Deutsch-Ostafrika war die Bezeichnung für die von 1885 bis 1918 bestehende deutsche Kolonie (amtliche Bezeichnung „Schutzgebiet”) in Ostafrika, die sich über die heutigen Staatsgebiete von Tansania (Tanganyika), Ruanda und Burundi erstreckte. Verwaltungssitz der deutschen Kolonialverwaltung des etwa 930 000 Quadratkilometer großen Gebiets war zunächst Bagamoyo, ab 1901 Daressalam. Die Annektierung, Inbesitznahme und Erschließung der Kolonie vollzog sich in mehreren Phasen.

ANFÄNGE DER DEUTSCHEN KOLONIALPOLITIK UND DIE KOLONIALE AUFTEILUNG AFRIKAS

Im Rahmen der vor allem nach der Reichsgründung 1871 schnell steigenden Industrialisierung Deutschlands forderten Teile der deutschen Wirtschaft eine deutsche Kolonialpolitik, durch die neue Absatzmärkte und Rohstoffquellen erschlossen werden sollten. Ab Ende der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts verstärkte sich die deutsche Kolonialbewegung, was 1882 die Gründung des Deutschen Kolonialvereins (ab 1887 Deutsche Kolonialgesellschaft) nach sich zog. Dennoch spielte Deutschland unter Reichskanzler Bismarck im Vergleich zu anderen europäischen Ländern zunächst eine eher zurückhaltende kolonialpolitische Rolle. Bismarck, der sich noch 1881 gegen eine expansive Kolonialpolitik stellte, wollte durch den Erwerb von außereuropäischen Gebieten nicht das empfindliche Gleichgewicht der europäischen Mächte, hierbei vor allem das Verhältnis zu Großbritannien, stören; zudem schätzte er die Kosten der Kolonialpolitik für das Deutsche Reich durch Schutz- und Verwaltungsaufgaben höher ein als deren wirtschaftlichen Nutzen.

Der vor allem 1884 und 1885 unter Bismarck betriebene deutsche Expansionismus beruhte denn auch auf eher innen- und außenpolitischen denn auf ökonomischen Argumenten. Durch die Erwerbung von Kolonialbesitz sollte die Möglichkeit geschaffen werden, die durch die Industrialisierung geschaffenen sozialen Spannungen z. B. durch Auswanderungsmöglichkeiten zu entschärfen und innenpolitische Probleme zu verschleiern; weiterhin wollte sich der Kanzler bei den Reichstagswahlen vom 28. Oktober 1884 die Stimmen der prokolonialen Parteien sichern und so die Sozialdemokraten schwächen. Im wirtschaftspolitischen Bereich sollte die Kolonialpolitik vor allem den durch die Zollschutzzonen der anderen Kolonialmächte beschränkten deutschen Außenhandel stärken und das von 1882 bis 1886 herrschende Konjunkturtief durch neue Rohstoffquellen und Absatzmärkte überwinden.

Nachdem in der Berliner Kongokonferenz Afrika am grünen Tisch unter den Großmächten verteilt worden war, versuchten diese, ihre afrikanischen Interessensphären so weit und so schnell wie möglich auszudehnen und somit ihre Besitzansprüche zu manifestieren. Dies geschah im Rahmen von „Schutzverträgen”, die unter Anwendung dubioser Mittel, aber auch durch militärischen Druck mit lokalen politischen Führern in Afrika geschlossen wurden. Durch diese Verträge wurde nach europäischem Verständnis, jedoch nicht nach afrikanischer Auffassung, die Souveränität über das Land an die „Schutzmacht” abgetreten. Auf diese Weise wurden auch die deutschen „Schutzgebiete” in Ostafrika annektiert. Geschützt wurden durch solche Verträge also die Interessen der Kolonialmächte, deren Herrschaft über die Landesgrenzen hinaus ausgedehnt wurde. Dieser Inhalt sollte durch die Vertragsform beschönigt werden.

ANNEKTIERUNG UND INBESITZNAHME DES DEUTSCHEN SCHUTZGEBIETS AB 1884

Bereits im Herbst 1884 hatte Dr. Carl Peters die „Gesellschaft für deutsche Kolonisation” gegründet; zusammen mit drei weiteren Gesellschaftern reiste er unter falschem Namen nach Sansibar und schloss auf dem benachbarten Festland zwölf so genannte Schutzverträge ab. Die wirtschaftliche Erschließung sollte die am 12. Februar 1885 unter der Führung von Peters gegründete Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft (DOAG) übernehmen, an der hauptsächlich mittelständische Aktionäre beteiligt waren. Nachdem Bismarck mehrmals den von Peters erbetenen Schutz für die Erkundung Ostafrikas zuerst abgelehnt hatte, wurden die von diesem erworbenen Territorien am 27. Februar 1885, einen Tag nach der Beendigung der Kongokonferenz, als dritte überseeische Besitzung unter deutschen Schutz gestellt; der kaiserliche Schutzbrief berechtigte die DOAG zu weiteren Annektierungen in Ostafrika.

