8. Eingeborenenbevölkerung

(s. Tafel 40, 197 , 198 und farbige Tafel von Deutsch-Ostafrika).

A. Die Völkerschichtung.

B. Der stoffliche Kulturbesitz:

    a)     Wohnung und Siedlung; 
    b)     Tracht;
    c)     Körperverunstaltungen;
    d)     Beschäftigung;
    e)     Technik und Industrie;
    f)     Nahrungs- und Genußmittel;
    g)     Waffen;
    h)     Handel und Verkehr.

C. Der geistige Kulturbesitz:

    a)     Musik;
    b)     Politische Befähigung;
    c)     Religion;
    d)     Kunst und Wissenschaft.

D.-O. ist ethnographisch ein Grenz- und Mischungsgebiet; es bildet in seinem größeren südlichen und zentralen Teil die Nordostecke des großen Sprachgebiets der Bantu, während der kleinere Norden westlich wie östlich des Victoria Njansa sein ethnisches Gepräge durch hamitische Über- und Zwischenlagerungen erhält. Auch der breit zum Sambesi geöffnete Süden des Landes ist Einwanderungs- und Überlagerungsgebiet, doch handelt es sich hier nicht um rassenfremde Eindringlinge, sondern der großen Bantufamilie angehörende Verwandte.

A. Die Völkerschichtung.

Im einzelnen gestaltet sich das Bild folgendermaßen. Zu unterst lagern auch in D.-O. Reste einer ziemlich kleinwüchsigen Bevölkerung, die wir vermutlich zu derselben Schicht werden zählen müssen wie die Pygmäen (s. d.) in West- und Zentralafrika und die Buschmänner (s. d.) Südafrikas. Vollkommen rein erhaltene Vertreter dieser Urrasse scheinen in D.-O. allerdings verhältnismäßig selten zu sein; man darf sie bestenfalls nur unter den Batua (s. d.) des Kiwuseengebiets und von Urundi und Ruanda suchen, wo neuere genaue Messungen neben Körperlängen von 150-160 cm und sogar solchen von mehr als 170 cm auch wirklich zwerghaften Wuchs von wenig mehr als 140 cm dargetan haben.

Die bisher zu den Pygmäen gerechneten Wahia, Wnege und Wakindiga (s. d.) in der Umgebung des Ejassisees sind nach den Ergebnissen der 1911 beendeten Expedition der Hamburger Geographischen Gesellschaft von durchaus normalem Wuchs. Von den auf Grund ihrer von Schnalzlauten durchsetzten Sprache hierher gezählten Wassandaui (s. d.) in demselben Gebiet war der hohe Wuchs schon seit längerer Zeit bekannt. Diese vier Völkerschaften sind, wie die Batua selbst, seit langer Zeit mit den großwüchsigen Nachbarn gemischt und haben dabei einen Teil ihrer Urrasseneigenschaften eingebüßt. - Überlagert werden diese uralten Reste von der sicher ebenfalls sehr alten Schicht der Bantuvölker, die sich lückenlos vom Tanganjika und Njassa bis an den Indischen Ozean ausbreitet und ethnographisch wie wirtschaftlich den Grundstock der Bevölkerung des Landes bildet. Neben einem unvermischten Teil, der auf dem großen Zentralplateau die Gruppe der Wanjamwesi, Wassukuma, Wassumbwa, Wawinsa, Wakonongo, Wakimbu und Wafipa, im Zwischenseengebiet die heute von den Wahuma unterjochten Stämme der Wahutu und Wanjambo, in den küstennahen Regionen die Waschambaa, Wasigua, Wanguru, Wasagara, Waluguru, Wakwere, Wasaramo und Wakkutu, im Süden die Wangindo, Wamuera, Wamakonde, Wandonde, Wanindi u. a. umfaßt, unterscheidet die neuere Völkerkunde einen hamitisch beeinflußten anderen Teil, zu dem die auf die Gebirgshöhen und in die entlegenen Steppen vertriebenen Wakamba, Wanjika, Wapare, Wagueno, Wadschagga, Wambugwe, Wagogo, Wairangi, Wanjaturu, Wairamba, Wakaguru u. a. gehören (s. die einzelnen Völkernamen).

Sowohl die Physis wie auch der Kulturbesitz zeigt bei ihnen allen einen unverkennbaren hamitischen Einschlag, der unschwer aus der unmittelbaren Nachbarschaft der Galla, Somal, Massai, Wakuafi und anderer hamitischer Völkerschaften zu erklären ist. Oskar Baumann hat für diese abgedrängten Völker die Bezeichnung jüngere Bantu vorgeschlagen, weil sie später als die "ältere", unvermischte Gruppe aus dem Nordosten in ihre jetzigen Sitze nach Süden gedrängt worden seien. Angemessener, weil diese unbewiesene Nord-Südwanderung außer acht lassend, erscheint der neutrale Ausdruck metamorphische Bantu, der jene Beeinflussung treffend hervorhebt, ohne zugleich die Herkunftsfrage anzuschneiden. - In bezug auf diese vertritt eine ganze ethnographische Schule die Ansicht einer asiatischen Urheimat für alle Bewohner Afrikas überhaupt. Zuerst hätten sich die kleinwüchsigen Leute der wollhaarigen Urrasse im Süden und Südosten Asiens vom Hauptkern abgezweigt und die leeren Gefilde des tropischen Afrika überschwemmt. Später, am Beginn der unserer europäischen Eiszeit entsprechenden Pluvialzeit, sei ihnen die Welle der Nigritier oder Sudanvölker gefolgt, dunkelfarbiger Menschen mit Wollhaaren und isolierenden Sprachen, die (nach Stuhlmann) wahrscheinlich aus Südasien gekommen seien.

