem kindlichen Jubelgeschrei, ohne das es der Afrikaner in solchen Fällen nun einmal nicht tut.

Im Lager beginnen nun die außerordentlichen Schwierigkeiten der künstlichen Aufzucht, der außer dem Reisenden selbst und seinem weißen Jäger mehrere Schwarze sich ausschließlich zu widmen haben. Um genügend Milch zu haben, muß von dem wenig ergiebigen Rindvieh des Landes eine ganze Herde angeschafft werden. Um das Tier trotz größtmöglicher Freiheit lenksam und für den Marsch beweglich zu machen und zu erhalten, muß es, unter Benutzung einer gewissen Neigung gefangener Nashornkälber, sich an ein anderes Tier anzuschließen, an einige Ziegen gewöhnt werden, die es anfangs allerdings nicht weniger als freundlich aufnimmt, bald aber gar nicht mehr missen mag. Das gilt auch noch bis auf den heutigen Tag, und daher der für den Unkundigen vielleicht etwas befremdliche Anblick, das diese Ziegen auch im Elefantenhaus des Berliner Zoologischen Gartens seinen Stall teilen.

 

Bericht