Kamerun als deutsche Kolonie

Die wenigen Afrikaner im deutschen Kolonialreich, die sich wie Europäer kleideten, charakteristische Äußerlichkeiten der Kolonialherren kopierten, es gar unternahmen, politisch tätig zu sein, sahen sich nur zu häufig heftigen Beschimpfungen und rassistischer Polemik ausgesetzt. Erschreckt ob des Spiegelbildes, das ihnen vorgehalten wurde, titulierten die Deutschen diese Afrikaner verächtlich als „Hosennigger”.

Das Unbehagen gegenüber „europäisierten” Afrikanern verdeutlicht ein 1911 in der Zeitschrift „Kolonie und Heimat” erschienener Artikel: „Der ‚gebildete‘ Neger, der eine Missions- oder Regierungsschule besucht hat, möchte freilich nun auch äußerlich den Kulturmenschen markieren ... Hose, Bratenrock, Zylinder hat er sich angeschafft, aber er versteht nicht, sich in ihnen zu bewegen, und er sieht im ‚todschick‘ gearbeiteten Gehrock genau so komisch oder dummdreist aus, wie in abgelegten Uniformen oder sonstigem Trödel ... Wenn man nun so einen Neger, der bisher herumgelaufen ist, wie ihn Gott geschaffen hat, plötzlich in Hosen und Jackett mit obligatem Stehkragen oder gar Lackstiefeln zwängt oder sich zwängen läßt, so ist das sicher ungesund, denn die anliegende europäische Kleidung setzt eine größere Sauberkeit voraus, als sie der Neger allgemein kennt.”

Mpundu Akwa bot eine nahezu perfekte Angriffsfläche für die koloniale Projektion des „Hosenniggers”. Geboren etwa 1885, war Mpundu der Sohn eines der beiden wichtigsten Oberhäupter der Kameruner Küstengesellschaft der Duala. Einige Duala-Chefs, darunter Mpundus Vater Dika Akwa, hatten im Juli 1884 in einem Vertrag Teile ihrer Souveränitätsrechte an Hamburger Kaufleute abgetreten und damit die formale Kolonialherrschaft des Deutschen Reiches in Kamerun eingeleitet. Dank ihres bereits Jahrzehnte alten Kontaktes zu europäischen Händlern und vor allem zu Missionaren gehörten die Duala in der deutschen Zeit zu den „gebildetsten” Gesellschaften der Kolonie. Sie stellten das Gros der schreibkundigen einheimischen Verwaltungsangestellten, der Übersetzer, der Missionsmitarbeiter, der Bürokräfte in deutschen Handelshäusern. Die wenigen Afrikaner, die während der deutschen Kolonialzeit einige Zeit im Land ihrer „Schutzherren” zubrachten, waren in der Mehrzahl ebenfalls Duala, vornehmlich Söhne der Häuptlinge. Die Deutschen nahmen gerne mal einen Jungen aus der Kameruner Elite nach Deutschland, „um ihm sein Hauptland zu zeigen”.

1888 begleitete Mpundu Akwa einen Agenten des Handelshauses Woermann nach Deutschland. Er besuchte zunächst die Rektoratsschule in Paderborn und kam später auf eine Privatschule nach Rheindalben. 1892 zog Mpundu nach Kiel, um als Volontär in einer Handelsfirma zu arbeiten, kehrte jedoch 1893 vorläufig nach Kamerun zurück. Der junge „Prinz aus Kamerun” war während seines Deutschland-Aufenthalts ein gerngesehener Gast in Familien des Großbürgertums und des Adels. Ein Zeitgenosse erinnerte sich: „Die angesehensten Familien rechneten es sich zur Ehre an, wenn bei ihren Festen und Geselligkeiten der Prinz Mpundu Akwa, der älteste Sohn eines wirklichen King, zugegen war und ihre Tafel zierte. Die jungen Damen rissen sich darum, von Seiner Königlichen Hoheit, dem Prinzen Mpundu Akwa, zu Tisch geführt zu werden. Er wurde zu Treibjagden eingeladen und als ein Dekorationsstück betrachtet”.

1902 reiste der Akwa-Sohn mit einer Delegation von Duala-Oberen, die ihre Kritik an einigen Auswüchsen des Kolonialsystems dem Kaiser höchstpersönlich antragen wollte, erneut nach Deutschland. Die Afrikaner wurden jedoch, ohne Wilhelm II. gesprochen zu haben, mit einigen unverbindlichen Zusagen wieder nach Hause geschickt. Mpundu Akwa blieb im Reich, um sich als Geschäftsmann zu versuchen.