Nach demselben Autor hätten sie die Banane, vielleicht auch Colocasien, den Beginn des Ackerbaues, Holzgeräte, Bogen und Pfeil, Trommelsprache, Geheimbünde und Maskentänze, vielleicht auch die Zylinderhütte mit Kegeldach mitgebracht. Späteren Nachschüben schreibt Stuhlmann die Viereckhütte zu. - In der letzten Hälfte der Pluvialzeit seien aus nördlicheren und westlicheren Gebieten als die vorigen die Protohamiten nach Ostafrika gekommen. Sie hatten nach Stuhlmann agglutinierende Sprache und zahlreiche Substantivklassen. Aus ihrer Vermischung mit den Nigritiern haben sich die Bantuneger gebildet, wahrscheinlich in Ostafrika, von wo sie nach Süden und Westen weitergewandert seien. Für ihren Hackbau brachten sie den Sorghum und andere Körnerfrüchte mit, vielleicht auch die Ziege und den Hund. Die Verbreitung nach Süd- und Westafrika sei von einem gemeinsamen Punkt im Osten des Erdteils erfolgt. - Eine weitere, für das heutige Ostafrika ebenfalls belangreiche Schicht sind dann die hellfarbigen Hamiten, die Stuhlmann teils über Suez, teils über Bab el Mandeb aus Asien einwandern läßt, die Vorfahren der Berber, Ägypter usw. Durch eine geringfügige Vermischung mit den dunklen Vorbewohnern läßt Stuhlmann von den für unser Gebiet in Frage kommenden Völkergruppen die Massai (s. d.) und ihre Verwandten, die Wakuafi, Wandorobbo, Wataturu und Wambugu, ferner die Galla, die Somal mit den Wafiome und Wamburru und die Wahuma entstehen. Es handelt sich dabei zumeist um Hirtenstämme, die das Langhornrind, später auch das Buckelrind, das Fettschwanzschaf und den Windhund eingeführt haben. Sie hatten Bienenkorbhütten, Fellschilde und Lanzen.

Ihre Sprache war flektierend. Als Heimat sieht Stuhlmann die Steppen Westasiens an, als Einwanderungstermin einen Zeitraum "unendlich lange vor 6000 v. Chr. Geb." - Die letzte Welle endlich sind die Semiten. In Nordafrika geht ihre Einwanderung weit in die Jahrtausende vor Christi Geb. zurück; in Ostafrika hat sie sich auf das Küstengebiet beschränkt, wo sie nachhaltig erst nach Mohammeds Tod auftritt und wo aus der Amalgamierung von Bantu aller Stämme bis über den zentralafrikanischen Graben hinaus nach Westen, von Arabern und arischen Leuten aus Persien und Nordwest-Indien das Volk der Suaheli (s. d.) entstanden ist. - Als letztes Element sind schließlich die nilotischen oder nilotisch beeinflußten Stämme am nördlichen Ostufer des Victoria Njansa zu erwähnen: die Wageia oder Wagaja, in denen man einen weit nach Süden versprengten Zweig der am oberen Nil beheimateten Schillukfamilie zu sehen hat, und die von ihnen physisch und kulturell stark beeinflußten Wassoba, Waschaschi und Waruri. -

Einwandfrei feststellbar ist die Einwanderung aus Asien von allen diesen Schichten nur für die letzte, für die Semiten; für alle früheren Elemente kommen wir einstweilen über bloße Annahmen und Hypothesen nicht hinaus. Von den Hamiten D.-O.s vermögen wir noch nicht einmal die Zeit ihres Eindringens aus nordöstlichen Gebieten zu bestimmen, die Protohamiten und die Nigritier aber sind einstweilen noch bloße wissenschaftliche Konstruktionen, bestenfalls ein Postulat, das zur Erklärung mehr gewisser Züge des Kulturbesitzes als der Physis nötig ist. -

Für den gesamten Norden D.-O.s ist das hamitische Element insofern von Belang, als seine Vertreter politisch die erste Rolle spielen. Im gesamten Zwischenseengebiet, besonders in Ruanda, Mpororo und Urundi, aber auch in Karagwe und Kissiba, werden die alteingesessenen Bantu, die Wahutu, Wanjambo und Weru, von den numerisch zehnmal schwächeren hamitischen Watussi, Wahinda und Wahuma beherrscht; im abflußlosen Gebiet zwischen dem Victoria und dem Kilimandscharo aber sind die Massai bis zur großen Viehsterbe von 1891 die unbestrittenen Herren des ganzen Landes gewesen. Sie würden es längst wieder geworden sein, hätte nicht inzwischen das feste Regiment der Deutschen und der Engländer dafür gesorgt, daß eine Wiederholung der alten Zustände ausgeschlossen ist. -

Der Süden des Schutzgebiets wird, wie bereits angedeutet worden ist, ausschließlich von Bantu bewohnt. In die Masse der friedlichen, Hackbau treibenden Stämme zwischen dem Rovuma und der großen Karawanenstraße sind seit der Mitte des 19. Jahrhunderts von Südostafrika her Kaffernstämme gedrungen und haben östlich vom Nordende des Njassa Reiche gegründet. Unter den Namen Masitu, Mafiti, Magwangwara, Wamatschonde und Wangoni sind diese Völker Jahrzehnte hindurch infolge ihrer häufigen und ausgedehnten Raubzüge bis vor die Tore der Küstenstädte der Schrecken ganz Ostafrikas gewesen (s. Wangoni). Ein Teil dieser Wangoni ist seinerzeit bis an die Südwestecke des Victoria Njansa vorgedrungen. Unter dem Namen Watuta (s. d.) sitzen seine Reste heute im Buschland von Runssewe. -

Eine Folge der kriegerischen Wangoni-Invasion ist das im Gegensatz dazu meist friedliche Eindringen der Jao und Makua in den Süden von D.-O. gewesen. Die Makua kommen dabei direkt von Süden über den Rovuma, die Jao von Südwesten vom Südende des Njassa her. Die Spitzen beider Völker sind heute bis fast vor die Tore von Lindi im Norden des Makondeplateaus vorgedrungen, wobei diese fremden Elemente mit den alteingesessenen Wamuera, Makonde, Wangindo und Matambwo eine innige, geographisch kaum zu trennende Mischung eingegangen sind. - Eine weitere, mittelbare Folge des Eindringens der Hamiten von Norden und der Sulukaffern von Süden ist eine starke Beeinflussung der Kriegs- und zum Teil auch der Lebensweise vieler alteingesessener Völker gewesen. Manche der metamorphischen Bantu des Nordens, wie die Dschagga, Wahumba, Waschaschi, Bakulia usw., haben in beiden Beziehungen die Massai, viele Stämme des Südens, wie die Wahehe, Wassangu, Mahenge, Wakhutu usw., die Wangoni nachgeahmt, um in der kriegerischen Maske ihrer siegreichen Nachbarn und Bedränger über ihre eigenen Brüder herzufallen. Man bezeichnet diese Völker gern als Massai- und Suluaffen.

