Bevölkerung.

 

Die Bevölkerung kann an dieser Stelle nur in ihren gemeinsamen geographischen Beziehungen behandelt werden, da die ethnologischen und geschichtlichen Besonderheiten unter den die einzelnen Völker betreffenden Stichworten ausführlich behandelt sind. Südwestafrika war von jeher ein Land ausgedehnter Völker- und Rassenverschiebungen. Gilt das von jener Zeit, in welcher die Herero (s. d.) von Norden eindrangen, so haben die unter steten Kämpfen sich vollziehenden Veränderungen sowohl zwischen den beiden Hauptrassen, der schwarzen und der gelben, mit dem Zusammenstoß beider keineswegs ihr Ende erreicht.

Sie interessieren uns hier insofern, als sie bis zum Eintreten der deutschen Herrschaft fast allein d ie geschichtliche Entwicklung des Landes bezeichnen. - Man kann drei große Perioden dieser Volksverschiebungen unterscheiden. Die erste beginnt mit dem Eindringen der zu den Bantu gehörigen Herero (s. d.) in das später von ihnen bewohnte Gebiet, das wir uns etwa um die Mitte des 18. Jahrh. als bereits vollzogene Tatsache vorstellen müssen. Urkundlich festgelegte Erinnerungen an diese Zeit haben wir nicht, da unsere wertvollsten Zeugen für die frühere Geschichte des Landes, die Missionare, damals noch nicht im Lande weilten.

Einzelnen Mitteilungen von Reisenden können wir indessen die bei dem Gegensatz zwischen den beiden Hauptvölkern nicht gerade erstaunliche Tatsache entnehmen, daß bereits damals häufige und erbitterte Kämpfe zwischen den beiden Hauptrassen stattgefunden haben. Ein eigenartiger Umstand zwingt uns zu der Annahme, daß die Hottentotten (s. d.) vorher die Herren auch eines Teiles des späteren Hererolandes gewesen sein müssen. Denn anders ist das Merkwürdige nicht zu erklären, daß die Haukoin oder Bergdamara (s. d.), die ja ursprünglich zum weitaus größten Teile die einsameren Hochflächen innerhalb des Hererolandes bewohnen, an Stelle ihrer eigenen, verloren gegangenen Sprache diejenige der gelben Rasse angenommen haben. -

Die zweite Periode der Landesgeschichte setzt in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrh. ein. In dieser Zeit geht der Anlaß zu neuen Völkerverschiebungen von der hellfarbigen Rasse aus; sie nimmt ihren Anfang mit dem Eindringen der Orlam (s. Hottentotten) in das Gebiet der heutigen deutschen Kolonie und mit der kraftvollen und zielbewußten Gegenbewegung gegen das weitere Vordringen der Herero, die durch das Eingreifen dieser bereits höher kultivierten Stämme, unter denen vor allem die Afrikaaner (s. d.) und erst viel später die Witbois (s. d.) zu nennen sind, beginnt. Dieser Zeitraum, der mit der Unterwerfung der Herero seinen Höhepunkt erreichte, brachte aber nicht allein die Hottentotten wieder an die Spitze der Eingeborenen, sondern er verursachte, wie das bei afrikanischen Völkern fast immer beobachtet wird, auch starke Machtverschiebungen innerhalb der nunmehr die Oberhand gewinnenden Rasse.

Unter ihr hatten in erster Linie die sog. Urstämme zu leiden, die während dieser Zeit mehr und mehr ihre alte Stellung als Machthaber einbüßten, die damit an die Eindringlinge aus der Kapkolonie überging. - Der letzte und wichtigste Abschnitt der geschichtlichen Entwicklung beginnt mit dem Eingreifen des Europäertums in die Geschicke des Landes. In gewissem Sinne kann man, den Anfang dieser "Neuzeit" der Geschichte von Südwestafrika in der mit Hilfe europäischer Einflüsse zustande gekommenen Losreißung der Herero von den hottentottischen Machthabern unter Kamaharero erkennen. Doch kann man die größere Bedeutung der Hottentottenführer gegenüber den Hererokapitänen schließlich in ihrem Ausklingen noch in den Kämpfen Hendrik Witbois (s. d.) gegen die Schwarzen wiederer kennen, die erst acht Jahre nach der Inbesitznahme des Landes durch Deutschland endgültig beendigt wurden.