Die Methoden, durch die Peters riesige Territorien im Landesinneren des heutigen Tansania erwarb – etwa durch Erschießungen, Betrug und Entführung afrikanischer Frauen –, veranlasste u. a. auch die bereits seit längerem in Ostafrika ansässigen deutschen Händler zu Beschwerden. Die Proteste des Sultans von Sansibar blieben bei den Briten ungehört; Großbritannien wollte sich die deutsche Unterstützung gegenüber Frankreich im Streit um das 1882 von den Briten annektierte Ägypten sichern. 1885 wurde der Widerspruch des Sultans durch Entsendung eines deutschen Flottengeschwaders vor Sansibar unterdrückt. 1886 schließlich wurde die deutsch-portugiesische Grenze in Ostafrika festgelegt, zudem einigte sich das Deutsche Reich mit Großbritannien über die Aufteilung des Gebiets. Die Festlandsbesitzungen Sansibars wurden auf einen 16 Kilometer tiefen Küstenstreifen beschränkt, das Hinterland teilten sich Großbritannien und Deutschland entsprechend der heutigen kenianisch-tansanischen Grenze auf. Im Herbst des gleichen Jahres kaufte das Deutsche Reich Anteile an der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft im Wert von einer halben Million Mark und wurde somit zum größten Anteilseigner; 1887 erwarb Peters für die DOAG das Küstengebiet von Umba bis zum Fluss Rovuma im Süden und errichtete dort zehn Stationen. 1888 schließlich pachtete die DOAG vom Sultan von Sansibar einen Küstenabschnitt, über den sie die Oberhoheit ausübte.

Die Aufteilung des weiter im Landesinneren liegenden Zwischenseengebiets im heutigen Uganda schließlich wurde am 1. Juli 1890 im Helgoland-Sansibar-Vertrag zwischen dem Deutschen Reich und Großbritannien verbindlich geregelt. Obwohl das Gebiet in der britischen Einflusssphäre lag, hatte Carl Peters, der 1889 aufgrund seiner brutalen Vorgehensweise aus dem Direktorium der DOAG entlassen wurde, auch hier bis Ende der achtziger Jahre etliche Schutzverträge abgeschlossen. In dem Abkommen erkannte das Deutsche Reich die britische Souveränität in diesem Gebiet sowie auf Sansibar an und gab zudem seine Ansprüche auf das so genannte Witu-Land, ein Sultanat unter deutscher Schutzherrschaft im heutigen Nord-Kenia, auf. Im Gegenzug übereigneten die Briten die Insel Helgoland an das Deutsche Reich und zudem das Recht, dem Sultan von Sansibar die gesamte Küste von Tanganyika abzukaufen.

1890 schließlich wurde die Übergabe der belgisch besetzten Gebiete im heutigen Ruanda und Burundi als Verwaltungseinheit „Ruanda-Urundi” an das Deutsche Reich vertraglich vereinbart; die Grenzen der Kolonie Deutsch-Ostafrika waren somit festgelegt.

„BEFRIEDUNG” DER KOLONIE BIS 1900

Nach dem Rücktritt Bismarcks 1890 gewannen die sozialimperialistischen Grundzüge der deutschen Kolonialpolitik unter Kaiser Wilhelm II. die Oberhand. Dieser unterstellte ab 1. Januar 1891 alle deutschen Kolonien als Kronkolonien dem Auswärtigen Amt in Berlin. So auch gegen eine Zahlung von sechs Millionen Mark und Garantie der Finanzmarkts- und Außenhandelsrechte das im Besitz der DOAG befindliche Territorium. Hier hatte sich vor allem durch den 1888 ausgebrochenen Swahili-Aufstand unter der Führung von Bushiri gezeigt, dass sich Widerstand gegen die deutsche Herrschaft formierte. Diese Revolte hatte sich von Bagamoyo aus an der Küste ausgebreitet und war erst mit militärischer Hilfe des deutschen Reichs bis Ende 1889 niedergeschlagen worden. Dabei zerstörten die Truppen unter der Leitung von Major Hermann von Wissmann alle Städte, die an dem Aufstand beteiligt waren.