B. Der stoffliche Kulturbesitz. Im Kulturbesitz der Völker D.-O.s walten folgende Grundzüge vor.

a) Die älteste Wohnform des Gebiets ist außer der Höhle die Zylinderhütte mit aufgesetztem Kegeldach (s. Tafel 129, 202). Sie ist ursprünglich sicher allen Grundbantu eigen, ist aber gegenwärtig auf das Zentralplateau und den Süden und eine schmale Zone in der Nähe der Ostküste beschränkt. Hier, von der Küste aus, wird sie durch das Viereckhaus mit Satteldach (s. Tafel 70, 115, 202, 204), auf dem ganzen Zentralplateau mehr und mehr durch die Tembe ersetzt. Während dieses Viereckhaus ganz zweifellos fremden, asiatischen Ursprungs ist, gehen die Ansichten über die Herkunft der Tembe noch sehr weit auseinander (s. Tembe). Höhlenwohnungen werden nicht mehr dauernd, sondern nur noch in Zeiten der Gefahr benutzt bei den Waheia im Westen des Victoria Njansa und bei einzelnen Völkern des abflußlosen Gebiets in der weiteren Umgebung des Manjarasees, den Wafiome, Waniraku und Wanjaturu, die von ihren versenkten Temben aus geräumige Höhlen in den harten Boden graben. Formen ausschließlich des Nordens sind die bienenkorbförmige Rund- oder Kuppelhütte der Wahuma und die längliche, aber nach demselben Prinzip gebaute Massaihütte. In beiden Fällen bestehen Wand und Dach aus denselben Zweigen, die vom Erdboden bis zum Scheitelpunkt der Hütte und darüber hinaus reichen. Pfahlbauten sind aus D.-O. nur vom oberen Magarassi, vom Ostufer des Njassa. (s. Tafel 204) und vom mittleren und unteren Rovuma bekannt (s. Tafel 38).

b) In der Bekleidung der Ostafrikaner spielen heute eingeführte Kattune die Hauptrolle. Ursprünglich sind sicher Felle und enthaarte Häute fast ebenso allgemein gewesen, denn nur wo die Vermutung älterer fremder Einflüsse besteht, finden wir andere Materialien. So war der ganze Südwesten bis nach Unjamwesi hinauf ein Gebiet roher Baumwollgewebe, die auf breiten, primitiven Webstühlen hergestellt wurden. Man geht wohl kaum fehl, wenn man diese Webetechnik vom Sambesi herauf eingeführt sein läßt, in dessen Tal sie von außen her eingedrungen sein mag. Ferner ist der Nordwesten mit den Landschaften Urundi und Uha noch heute ein Gebiet vorwaltenden Rindenstoffes, während dieses Material in vielen anderen Landesteilen nur noch zur Bekleidung der mannbar werdenden Jünglinge und als Packmaterial verwandt wird. Vermutlich hängt diese Provinz mit der noch ausgeprägteren Rindenstoffprovinz Uganda zusammen. Mäntel und Schurze aus Raphiafaser gab es bis vor kurzem ganz allgemein bei den Waheia am Westufer des Victoria (s. Tafel 201); Stulpe endlich für die Bedeckung der glans penis (s. Tafel 81) sind ein Erbteil der Wangoni, deren Väter diese nutschi mit aus dem Süden des Erdteils heraufgebracht haben. -

Der Schmuck hält sich im allgemeinen innerhalb der Grenzen jener Nüchternheit, die auch sonst ein Grundzug der ostafrikanischen Kulturen ist; nur der Einflußbereich der Massai und der Wageia hat phantastischere Formen hervorgebracht. Bei den Grundbantu haben bis in die Neuzeit hinein Arm-, Hals-, Leib- und Knöchelringe aus Leder oder Fell vorgeherrscht; gleichzeitig ist auch das Elfenbein zu dieser Art Schmuck verwendet worden. Eine moderne Errungenschaft sind Perlen, die bei einigen Völkerkreisen, wie dem der kafferischen Wangoni und der Massai, seither fast alle übrigen Ziermittel verdrängt haben (s. Tafel 12 und 197); weiterhin dann auch mehr oder minder kunstvoll gefertigte Ringe aus Eisen, Kupfer, Messing. - Um so lebhafter ist das Schmuckbedürfnis des Kulturbezirks der Massai und ihrer nilotischen Sprachgenossen am Nordostufer des Victoria Njansa, der Wageia und ihrer Nachbarn. Den Kopf, vor allem der Krieger, zieren hier wildphantastische "Helme" aus Affen- und Löwenfell (s. farbige Tafel Deutsch-Ostafrika Abb. 1) oder aus Leder mit Besatz aus den leuchtendroten Beeren von Abrus precatorius (s. farbige Tafel Deutsch-Ostafrika Abb. 4) oder Segmenten von Flußpferdzähnen oder gar Mützen aus dem Magen großer Säuger (s. farbige Tafel Deutsch-Ostafrika Abb. 7).