Über die ersten drei Jahre seines Aufenthalts ist wenig bekannt. Es gelang ihm aber offenbar weder in Kiel, Hamburg oder Kassel noch in der Reichshauptstadt Berlin, beruflich Fuß zu fassen. Ausgestattet mit einer Visitenkarte, die ihn als „Kronprinz von Bonabela” auswies, verstand es Mpundu allerdings geschickt, verschiedene Kaufleute und Vermieter von seiner Kreditwürdigkeit zu überzeugen. Eine Pensionsinhaberin vertröstete er zum Beispiel über viele Monate mit dem Hinweis, ein Scheck seines Vaters, des „Königs von Akwa”, müsse demnächst eintreffen.

Ab 1905 gelangte Mpundu Akwa immer stärker in das Blickfeld einer größeren deutschen Öffentlichkeit. Im Juni dieses Jahres zogen acht Gläubiger Mpundus in Altona vor Gericht und verklagten den Kameruner wegen Betrugs. In einem aufsehenerregenden Prozeß gelang es Mpundus Anwalt Levi, einen Freispruch für seinen Mandanten zu erwirken.

Parallel zu den Betrugsvorwürfen geriet Mpundu jedoch auch allgemein in das Visier von Konservativen und Koloniallobbyisten. Anlaß dafür war zunächst seine politische Betätigung, genauer: seine Rolle bei einer Eingabe des Akwa-Clans an den Reichstag und den Reichskanzler. In einer Petition an den „allerdurchlauchtigsten allergnädigsten deutschen Reichstag Berlin” hatten die Akwa detailliert ihre Kritikpunkte an der Kolonialverwaltung aufgelistet und über die Willkürherrschaft vieler deutscher Kolonialbeamten, allen voran Gouverneur Jesco von Puttkamers, geklagt. Über ihre prinzipiell positive Haltung gegenüber Deutschland und dem Kaiser wollten sie zwar keine Unklarheit aufkommen lassen, ebenso eindeutig aber war ihr vernichtendes Urteil über die Deutschen vor Ort: „Den Herrn Gouverneur v. Puttkamer, dessen Richter, Bezirksamtmänner, kurz, seine ganze Regierungsbesatzung wollen wir hier nicht mehr haben ... Sämtliche jetzige Gouvernementsbeamten des Schutzgebiets ‚Kamerun‘ bitten wir forträumen zu wollen, denn ihre Regierung führen sie nicht gut, sie sind nicht gerechtfertigt, ihre Art und Weise exploitieren das Land.” Mpundu sollte die Interessen der Petenten vor dem Reichstag und der Regierung vertreten.

Die Akwa mußten ihre Kritik am deutschen Kolonialismus teuer bezahlen. Gouverneur von Puttkamer stellte unverzüglich Strafantrag gegen die Unterzeichner der Eingabe, die schließlich mit drakonischen Gefängnisstrafen belegt wurden. Das harte Urteil erregte in der deutschen Öffentlichkeit großes Aufsehen. Im Reichstag entbrannte über die Affäre im Januar 1906 eine heftige Auseinandersetzung, in der die Zentrumspartei und die Sozialdemokraten eine unparteiische Untersuchung dieses „klassischen Falls des Kolonialbürokratismus” (so der Zentrumsabgeordnete Matthias Erzberger) forderten. Die sozialdemokratische Presse, insbesondere die Zeitschrift „Vorwärts”, wies durch eine Reihe von Artikeln und Meldungen immer wieder auf die großen Mißstände in Kamerun hin, die „Leipziger Volkszeitung” veröffentlichte am 10. Februar 1906 die Petition im vollen Wortlaut. Das Auftreten der SPD und des Zentrums im Reichstag gegen die Kolonialpolitik in Kamerun und die Presseenthüllungen über die „Puttkamerei” trugen wesentlich dazu bei, dem Regime Puttkamers ein Ende zu setzen – er wurde zur Berichterstattung nach Berlin beordert und kehrte von dieser Reise nie wieder nach Kamerun zurück. Der Hauptgrund der Absetzung von Puttkamers bestand bezeichnenderweise aber darin, daß ihm eine länger zurückliegende Paßfälschung zugunsten einer ihm nahestehenden Lebedame, die er als seine Cousine ausgab, vorgeworfen wurde. Er kam mit einer Geldstrafe davon. An dieser Entwicklung hatte Mpundu Akwa einen nicht unwesentlichen Anteil, denn er hatte die kolonialkritischen Gruppen mit Informationen über die Zustände in Kamerun versorgt.