1891 wurde der erste deutsche Gouverneur in Deutsch-Ostafrika eingesetzt und die 1889 aufgestellte Wissmann-Truppe zur Kaiserlichen Schutztruppe ernannt. Zu deren Verstärkung warb man 1 800 Afrikaner, die so genannten Askaris, an. Carl Peters stieg zum „Kaiserlichen Reichskommissar” des Kilimanjaro-Gebiets auf, wo er sich aufgrund seines brutalen Vorgehens gegenüber den Afrikanern den vielsagenden Beinamen „Hänge-Peters” erwarb. Peters löste mit seinen Prügel- und Todesurteilen den 1894 niedergeschlagenen Aufstand der Chagga aus und musste in der Folge den Dienst quittieren. Im gleichen Zeitraum scheiterte auch die 1891 begonnene Revolte der Hehe unter ihrem Führer Mkwawa gegen die deutsche Kolonialmacht. Erst nach zahlreichen, „Strafexpeditionen” genannten militärischen Einsätzen, die insgesamt mehrere zehntausend Opfer forderten, konnten bis zur Jahrhundertwende die im Gebiet ansässigen Nyamwezi, Ngoni, Gogo, Haya und Yao endgültig unterworfen werden.

EINRICHTUNG DER KOLONIALEN VERWALTUNG UND ZERSTÖRUNG DER INDIGENEN (einheimischen) WIRTSCHAFT

1897 wurde die so genannte Hüttensteuer eingeführt, die von jedem erwachsenen afrikanischen Mann gegen Androhung schwerer Strafen (Prügel, Inhaftierung der Frauen, Zerstörung der Häuser) entrichtet werden musste. Durch sie wurden die Afrikaner zur Arbeit für Geld auf Gemeinschaftsfarmen („Schamben”) sowie zum Anbau von Cash Crops (ab 1900 Kautschuk und Baumwolle, dann Sisal, Kaffee und Erdnüsse) gezwungen; in manchen Gebieten mussten Dörfer zudem Arbeitskräfte für Bauprojekte und Plantagen abstellen. Diese Formen der Zwangsarbeit bewirkten neben anderen Faktoren eine grundlegende Veränderung und in vielen Teilen eine Zerstörung der indigenen Wirtschaft.

Steuereintreibungen und Organisation der Zwangsarbeit wurden lokalen Repräsentanten der Kolonialmacht übergeben. An der Küste übernahmen dies ehemalige Verwalter des Sultans von Sansibar (Liwali), in weiten Gebieten des heutigen Tansania setzte die deutsche Kolonialverwaltung Akidas (Bezirkschefs, Oberhäupter) ein, meist Araber oder Swahili, denen so genannte Jumben (Dorfvorsteher, in der Regel traditionelle Autoritäten) unterstanden. Dieser Form der direkten Verwaltung stand in Ruanda und Urundi eine indirekte Verwaltungsform gegenüber, bei der hochgestellte Hima (Mwami) als Verwaltungskader eingesetzt wurden.

DIE ERSCHLIESSUNG DER OSTAFRIKANISCHEN KOLONIE AB ETWA 1900

Vor allem ab 1898 schließlich wurde im Rahmen der deutschen Weltpolitik die Kolonialpolitik verstärkt betrieben; sie sollte der Nation einen „Platz an der Sonne” verschaffen. Man erhoffte sich dadurch u. a. eine Verbreiterung der Rohstoffbasis für die deutsche Wirtschaft, aber auch Machterweiterung sowie innenpolitische Stabilisierung, wobei die Kolonien als nationales Identifikationsobjekt dienten.

Bis zur Jahrhundertwende hatte die deutsche Kolonialmacht in den ostafrikanischen Gebieten im heutigen Tansania die wichtigen Regionen weitgehend unter ihre Kontrolle gebracht. Für die weitere wirtschaftliche Ausbeutung der Territorien musste nun eine Infrastruktur geschaffen werden. Vorrangig war der Ausbau eines Verkehrsnetzes; in diesen Rahmen fielen Großprojekte wie die Bahnlinien Daressalam–Morogoro (1907), Tanga–Moschu (1911) und Daressalam–Tabora–Kigoma (1914) sowie der Tiefwasserhafen und 1912/13 das Seuchenforschungsinstitut in Daressalam. Wirtschaftliche Impulse bewirkten zudem mehrere tausend Siedler verschiedener Nationalitäten, die bis zum 1. Weltkrieg ins Land kamen. Während Deutsche, Italiener und südafrikanische Buren sich in der Regel als Farmer niederließen (etwa um Moshi oder in den Usambara-Bergen), übernahmen hauptsächlich Inder aus den britischen Besitzungen, aber auch Griechen den Kleinhandel.