Das Gesicht umrahmen dieselben beiden Völkergruppen mit Gebilden von der Art der auf farbiger Tafel Deutsch-Ostafrika Abb. 1, 2 u. 11 wiedergegebenen, während die Wangoni und ihre Nachahmer im Süden mit Vorliebe ungeheure kugelförmige Wülste aus großen Vogelfedern auf den Kopf stülpten und mächtige Kragen aus demselben Material um die Schultern legten. - Der übrige Körperschmuck der Massaigruppe ist gekennzeichnet durch ein Übermaß von Behang- und Ringschmuck. Massai, Dschagga, Wakuafi, Wandorobbo, Wambugu, Wataturu, Bakulia, Wassonjo und andere befestigen sich ein ganzes Arsenal von Metallspiralen, Metallkettchen, Holzklötzen jedes Kalibers, Perlenzieraten usw. in den Ohrläppchen, am Hals, an den Armen und Beinen (s. farbige Tafel Deutsch-Ostafrika Abb. 1, 3 u. Tafel 118). Die Metallspiralen um den Hals wachsen dabei oft bis über die Schultern hinaus. - Eine ebenfalls auf das nördliche Ostafrika beschränkte Zier ist eine Oberarmspange von der Gestalt eines mit den freien Enden aneinandergeschweißten Hufeisenpaares. Ursprünglich ist sie vorwaltend aus Rhinozeroshorn, auch wohl aus Elfenbein hergestellt worden; jetzt macht sich auch hier eingeführtes Eisen breit. Für gewöhnlich fehlt bei der Spange der bogenförmige obere Ansatz; die Enden legen sich vielmehr fest in die Senke zwischen Oberarm und Brust. Ein Grund für die Beliebtheit gerade dieses Schmuckes ist der Glaube, daß er den Arm stärke. Die leise Spannung, in welcher der Arm durch die Spange dauernd gehalten wird, hat zu diesem Glauben Anlaß gegeben.

c) Eine ähnliche Verbreitung wie die zylindrische Kegeldachhütte, nämlich über die Mehrzahl der Grundbantu, hat unter den Körperverunstaltungen die Auskerbung der mittleren oberen Schneidezähne. Bei den Massai und den metamorphischen Bantu bricht man die beiden unteren mittleren Schneidezähne aus, während man gleichzeitig die oberen vorbiegt. Zuschärfung nur der beiden mittleren oberen Schneidezähne (s. Tafel 39) oder aller vier (s. Tafel 39) oder aller acht ist am Njassa und Rovuma, doch auch bei den Wapare üblich; Ausschlagen aller vier unteren Schneidezähne bei den Wakinga. Andere "Gebißverschönerungen" bestehen hier und da aus dem Halbieren der Zähne der Quere nach, dem Ausfeilen von Lücken in die einzelnen Zähne, und anderen Methoden mehr. Noch allgemeiner als die Eingriffe in das Gebiß sind die in die Haut. Ziernarben im Gesicht, auf der Brust, dem Bauch, dem Rücken und den Oberschenkeln sind unter den Bantu sehr häufig (s. Tafel 117, 118). Die Beschneidung fehlt ganz im Zwischenseengebiet und auf dem Zentralplateau. Geschlossen tritt sie nur im Osten auf, wo jedoch die Massai sie in einer besonderen Weise ausüben. Einer weiten Verbreitung erfreut sich dagegen die Sitte des Einfügens von Fremdkörpern in gewisse Körperteile. Ohrpflöcke sind außer bei den Wahuma ganz allgemein. Das von den Frauen im linken Nasenflügel getragene Pflöckchen aus Ebenholz, Silber, Ton oder Bambus, das von Indien her bei den Suaheli Eingang gefunden hat (kipini), ist seither immer weiter ins Innere gedrungen. Eine Besonderheit schließlich der Frauen bei den Makonde, Wamuera, Matambwe, Jao und etlichen Stämmen am Njassa sind Holzscheiben (pelele s. d.) von verschiedenem Ausmaß (bis 7 cm Durchmesser) in der durchbohrten und systematisch aufgeweiteten Oberlippe (s. Tafel 117). Vereinzelt kommen am Rovuma auch Stifte in der Unterlippe vor. Bei den Mavia auf der portugiesischen Seite des Rovuma sollen auch die Männer derartige Lippenzierate tragen.

d) Die Beschäftigung der Völker D.-O.s hängt aufs innigste mit ihrer Rassenstellung und bis zu einem gewissen Grad auch mit ihrer Naturumgebung zusammen. Alle Bantu sind Hackbauern, während alle Hamiten ebenso begeisterte Viehzüchter sind. Die dürre Steppe ist für den Feldbau im allgemeinen wenig geeignet (wobei jedoch auf die Wagogo mit ihrer ganz erstaunlichen Produktion hingewiesen sein mag), doch versteht der Neger auch aus armem Boden für kurze Zeit ziemlich ergiebige Ernten zu erzielen. Dabei ist sein Ackergerät ganz allgemein höchst einfach und einseitig. Das augenfälligste Instrument ist die mannigfaltig geformte Hacke (s. Tafel 40 Abb. 7, 9), nach der die ganze Wirtschaftsform des ackerbauenden Negers den Namen Hackbau bekommen hat. Ur- und Ausgangsform ist jedoch der Grabstock; er dient noch jetzt zum eigentlichen Auflockern des Bodens, während die universalere Hacke mehr für alle späteren Arbeiten, das Reinhalten der Felder, die Ernte usw. bevorzugt wird. - Die Ertragsfähigkeit des Bodens ist natürlich recht ungleich. In den regenfeuchten Gebieten westlich vom Victoria Njansa überhebt die mühelose Kultur der Banane den Eingeborenen jeder schweren Arbeit. Er hat im Grunde genommen nur nötig, die reifen Bananentrauben mit Hilfe von langgestielten Messern abzuhauen und die erledigten Bananenstrünke umzulegen - das ist alles. Die Pygmäenreste waren ursprünglich Sammler und Jäger, also rein konsumierende Völker ohne jede Eigenproduktion; sie sind jedoch in Urundi unter der Wirkung der fortschreitenden Entwaldung, die ihrerseits eine Folge des ambulanten Hackbaus der Neger ist, ansässig geworden und haben sich in bestimmten Dörfern dem Töpfergewerbe zugewandt. Im Zwischenseengebiet betreibt die altansässige Bantubevölkerung Hackbau und Bananenkultur, während die herrschende Oberschicht der Watussi und Wahuma sich der Zucht des Großhornrindes widmet. Wo die Abwesenheit der Tsetse es erlaubt, wie in Uhehe und am Kilimandscharo, auch in einzelnen Teilen des Njassagebiets, legen auch vereinzelte Bantustämme auf die Viehzucht das Hauptgewicht. Im Tiefland am Nordwestende des Njassa schützen dabei die Konde ihr Vieh durch ständige Aufbewahrung in eigenen Ställen (s. Tafel 201). Stallfütterung betreiben im übrigen auch die Dschagga am Kilimandscharo, jedoch weniger in Rücksicht auf das Klima als auf diebische Nachbarn.