Für Mpundu Akwa wurde es in Deutschland nun zunehmend ungemütlicher. Kolonialfreundliche Kreise hatten ihm seine Rolle bei der Aufdeckung der „Puttkamerei” sehr übelgenommen und drängten auf Bestrafung. Die Angriffe waren dabei politisch und rassistisch motiviert. Die erste vehemente öffentliche Attacke gegen Mpundu startete der Schriftsteller und Kapitänleutnant a.D. Heinrich Liersemann. Im November 1906 schrieb er in einem „Der Fall Puttkamer” betitelten Artikel in der „Preußischen Korrespondenz”: „... der famose Prinz Akwa ist mir von seinem Kieler Aufenthalt her als ein ganz minderwertiges Subjekt persönlich bekannt, der mehrfach wegen großer Diebstähle in unseren Gefängnissen unfreiwilligen Aufenthalt genommen hat und jetzt Bordellwirt ist. Man behandle ihn nur gerecht.”

Mpundu, wiederum vertreten durch Anwalt Levi, verklagte daraufhin Liersemann vor einem ordentlichen deutschen Gericht wegen Beleidigung – ein Novum. Zunächst hatte der Duala Grund zum Jubeln. Am 9. Januar 1908 gab ihm das Hamburger Schöffengericht recht, der Kapitänleutnant a.D. mußte 30 Mark Geldstrafe bezahlen.

Die nächste Instanz richtete jedoch die Rassenschranken wieder auf: Im März 1909 verwarf das Hamburger Landgericht das alte Urteil und sprach Liersemann frei. Begründet wurde diese Entscheidung unter anderem damit, daß Mpundu wegen zahlreicher, angeblich in Kamerun und Deutschland begangener Diebstähle gerichtsbekannt sei. Liersemann habe zudem die Interessen eines jeden Deutschen wahrgenommen: Prinz Akwa, so heißt es im Urteilsspruch, sei „ein gänzlich unzuverlässiger und durchtriebener Mensch”, dessen „an sich schon minderwertiger Negercharakter durch die in Deutschland genossene falsche Erziehung noch mehr verdorben” sei. Der Kameruner legte Revision ein, die vom Oberlandesgericht verworfen wurde.

Die Versuche Mpundu Akwas, im Deutschen Reich ökonomisch Fuß zu fassen, schlugen weiterhin völlig fehl. So kehrte Mpundu 1911 nach Duala zurück, um dort als Geschäftsmann sein Glück zu versuchen und politisch zu wirken. Beträchtliche Teile der Bevölkerung setzten große Hoffnungen in ihn. Sehr schnell verbreitete sich das Gerücht, er würde Landesherr, er wolle Kamerun aus deutscher Herrschaft befreien und unter englische Oberhoheit bringen. Mpundu propagierte in zahlreichen Briefen an seine Verwandten die Idee eines großen Duala-Reiches; er plante eine zentralisierte Organisation des Handels und Ackerbaus in der Kameruner Küstenregion.

Selbst wenn Mpundu kein ausgeklügeltes Konzept vorlegte, fürchteten ihn die deutschen Behörden als politische Gefahr. Der Bezirksamtmann von Duala, Röhm, äußerte, Mpundu sei als „Führer, Bannerträger und Befreier des Duala-Volkes” in aller Munde gewesen. „Sein Erscheinen in Duala zündete so, daß wie ein Lauffeuer alle Schichten der Eingeborenenbevölkerung mit, wenn auch zum Teil phantastischen, politischen, sozialen und wirtschaftlichen Umwälzungsideen und -hoffnungen durchsetzt waren. Sein Name, seine Person und sein äußeres, seinen Leuten gegenüber selbstbewußtes, der Behörde gegenüber unerschrockenes und gewandtes, wenn auch anscheinend willfähriges Auftreten hat alle in Bewegung gebracht, ja einen Teil blindlings für ihn fortgerissen.”

Auf der Grundlage fadenscheiniger Verdächtigungen wurde Mpundu im Sommer 1912 zu einer längeren Haft verurteilt und auf diese Weise aus dem Verkehr gezogen. Über sein weiteres Schicksal liegen keine genauen Informationen vor. Wahrscheinlich ist er während des Ersten Weltkriegs in einem Gefängnis in Nordkamerun ums Leben gekommen.