Im erst 1898 bzw. 1903 eroberten Ruanda und Burundi (Verwaltungseinheit „Ruanda-Urundi”) nahm die Entwicklung einen anderen Verlauf. Hier wurde erst 1908 eine Zivilverwaltung (indirekte Verwaltung über die Mwami) eingesetzt, eine wirtschaftliche Erschließung fand nur im minimalem Maß statt.

DER MAJI-MAJI-AUFSTAND (1905-1907) UND DIE FOLGEN

Um die Erschließung und wirtschaftliche Nutzung der Kolonie voranzutreiben, wurden 1905 die Hüttensteuern erhöht und die Rekrutierungen zur Zwangsarbeit verschärft. Diese Maßnahmen bewirkten im Juli 1905 den Ausbruch des von zahlreichen Ethnien getragenen Maji-Maji-Aufstands, der im Gebiet um Kilwa begann und in der Folge den gesamten Süden bis Lindi erfasste. Der mit äußerster Brutalität erst 1907 endgültig niedergeschlagene Aufstand zog verheerende Folgen nach sich. Schätzungsweise fanden mindestens 75 000, wahrscheinlich sogar bis zu 120 000 Menschen den Tod. Durch die Politik der „verbrannten Erde” seitens des deutschen Militärs wurden weite Gebiete im Süden verwüstet, was eine Hungerkatastrophe unter der einheimischen Bevölkerung nach sich zog.

Im Deutschen Reich wurde ab 1906 heftigere Kritik an den steigenden Kosten und dem brutalen Vorgehen in den Kolonien laut, der Reichstag lehnte 1906 weitere zusätzliche Ausgaben im Kolonialhaushalt ab. Reichskanzler von Bülow übertrug in der Folge als Reform der Kolonialpolitik die Verantwortung für die meisten Schutzgebiete vom Auswärtigen Amt auf das neue Kolonialamt unter Bernhard Dernburg. Als Konsequenz wurde in Deutsch-Ostafrika die Militärverwaltung durch eine zivile Administration ersetzt; die Zwangsarbeit wurde eingeschränkt. Die afrikanischen Kleinbauern sollten besser unterstützt werden, den weißen Siedlern wurden strengere Regeln für die Behandlung der Plantagenarbeiter auferlegt. Zudem wurden erste Schulen gebaut, nachdem bislang das Bildungsmonopol bei den Missionen gelegen hatte. Ab 1912 wurden diese Liberalisierungsmaßnahmen unter dem Druck der Siedler teilweise wieder zurückgenommen.

DEUTSCH-OSTAFRIKA IM 1. WELTKRIEG

Kurz vor Ausbruch des 1. Weltkrieges erhielt Oberst Paul von Lettow-Vorbeck, vormals Adjutant von Generalleutnant von Trotha in Deutsch-Südwestafrika, das Oberkommando über die Truppen (etwa 15 000 Askari und 3 500 Deutsche) in Deutsch-Ostafrika. Nach anfänglichen militärischen Erfolgen mussten diese 1916 britischen und belgischen Heeresverbänden weichen und marschierten über Moçambique und das heutige Sambia im Oktober 1918 wieder nach Deutsch-Ostafrika ein, wo sie erst am 25. November 1918 kapitulierten. Die Folgen des Krieges waren in der Region verheerend. Sicher ist die Zahl der gefallenen Deutschen und Briten (etwa 4 000 bzw. 10 000 Opfer), Schätzungen zufolge starben durch direkte Kampfhandlungen und vor allem durch die nachfolgenden Hungersnöte durch die Verwüstung des Bauernlandes im Gebiet des heutigen Tansania mehrere Hunderttausend Menschen. Gemäß dem Versailler Vertrag wurde Deutsch-Ostafrika als Mandat der Kontrolle des Völkerbunds unterstellt; diese Satzung trat am 20. Januar 1920 in Kraft. Während Ruanda und Burundi der belgischen Kolonialmacht zugesprochen wurde, fiel Tanganyika unter britische Verwaltung. Das Ende der deutschen Kolonien in Afrika und anderswo war gekommen.

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