e) Mannigfaltig sind Technik und Industrie der Eingeborenen. Am allgemeinsten verbreitet ist die Kunst der Holzbearbeitung, ja man kann direkt sagen, daß der Neger trotz des Besitzes der Metalle in einer Holzzeit lebt. Der Gang durch die ostafrikanischen Sammlungen eines größeren ethnographischen Museums wird das ohne weiteres offenbaren. Aber wie urwüchsig ist dabei diese Technik! Tischlerei, d. h. das kunstgerechte Zusammenfügen durch Verzapfung und Leim ist völlig unbekannt; alles und jedes wird vielmehr mühselig aus dem Vollen, aus einem Stück gearbeitet. So die häufig nicht einmal geschmacklosen Schemel (s. Tafel 40 Abb. 5), so die Trommeln (s. Tafel 40 Abb. 12, 13, 15, 23) und die Resonanzböden der Streich- und Schlaginstrumente (s. Tafel 40 Abb. 8); so alles übrige, was in Haus und Hof an Geräten verwandt wird. Lediglich an der Küste ist unter arabischem und indischem Einfluß etwas wie Tischlerei zustande gekommen, wie die zur Zerkleinerung harter Früchte (Kokos usw.) benutzte "Mbusi" (d. h. Ziege; so benannt nach ihrer Form; Tafel 40 Abb. 6) beweist. Sie ist eine Nachbildung des bekannten Koranständers.

Auch in der Kunst besteht alles nur aus einem Stück; so die vielgestaltigen Tanzmasken der Makonde (s. Tafel 40 Abb. 2, 4); so die die Ahnfrau der Makonde darstellenden Frauenfiguren (s. Tafel 40 Abb. 1); so auch die ebenfalls dem Gebiet um den unteren Rovuma angehörigen Schnupfbüchschen (mitete, s. Tafel 40 Abb. 3), die die Ziernarben und die übrigen Körperverunstaltungen der dortigen Völker meist recht genau wiederholen. - Die Töpferei ist, wie fast allgemein auf der Erde, örtlich an das Vorkommen brauchbarer Tone gebunden und tritt daher als eine Art Gau- oder Dorfgewerbe auf. Dabei wird sie jedoch stets von der Frau ausgeübt, wenigstens soweit Gefäße in Frage kommen; nur die Köpfe zu ihren Tabakpfeifen stellen die Männer sich selbst her. Bei den Wakissi am Nordende des Njassa vertreibt der Hausherr die zierlichen keramischen Erzeugnisse seiner Frau über weite Teile des Sees hin. Die Drehscheibe ist ganz allgemein unbekannt; meist werden die Gefäße aus einzelnen Tonwülsten aufgetürmt, die man dann verstreicht; im Süden jedoch arbeitet man die Gefäße lieber aus dem Vollen heraus, indem man einen feuchten Tonklumpen mit der Hand und einigen wenigen Geräten, einem Bambusspatel, einem Stein u. dgl., zu schmucklosen, aber sauberen Gefäßen ausknetet. Hier benutzt man auch Untersätze aus Tonscherben als eine Art Anfang der Drehscheibe. Auch das Verstreichen der Hütten mit Lehm ist durchweg Obliegenheit der Frau.

Diese Tätigkeit sowohl wie auch die Töpferei sind eben eine Erfindung des weiblichen Geschlechts und haben sich in höchst konservativer Weise bis auf die Gegenwart herüber gerettet. - Weitere weitverbreitete Techniken sind die Flechterei und die Eisenindustrie. In jener stehen, was Hohlformen (Körbe u. dgl.) anbelangt, nächst den Waganda die Frauenarbeiten der Wahuma und einzelner Wanjamwesigruppen obenan, während in der Mattenflechterei die Frauen der Suaheli ganz Vortreffliches leisten. Einen hübsch verzierten großen Korb aus dem Küstengebiet stellt farbige Tafel Deutsch-Ostafrika Abb. 14 dar. - Die alte Eisenindustrie ist gegenwärtig fast völlig durch eingeführte Erzeugnisse verdrängt. Vorher war die Herstellung der Metalle selbst wie auch das Schmieden außer bei den Pygmäen sicher überall bekannt, wenn auch vielleicht nicht überall geübt. Es gab vielmehr auch für diesen Industriezweig bestimmte Zentren, die besonders Hervorragendes leisteten und den Markt auf weithin versorgten. Bekannt sind in dieser Beziehung die Warongo in Ussindja, die bis vor kurzem alljährlich viele Zehntausende von Hackenklingen (jembe, s. Tafel 40 Abb. 9) auf den Markt von Tabora warfen, von wo sie dann weit nach Osten und Westen verhandelt wurden. Unjanjembe, die Landschaft um Tabora, ist nach diesem Artikel direkt als "Land der Hacken" benannt worden. Auch die Schmiedekaste der Massai, die Elgonono, sowie die Dschagga und mancher andere Stamm leisteten durchaus Anerkennenswertes in der Schmiedekunst. - Verschieden waren und sind, wo wenigstens die Schmiedekunst noch geübt wird, die Blasebälge. Die über ganz Afrika verbreitete, nach v. Luschan ältere Form ist der auf Tafel 40 Abb. 14 abgebildete Schalenblasebalg; weniger allgemein verbreitet und anscheinend eine jüngere Einfuhr von Asien her ist der ebenda in Abb. 18 wiedergegebene Schlauchblasebalg.