Auf den ersten Blick erscheinen Mpundu Akwas vergebliche Versuche, im Deutschen Reich ökonomisch und gesellschaftlich zu reüssieren, seine phantastischen Visionen von einem großen Duala-Reich wie eine extrem individuelle, zugleich tragische und komische Geschichte eines exzentrischen Afrikaners, der an den Bedingungen des kolonialen Systems scheiterte, scheitern mußte. Doch die Biographie Mpundu Akwas ist von exemplarischer Bedeutung, weil sie einen wesentlichen Aspekt des Verhältnisses zwischen deutschem Kolonisator und kamerunischem Kolonisierten beschreibt: Einerseits bestand für Mpundu – wie grundsätzlich für die afrikanische Elite – die Möglichkeit, über Bildung und wirtschaftliche Potenz in die Welt der Kolonialherren einzutreten. Andererseits erfuhr er in diesem System Erniedrigung und Zurückweisung, weil seine Präsenz in der europäischen Welt dem rigiden Verständnis von Hierarchie zwischen Schwarz und Weiß widersprach.

Weitaus stringenter verlief die politische und gesellschaftliche Karriere von Karl (Charles) Atangana. Aus verhältnismäßig bescheidenen Verhältnissen stammend, gehörte er zu den Kamerunern, die die Chancen des neuen deutschen Kolonialsystems optimal für sich zu nutzen wußten. Das hat ihm im nachhinein häufig den Ruf des Kollaborateurs eingetragen. Zwei typische Elemente der kolonialen Herrschaft haben Atanganas Aufstieg entscheidend gefördert: Zum einen brauchte die Kolonialmacht zur Durchsetzung und Aufrechterhaltung ihrer Herrschaft afrikanische Mitarbeiter im Verwaltungs- und Militärbereich; zum anderen schufen die Kolonialherren künstliche Autoritätsstrukturen, indem sie beispielsweise im Herrschaftsapparat Positionen für Einheimische schufen, die weitaus mehr Macht implizierten, als in vorkolonialer Zeit eine Einzelperson auszuüben vermochte.

Karl Atangana gehörte der Gesellschaft der Beti an, die im südlichen Kamerun in der Umgebung der heutigen Hauptstadt Yaoundé (in deutscher Zeit Jaunde) lebt. Geboren wurde er etwa 1882 als elfter Sohn des Dorfhäuptlings Atangana Essomba. Nach dessen frühem Tod übernahm der Onkel väterlicherseits, Essomba Ngonti, die Erziehung Karls. Als 14jähriger kam Atangana auf die Missionsschule nach Kribi. Der junge Atangana wollte die sich ihm bietende Chance mit Nachdruck nutzen. Missionar Hennemann schrieb in seinen Memoiren über den ehemaligen Schüler: „Atangana, der zu den größeren der Jaundeknaben gehörte und wohl 14-15 Jahre zählte, begriff bald das Geheimnis der Zahlen und Buchstaben. Er gehörte in der Schule immer zu den besten Schülern. Viel half ihm sein natürlicher Ehrgeiz, an dem es einem Jaunde meist nicht gebricht, mit dem aber Atangana in besonderer Weise ausgestattet war.”

Atangana trat zum Katholizismus über und wurde 1898 auf die Namen Karl, Friedrich und Otto getauft. Von Kribi aus kam er als Dolmetscher und Büroangestellter nach Viktoria und Buea. In Buea traf Atangana Maria Biloa wieder, die er aus Kribi vom Schwesternheim der Pallotiner-Mission kannte. Mittlerweise lebte sie mit einem Deutschen zusammen, von dem sie erst durch einen Richterspruch getrennt werden konnte. Noch 1901 beschlossen Atangana und Maria Biloa, in Buea katholisch zu heiraten. Für die damalige Zeit war diese Hochzeit geradezu revolutionär: weit von zu Hause entfernt, ohne das Wissen und Einverständnis der Familie und außerdem nach dem Ritual einer neuen Religion.

1902 kehrte Atangana nach Jaunde zurück und wurde Regierungsdolmetscher. Rasch gelang es ihm, eine relativ große Machtfülle in seinen Händen zu konzentrieren: Atangana übersetzte in Gerichtsverhandlungen, begleitete Kolonialbeamte auf ihren Rundreisen im Umland der Station und arbeitete eng mit dem Bezirksleiter zusammen. Zudem hatte er die Kolonialmacht ständig über die Stimmung der Bevölkerung auf dem laufenden zu halten. Daneben baute sich Atangana Stück für Stück eine ihm treu ergebene und von ihm abhängige „Gefolgschaft” auf. Er fand für die meisten Büroangestellten, die wie er eine Missions- oder Regierungsschule besucht hatten, auf der Jaunde-Station oder anderen Verwaltungsstellen Arbeit. Als Gegenleistung hielten sie ihn über die täglichen Geschäfte auf dem laufenden.