In diesen Jahren waren, von dem Engländer Palgrave bis zu den Kommissaren Goering (s. d.) und v. Francois (s. d.), auch die offiziellen Einflüsse der Vertreter europäischer Völker tätig, um die früheren, ungeordneten Zeiten ohne Schaden für das Land zu beendigen. Jetzt beginnt letzten Endes die höhere Kultur, deren Wirken die wirtschaftlich wertlosere weichen muß und unter deren Einflusse wir dies Zurückweichen ganzer Völker vor sich gehen sehen, zunächst in schrittweisem Aufgeben ihres "ererbten", d. h. schließlich doch auch nur eroberten und dann mit immer neuen Gewalttaten erhaltenen Besitzstandes, und zuletzt in dem großen Ringen um die wirkliche Herrschaft, das noch keiner Kolonialmacht unter ihr an Zahl überlegenen Eingeborenenvölkern erspart ward.

Dieser Gang der Ereignisse vollzieht sich überall wie nach einem ehernen Gesetz; er hat auch in Südwestafrika dazu geführt, daß man erst seit 1907 von einer wirklichen Herrschaft Deutschlands, d. h. von einer Leitung der Politik und der Wirtschaft sprechen kann. - Nach der völligen Unterwerfung der Herero und der Hottentotten im gedachten Jahre stellt sich die Einwohnerzahl des Siedlungsgebiets, die großenteils durch Zählung, in einzelnen Fällen auch durch Schätzung ermittelt ist, auf (1912) 103 000 Seelen. Rechnet man das Tropengebiet hinzu so ist, unter der Voraussetzung, daß die von dort stammenden Schätzungen einigermaßen der Wahrheit entsprechen, seine Gesamteinwohnerzahl auf rund 180 000 anzusetzen, wobei für das Amboland etwa 60 000, für den Caprivizipfel ungefähr 20 000 Seelen in Anschlag gebracht werden. Die Bevölkerungsdichte der ganzen Kolonie mit ihren 8 30 000 qkm würde dann im Durchschnitt 0,22 betragen, d. h. mit anderen Worten, daß auf jeden Einwohner beinahe 5 qkm Landes kommen. (In den amtl. Jahresberichten wird die Gesamtzahl der einheimischen farbigen Bevölkerung Anfang 1913 auf nur 78 810 Köpfe angegeben.) -

In Wahrheit wird dies Bild der Volksverteilung noch viel eigenartiger, wenn man nur das Siedlungsgebiet berücksichtigt, das ja einschließlich des Kaokoveldes allein 700 000 qkm umfaßt. Hier ergibt die Beziehung der Bevölkerung auf die Fläche die unglaublich niedrige Volksdichte von 0,12, d. h. erst auf 8 qkm kommt in diesem ungeheuren Gebiet ein Mensch. Die Dichte der Weißen ist trotz ihrer Zunahme heute noch so gering, daß auf jeden von ihnen rund 50 qkm Landes, fast eine deutsche Quadratmeile, kommen! - Die eingeborenen Farbigen des Siedelungsgebietes lassen noch heute sowohl in ihrem gegenseitigen Verhältnis wie in der räumlichen Verteilung das Bild der früheren Jahre erkennen, wenngleich die Kopfzahl sich naturgemäß gegen die Jahre vor dem Kriege erheblich verringert hat. Auch jetzt machen die Herero mit 24, die Bergdamara mit 24 und die Hottentotten mit 14 % den weitaus größten Teil der im Lande beheimateten Farbigen aus. Merkwürdig ist die verhältnismäßig große Zahl der Buschmänner (s. d.), 8400, während die Zahl der Bastards (s. d.) und Mischlinge sich auf 4200 beläuft.