Beim ersteren besteht der Körper meist aus Holz in der Form eines großen Doppellöffels, hier und da auch aus Ton; beim Schlauchblasebalg ist dieser Körper das Fell eines größeren Vierfüßers, dessen eine Seite offen gelassen wird, während man drei Beinfelle zubindet und nur in das vierte eine Eisendüse führt. Den Schalenblasebalg handhabt man mittels zweier Stöcke, die je eine über die Schalen gespannte Membran heben und senken; beim Schlauchblasebalg öffnet die über den Schlitz gespannte, mit 2 Schienen bewehrte Hand diesen Schlitz bei der Aufwärtsbewegung und schließt ihn beim Niederdrücken. Der Erfolg ist in beiden Fällen ein mäßiger Luftstrom, der jedoch hinreicht, Eisenstein im Rennverfahren zu verhütten und Eisen zum Schmieden rotglühend zu machen. - Die letzte allgemein verbreitete Technik ist die Fellbereitung. Ein eigentliches Gerben ist unbekannt; die Bearbeitung der Häute geht vielmehr nirgends über eine einfache mechanische Behandlung durch Reiben und Walken hinaus. Nur eine primitive Art der Sämischgerberei kennt und übt man, indem man die Felle mit tierischen Fetten und Rizinusöl, auch mit Butter geradezu tränkt und darauf durch Walken ein leidlich haltbares Leder erzeugt, das auch nach einer tüchtigen Durchnässung nicht mehr hart wird. Regional, ja sogar lokal beschränkte Industrien sind die Weberei, die Rindenstoffbereitung und die Salzfabrikation. Die Weberei war vor der Überflutung des Landes durch eingeführte Kattune auf das Gebiet zwischen Njassa und Tanganjika im Süden und der Südwestecke des Victoria im Norden beschränkt; sie lieferte auf breiten, horizontalen Webstühlen grobe gestreifte Baumwollstoffe.

Die Rindenstofftechnik besitzt ihre höchste Vollendung in Uganda, wo besondere Künstler ganz riesige Stücke zu fertigen und zu bemalen wissen. Zur Bekleidung wird ein ähnliches, nur schlechteres Material gegenwärtig noch in einzelnen Teilen von Urundi benutzt, während im ganzen Süden schmale Rindenstoffstreifen nur noch von den mannbar werdenden Knaben während der Pubertätsfeier getragen werden. Die Technik ist überall gleich: man löst den Rindenmantel durch zwei Kreis- und einen Längsschnitt vom Baum ab, befreit das Stück von der äußeren Borke, legt es auf einen Block und hämmert es unter stetigem Ziehen mit gerieften Hämmern oder Keulen, bis eine Art Filz entsteht. Eine andere Art der Baumrindenverwendung üben die Wanjamwesi mit der Herstellung ihrer sog. Lindoschachteln. Es sind das Behälter meist aus dem Bast von Miombobäumen, die für verschiedene Zwecke verwandt werden und demgemäß in den Abmessungen vom kleinsten Behälter bis zum mannshohen Faß schwanken. Farbige Tafel Deutsch-Ostafrika Abb. 5 stellt eine solche Schachtel dar.

Ihren Salzbedarf decken die Bewohner D.-O.s zu einem Teil aus stark salzhaltigen Quellen, deren Wasser man durch einfaches Eindampfen in Salz verwandelt. So geschah es bis vor kurzem am unteren Magarassi. Heute arbeitet dort die zentralafrikanische Seengesellschaft, deren Saline Gottorp an die Stelle des alten primitiven Verfahrens einen weit rationelleren Betrieb gesetzt hat. Allgemeiner war und ist jedoch das Auslaugen salzhaltiger Tone und Pflanzenaschen, deren im Trichter ausgelaugte Bestandteile der Neger in flachen Gefäßen eindampft. Das so gewonnene Erzeugnis ist meist grau und unrein, enthält oft auch nur wenig Chlornatrium, bekommt dem Neger aber ausgezeichnet.

f) Bei dem Vorherrschen des Feldbaues stehen in der Nahrungsaufnahme der Ostafrikaner Vegetabilien obenan. Wo, wie im größten Teile des Landes, Körnerfrüchte (die verschiedenen Hirsearten, Mais und Reis) vorherrschen, ist das Normalgericht der Ugali, ein steifer Brei, zu dem als Zuspeise Brühe von allerlei Gemüsen und, wenn man es haben kann, auch Fleisch gegessen wird. In der Bananengegend des Zwischengebietes stehen die vielen Abarten dieser Frucht, die man in der mannigfachsten Weise zu bereiten versteht, im Vordergrunde. Fleisch ist überall zugänglich, soweit es durch die Jagd und die ganz allgemein geschickt konstruierten Fallen erlangt wird. Bei den Viehzüchtern bildet das Schlachten der als höchst wertvoll erachteten Tiere der eigenen Herde die Ausnahme; nur bei den Massaikriegern war es in der guten alten Zeit die Regel, soweit der Moran, der unverheiratete Krieger (s. Massai), nicht den Genuß von Rinderblut mit dareingemischter Milch und Honig vorzog. Das Blut wurde zu dem Zweck den Rindern durch eine Art Aderlaß aus einer Halsvene abgezapft. Zerkleinerungsmittel für das Getreide ist ganz allgemein der Reibstein mit dem Läufer, während der fast ebenso verbreitete Mörser mehr zum Enthülsen der Körner dient. -

Unter den Genußmitteln herrscht das Bier aus Hirse oder Mais (Pombe) vor; seine Verbreitung deckt sich mit der jener Körnerfrüchte. Küstengetränk ist der aus der Kokospalme gewonnene Tembo, das der Bananenländer ein aus dieser Frucht gewonnener Wein. Der Tabak hat im Lande drei große Verbreitungsbezirke: das Zwischenseengebiet, den Strich von Ufipa über das Nordende des Njassa und den Ostrand des Tafellandes bis Usegua und Usambara und die Zone längs des Rovuma. Ein kleiner Sonderbezirk ist Unjanjembe. Neben Trockenpfeifen finden sich auch Wasserpfeifen; im übrigen zieht der Neger das Schnupfen vor. In Urundi spielt sich der Vorgang in der Weise ab, daß der Schnupfer Tabaksbrühe in seine Nase zieht, worauf er auf deren Unterteil eine Art Wäscheklammer zwängt, die das zu rasche Auslaufen der geschätzten Flüssigkeit verhindern soll. Das Kauen des Tabaks ist schließlich an der Küste üblich. Hanfgenuß ist den Wanjamwesi eigen. In Kissiba und seiner Nachbarschaft dienen die Bohnen des dort wachsenden Kaffees in der Weise als Genußmittel, daß man sie roh kaut.

g) Unter den Angriffswaffen sind Bogen und Pfeil, Keule und Wurfspeer der Bantubevölkerung sicher von jeher eigentümlich. Dem Norden des Landes, haben dann die Wahuma und Massai die lange nordostafrikanische Lanze mit aufgesetzter Klinge, dem Süden die Wangoni den kurzen, nur zum Nahangriff geeigneten, darum aber taktisch um so wirksameren Stoßspeer gebracht.