Einen wichtigen Karrieresprung in der kolonialen Hierarchie erfuhr Karl Atangana, als Hans Dominik 1904 erneut Stationsleiter in Jaunde wurde. Der sonst Afrikanern gegenüber geringschätzig urteilende Dominik schreibt über seine Ankunft 1904 in Jaunde: „Freude machte es mir, Atangana ..., den ich als Knaben mit den ersten Jaundes Pater Schwab nach Kribi gesandt hatte, als tüchtigen Dolmetscher vorzufinden.”

Atangana wurde Dominiks Protegé par excellence: Als sein erster Berater und ständiger Begleiter auf den militärischen Eroberungszügen und Strafexpeditionen, mit denen bis 1910 große Teile des „Schutzgebietes Kamerun” unterworfen wurden, durfte er sogar ab und zu mit Dominik zu Abend essen. Die meisten Afrikaner assoziieren den Namen Dominik allerdings mit einer Epoche reiner Terrorherrschaft. Zeitgenossen beschrieben ihn als einen autoritären, leicht erregbaren Charakter, der nicht zögerte, Häuptlinge, die er für Verschwörer gegen das deutsche System hielt, kurzerhand hängen zu lassen. Karl Atangana jedoch empfand die Brutalität der deutschen Kolonialherrschaft als notwendiges Übel und schrieb über den 1910 plötzlich verstorbenen Dominik voller Bewunderung: „Dominik war ein sehr guter Europäer, er war auch sehr tätig und klug. Die Schwarzen liefen vielfach vor ihm fort, weil Dominik sehr streng war. Im Kriege bei der Verfolgung eines Häuptlings war Dominik hitzig wie Feuer und Pfeffer ... Dominiks Tod brachte allen erwachsenen Jaunde, soweit sie bei Verstand waren, unbeschreibliche Trauer.”

Die loyale Haltung Atanganas und seine unentbehrlichen Hilfsdienste bei Dominiks militärischen Eroberungszügen wurden Anfang 1911 belohnt: Der Gouverneur ernannte ihm zum Vorsitzenden des „Eingeborenen-Schiedsgerichts” im Bezirk Jaunde. Diese Gerichte verhandelten Zivilsachen zwischen Afrikanern wie Land- oder Heiratskonflikte. Ebensowichtig wie die juristische war die Verwaltungsfunktion dieser Instanz: Der einheimische Vorsitzende mußte deutsche Anordnungen weiterleiten und ihre Durchführung überwachen, eine Aufgabe, für die Atangana geradezu prädestiniert schien. Attraktiv war dieser Posten nicht zuletzt als Einnahmequelle. Die streitenden Parteien mußten Gebühren und Bußgelder zahlen, von denen der Vorsitzende einen prozentualen Anteil bekam. Insgesamt hatte Atangana beträchtliche Einkünfte zu verzeichnen.

Atangana war nicht nur ein unentbehrlicher Gefolgsmann der Kolonialverwaltung. Auch für die Missionen erwies er sich als loyaler Unterstützer im Kampf gegen die „heidnischen Sitten und Gebräuche”. Versuche, den „Emporkömmling” aus dem Weg zu räumen, scheiterten. Dank seines guten Informantensystems konnte Atangana Angriffe gegen seine Person bereits im Keim ersticken.

Seine privilegierte Stellung im kolonialen System dokumentierte Atangana nun auch nach außen: Ab 1905 errichtete er sich am Rand von Jaunde ein zweistöckiges, im europäischen Stil gebautes Haus mit 16 Zimmern, das erst in den 20er Jahren vollendet wurde. Atangana besaß eine eigene Ziegelei, ein Sägewerk und als erster Einheimischer eine Telefonverbindung zur Regierungsstation.

1912 schließlich erfüllte sich sein sehnlichster Wunsch: ein längerer Aufenthalt in Deutschland. Im April dieses Jahres schiffte er sich mit dem neuen Bezirkschef von Jaunde, Kirchhof, mit dem Ziel Hamburg ein. Am dortigen Kolonialinstitut sollte er eine Stelle als Sprachlehrer antreten. Nach ihrer Ankunft in der Hansestadt am 1. Mai ging es jedoch erst einmal auf Reisen.