Ganz in den Hintergrund treten die Betschuanen (s. d.), während wir in den Ovambo (s. d.; die Owatjimba sind den Herero zugerechnet) eine der Veränderung stark unterworfene Bevölkerung zu sehen haben (1910 = 8700 gegen 10 500 im Jahre 1912 und 5700 im Jahre 1913), die ja auch nicht zu den im eigentlichen Siedlungsgebiet heimischen Eingeborenen gerechnet werden können. Ihrer geographischen Verteilung nach sitzt die Hauptmasse der Herero heute wieder in dem Gebiet ihrer ehemaligen Verbreitung, d. h. im alten Hererolande. Im Süden trifft man sie in etwas größerer Zahl lediglich im Bezirk Keetmanshoop, wo sie ein Sechstel der farbigen Bevölkerung bilden, während sie etwa die Hälfte der Farbigen von Omaruru ausmachen.

Die Hottentotten überwiegen im Süden. Schon im Bezirk Windhuk sind sie recht zahlreich, bilden aber erst im eigentlichen Süden des Groß - Namalandes die Hauptmasse der Eingeborenenbevölkerung. Die Bergdamara sind ganz vorwiegend auf das Gebiet des Hererolandes einschließlich des Bastardlandes beschränkt, also auf die Landschaften, in denen sie von jeher beheimatet waren. Die wenigen Betschuanen leben im Osten von Windhuk, vor allem im Bezirk Gobabis, die Buschmänner hauptsächlich im Nordosten (Bezirk Outjo und Grootfontein) und im Osten des bis in die Kalahari reichenden Bezirks Gobabis. Die im Siedlungsgebiet als Arbeiter tätigen Ovambo sind in großer Zahl im Minengebiet von Grootfontein, daneben aber auch in beträchtlicher Menge im Bereich der Diamantenfundstellen beschäftigt.

Weit mehr als die Hälfte der Mischlinge bzw. der Bastards (s. d.) sitzt im Rehobother Lande, etwa der elfte Teil von ihnen im Gebiet der Südbastards im Osten des Bezirks Keetmanshoop. Fremde Farbige, zumeist solche aus dem Kaplande, wurden 1913 nicht weniger als 2648 gezählt. Sie sind namentlich im Süden, auch im südlichsten Hererolande, beschäftigt. - Die weiße Bevölkerung, unter der die, Männer immer noch die Frauen und Kinder erheblich überwiegen, zeigt ein starkes Fortschreiten. (S. a. 8. Besiedelung durch Weiße). 1901 betrug ihre Gesamtzahl 3643, 1913 bereits 14 830. Während aber 1901 auf 100 Männer erst 19 Frauen kamen, gab es deren, in derselben Weise auf die männlichen Erwachsenen verrechnet, am 1. Jan. 1911 bereits 27.

Ein wenn auch langsamer doch immerhin erkennbarer Fortschritt. Die Weißen sind in größter Zahl im ältesten Siedlungsgebiet, also namentlich im Gebiet von Windhuk, anzutreffen. Hier saßen Anfang 1912 nicht weniger als 13 % aller im Schutzgebiete vorhandenen Europäer. Dagegen bilden sie selbst hier nur 24 % der gesamten Bevölkerung des Bezirks, ein Zahlenverhältnis, das immerhin zu denken gibt. - Der Staatsangehörigkeit nach überwiegen die Deutschen. Zehn Jahre vorher erst 61 %, umfaßten sie 1912 bereits 82 % aller Weißen. Neben ihnen sind die Kolonialengländer, zum größten Teil südafrikanische Buren, vertreten, während die Angehörigen aller anderen Staaten, außer österreich - ungarischen und englischen Staatsangehörigen, nur schwach vertreten sind. In konfessioneller Hinsicht ist das Übergewicht der Protestanten, rund 80 %, bemerkenswert, während auf die Katholiken etwa 17 % der Gesamtbevölkerung entfallen. - Dem Berufe nach gehört immer noch ein sehr großer Teil der erwachsenen Männer, die hier allein in Betracht kommen, der Schutztruppe und dem Beamtenstande an.

Von den der Zivilbevölkerung angehörenden Männern waren bereits 1911 fast 24 % Landwirte, mit dem Handel befaßten sich 17, mit der Ausübung eines Handwerks oder als Arbeiter dagegen waren 43 % aller erwachsenen Zivilpersonen beschäftigt. - Die Zahl der Kinder ist bereits ziemlich groß. Während das Schutzgebiet im Jahre 1901 deren erst 790 zählte, gab es 1913 schon 2962 in Südwestafrika, ein Beweis, wie wichtig die Schulfrage in dieser Kolonie ist. Dove.

 

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