Der Massaispeer ist stets mehr als 2 m lang. Ursprünglich, d. h. vor dem Eindringen überseeischen Eisens, waren Blatt und Schuh nur wenig größer als bei anderen ostafrikanischen Lanzen auch. Dann beginnen Blatt wie Lanze immer länger und schlanker zu werden, bis seit etwa der Jahrhundertwende eine Form erreicht worden ist, bei der der Schaft nur eben gerade noch eine Handbreit lang ist, während alles übrige aus reinem Eisen besteht (s. farbige Tafel Deutsch-Ostafrika Abb. 1). Der Massairegion ist auch noch das nach der Spitze zu verdickte und verbreiterte und dadurch ebenfalls sehr wirksame sog. Massaischwert (s. Tafel 40 Abb. 24, 21) eigen. - Unter den Schutzwaffen fehlt der Schild nahezu überall in dem Gebiet des Bogens. Dafür haftet er um so fester am Speer. Schildgegenden sind demgemäß der ganze hamitische Norden mitsamt seiner Einflußsphäre der Massaiaffen, und ebenso der ganze Süden einschließlich seiner Region der Suluaffen. Dabei ist der ganze Osten ein Gebiet des Leder- oder Fellschildes (s. farbige Tafel Deutsch-Ostafrika Abb. 1, 9, 15 u. Tafel 40 Abb. 16, 26, 27), während das Zwischenseengebiet bereits den westafrikanischen Pflanzenstoffschild zeigt, einfache oder überflochtene Holzplatten (s. farbige Tafel Deutsch-Ostafrika Abb. 12). Ein interessantes Gebiet der Anfänge des Schildes überhaupt liegt in der Gegend zwischen dem Ejassisee und dem Victoria, indem einige dortige Völkerschaften (Wanjaturu, Waschaschi, Wataturu) die menschheitsgeschichtlich uralte Parierstange gegen Stock- und Keulenhiebe sehr einfach aber sinnreich mit einem Bügel aus derbem Tierfell versehen, der die Hand vollkommen ausreichend gegen jene Hiebe schützt.

Dieser Parierschild samt dem dazu gehörigen Schlagstock (s. Tafel 40 Abb. 17, 26, 27) dient nicht mehr als Kriegswaffe, sondern ist zum Überlebsel geworden, indem die übermütige Jugend sich ganz in der Art unserer deutschen Studenten eine Art Bestimmungsmensur mit ihnen leistet. Die Entwicklung des Schildes aus der einfachen Parierstange zeigt sich in dieser Gegend insofern, als man an der Hand der Sammlungen lückenlos verfolgen kann, wie die Lederscheibe immer größer wird und wie der hindurchgesteckte alte Parierstock immer weniger über das Leder hinausragt. Mit dem Beginn des Zwanges, den Körper nicht bloß mehr gegen Hiebe und einzelne Speerwürfe, sondern auch gegen die unsichtbar heransausenden heimtückischen Pfeile zu schützen, tritt die Flächenhaftigkeit des Schildes dann vollkommen in den Vordergrund. Die Fellschilde Ostafrikas beweisen diesen ihren Entwicklungsgang ganz einwandfrei dadurch, daß sie trotz ihrer Flächenhaftigkeit dem uralten Parierschild anatomisch noch immer gleichen. Ein diesen Parierschilden des abflußlosen Gebiets nahezu analoges Vorkommnis ist übrigens der in farbiger Tafel Deutsch-Ostafrika Abb. 10 wiedergegebene Gegenstand vom Ostufer des Njansa, dem ebenfalls jede breitere Schutzfläche fehlt, der aber, im Verfolg der größeren Farbenfreudigkeit dieser Gegend, wenigstens hübsch bemalt ist. Politisch-geographisch bemerkenswert innerhalb der ganzen Waffenverbreitung ist die Erscheinung, daß Stoßspeer und Schild bei den tatkräftigen kriegerischen Völkern, Bogen, Pfeil und Wurfspeer bei den schwachen, passiven Stämmen vorherrschend sind.

h) Handel und Verkehr sind in Ostafrika seit jeher ohne die Zuhilfenahme besonderer Verkehrsmittel vor sich gegangen; Ostafrika ist das Land des Trägerverkehrs schlechthin. Seit dem Eindringen der Araber hat diese urwüchsige, rückständige, zudem teure Methode gleichwohl sehr große Entfernungen und beträchtliche Massen bewältigt; allerdings stets nur Wertartikel wie Elfenbein und Kautschuk, keine Massenartikel. Auch über den bloßen Austausch ist man im Handel nicht hinausgekommen; wo wir Wertmesser finden, sind sie Einfuhr von außen. Das gilt für die Perlen und Stoffe, ohne die der Karawanenverkehr im Lande nicht durchführbar war, solange nicht die Kolonialmächte Metallwährung eingeführt hatten. Auch das Geld des Zwischenseengebiets, die Kaurischnecke, ist Einfuhrgut. Die einzige Ausnahme bildet die Jembe, das Feldhackenblatt des Marktes von Tabora (s. Tafel 40 Abb. 9), das als Wertmesser auf dem ganzen Zentralplateau galt und weit in die Lande ging. - Zu Wasser ist der binnenländische Ostafrikaner über den Einbaum nicht hinausgekommen; wo wir an den Rändern des Landes höhere Verkehrsmittelformen finden, sind auch sie fremd. So lebt die ganze Küste von arabischer, indischer, malaiischer Beeinflussung, und so haben auch die Waheia ihr genähtes Plankenboot von den Waganda übernommen, die es ihrerseits sicher auch erst von Fremden übernommen haben.