Im Juni 1912 nahm er dann unter Aufsicht von Professor Meinhof, dem Direktor des Seminars für Kolonialsprachen, seine Arbeit als „Ewondo-Sprachgehilfe” auf. Ewondo ist die Sprache der zahlenmäßig größten Beti-Untergruppe, die in Jaunde und Umgebung lebt. Nach kürzester Zeit bezeichnete ihn Meinhof als „gut erzogen, intelligent und sehr fleißig” und schrieb an Kirchhof, daß er „seine Sache ganz vortrefflich” mache.

Am 19. Oktober war der „große Tag gekommen”, der Atangana für immer „unvergeßlich” bleiben sollte: Kaiser Wilhelm II. besuchte das Hamburger Kolonialinstitut. Meinhof hielt einen Vortrag über afrikanische Sprachen, und Atangana – auf dem Podium stehend – durfte zur Veranschaulichung einige Worte auf Ewondo sagen. „Ich sah mir den Kaiser sehr genau an. Und er betrachtete die Medaillen, die ich trug. Es fehlte nur wenig, dann hätte ich mit ihm gesprochen.”

Während seines Aufenthalts in Hamburg verfaßte Atangana einen Teil der „Jaunde-Texte”, eine Sammlung von Beti-Märchen, Sitten und Gebräuchen der traditionellen Gesellschaft, von Berichten über vorkoloniale Kriege und autobiographischen Daten.

Als Atangana 1913 nach Jaunde zurückkehrte, war sein Prestige merklich gestiegen; eine große Menschenmenge fand sich zu seinem Empfang zusammen. Nicht nur sein Ruhm, auch sein Reichtum hatte sich vermehrt, denn nach eigenen Angaben benötigte er 300 Träger, um seine aus Deutschland mitgebrachten Waren vom Hafen Dualas nach Jaunde zu transportieren. Am 25. März 1914 wurde Atangana zum ersten Oberhäuptling der Ewondo und Bene ernannt – eine Institution, die es in der Beti-Gesellschaft bisher gar nicht gegeben hatte.

Noch im selben Jahr ereignete sich ein Vorfall, der einerseits Atanganas ungebrochene Loyalität gegenüber den Kolonialherren unter Beweis stellte, andererseits aber auch ein grundsätzliches Mißtrauen der Deutschen gegenüber ihren einheimischen Hilfskräften verdeutlichte. Rudolf Manga Bell, das Oberhaupt der Duala, wurde im August 1914, unmittelbar nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, wegen angeblichen Hochverrats hingerichtet. Er hatte nach langjährigen Auseinandersetzungen mit den Deutschen über die Zwangsenteignung der Duala versucht, andere Gesellschaften Kameruns zu gemeinsamen Aktionen gegen die Kolonialmacht zu bewegen.

Atangana soll von diesen Plänen gewußt, sie jedoch nicht an die Deutschen verraten haben. Er hatte angeblich versucht, alle Unzufriedenen von der Aussichtslosigkeit von Widerstandsaktionen zu überzeugen. Trotzdem kam es zu einer intensiven Durchsuchung seines Hauses in Jaunde, da die Deutschen ihn der Mittäterschaft verdächtigten. Obwohl keinerlei Indizien gefunden werden konnten, wiederholten sich Kontrollen und Durchsuchungen. Dieses Vorgehen der Kolonialmacht beleuchtet einen grundlegenden Aspekt deutscher (und allgemeiner) Kolonialideologie: Dem Afrikaner, und sei er noch so deutschenfreundlich, war grundsätzlich zu mißtrauen, und selbst der treueste Kollaborateur mußte sich im Zweifelsfall erniedrigende Hausdurchsuchungen gefallen lassen.

Kurz nach der Ernennung Atanganas zum Oberhäuptling brach der Erste Weltkrieg aus, der dem „deutschen Kamerun” ein schnelles Ende bereitete und die französische Kolonialzeit einleitete. Für Karl Atangana begann ein sechsjähriges Exil auf Fernando Póo und in Spanien. 1922 durfte er zwar wieder seinen Oberhäuptlingsposten einnehmen, er sollte jedoch niemals mehr dieselbe Macht und Bedeutung erlangen wie zur Zeit der deutschen Kolonialherrschaft. Als er 1943 starb, waren sein Einfluß und sein Reichtum merklich gesunken.

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Kamerun als
Deutsche Kolonie