C. Der geistige Kulturbesitz.

a) Darin gehört die Neigung zu Musik und Tanz zu den hervorstechendsten Charakterzügen. Die allgemeine Form des Tanzes ist der Reigen (ngoma), sei es in geraden Fronten oder dem geschlossenen Kreis, wobei die Teilnehmer sich nach dem Takt der Trommelkapelle rhythmisch bewegen. Die Formen dieser Trommeln schwanken dabei je nach den Landschaften, aber doch auch nach den einzelnen Ngomaarten. Die Abb. 12, 13, 15, 23 Tafel 40 stellen einzelne solcher ostafrikanischer Trommeltypen dar. Abb. 12, die sog. Ugandatrommel, ist die häufigste unter ihnen, die sanduhrförmigen Gebilde 15 und 23 aus dem Süden erinnern dahingegen auffällig an melanesische Formen. Maskierung tritt bei den Tänzen nur während der Mannbarkeitsfeste auf, im wesentlichen zudem auch nur bei den Makonde und ihren Nachbarn. -

Von Saiteninstrumenten sind in D.-O. die folgenden verbreitet: der Musikbogen über Unjamwesi, Ungoni und Usaramo. Im Gegensatz zu dem südafrikanischen Vorkommen besitzt er hier im Osten bereits einen Resonanzboden, meist eine Hohlfrucht. Die höher entwickelte Form der Sese, bei der der Saitenträger starr geworden ist, findet sich über den ganzen Süden von der Küste bis Unjamwesi hin verbreitet. Die Schalenzither, eine ovale Holzmulde mit einer von Rand zu Rand hin- und herlaufenden Einheitssaite (s. Tafel 40, Abb. 20), über das ganze Zentralplateau, den Süden und den Westen. Die Lyra ist auf Uschaschi beschränkt; das mit dem Bogen gestrichene Monochord von der Form der Tafel 40, Abb. 19 auf das Gebiet zwischen der Küste und dem Njassa und dessen Umrandung; die Schalmei endlich von der Form der Tafel 40, Abb. 22 ist sicher eine verhältnismäßig moderne indische Einfuhr. -

Auch andere Formen sind nur von lokaler Verbreitung. So die Sansa oder Ulimba, eine Klimper, auf deren Resonanzkasten ein System von Holz- oder Eisenzungen befestigt ist (s. Tafel 40, Abb. 8), über den äußersten Süden. Die Marimba, das bekannte Negerxylophon mit hölzernen Tasten, tritt im Nordosten ganz ohne Resonanzvorrichtung auf, indem man in Usambara und seinen Nebenländern die Tasten einfach auf 2 Längsstäbe legt. Im Süden, bei den Makondo, ruhen sie ebenso einfach auf zwei parallelen Strohbündeln, die ihrerseits auf Holzbalken befestigt sind (s. Tafel 40, Abb. 11). - Das allgemeinste Instrument des Ostafrikaners ist die Trommel; außer bei den Massai und in Urundi und Ruanda fehlt sie nirgends.

b) Die politische Befähigung der Eingeborenen Ostafrikas ist im allgemeinen nicht als groß zu bezeichnen, doch sind selbst innerhalb dieser Beschränkung die Unterschiede noch recht beträchtlich. Eine gut verfolgbare politische Geschichte kennen wir nur von den Wangoni, Wanjamwesi, Wahehe, Wabena und Wassangu, wobei es sich allerdings auch nur je um Jahrzehnte. oder den größeren Teil eines Jahrhunderts handelt. Die Wahuma des Zwischenseengebiets rühmen sich zwar alter Reichsbildungen, doch entzieht sich die Berechtigung dazu einstweilen noch unserer Beurteilung. Die gesamte übrige Bevölkerung ist nirgends über den Dorf- oder Gaustaat hinausgekommen; selbst die "Reiche" der Waheia verdienen kaum eine andere Bezeichnung. Eine Art theokratischen Staatswesens besitzen die Massai, indem der Ol oiboni weniger als weltlicher Herrscher denn als Nationalheiliger oder Patriarch zu bezeichnen ist.

c) Auf religiösem Gebiet läßt sich die gesamte Stufenleiter primitiver Glaubens- und Kultusäußerungen verfolgen (s. Religionen der Eingeborenen). Für die Massai hat Moritz Merker in seinem vielbesprochenen Buch sogar den starren Monotheismus der alten Hebräer nachweisen zu können geglaubt. Weit verbreitet ist allem Anschein nach der Manismus oder Ahnenkult. Wie in Deutsch-Südwestafrika bei den Herero haben die Ahnen ihren Sitz in heiligen Bäumen; bei den Makonde stellt man die Stammesmutter, aus deren Schoß das gesamte Volk entstanden ist, in Form roher Skulpturen dar, wie Tafel 40, Abb. 1 eine solche wiedergibt.

Ganz allgemein ist sodann der Animismus, der Glaube an das Beseeltsein der ganzen Natur, und sicher nicht weniger verbreitet schließlich der präanimistische Zauberglaube. Zauberer (waganga) und Regenmacher gibt es überall; sie alle arbeiten in der Ekstase mit dem Glauben an die eigene Zauberkraft und dem anderen an ihre Macht über die Geister innerhalb der Natur. Aus eigener Kraft und ohne Ekstase zaubert sodann, wie die Unsumme von Zaubermitteln und Medizinen in unseren Museen bezeugt, jeder gewöhnliche Mann. Als Hilfsmittel dazu ist ihm jeder Gegenstand recht; vor allen Dingen stehen die Wurzeln zahlreicher Pflanzen im Geruch der Zauberkraft; richtig angewandt, schädigen sie den Feind auf jede Entfernung und in jedem gewünschten Grade. Auch Pflanzensäfte werden zu dem gleichen Zweck zubereitet. Vor allem jedoch nimmt man seine Zuflucht zu bestimmten Teilen von Tierkörpern, oder man verwendet gleich ganze Tierkadaver selbst als Divinations- und Zaubermittel. Farbige Tafel Deutsch-Ostafrika Abb. 8 und 13 stellen zwei solche Apparate aus der Umgebung des Makondeplateaus dar; Abb. 13 eine sog. Trokolla, Abb. 8 eine Chissangu (kijao; suaheli Kissangu).

Die Trokolla besteht im wesentlichen aus einem Tierhorn, das auf einem durchgehenden Stabe drehbar ist. Gilt es für den Zauberer, einen Verbrecher zu eruieren oder die Zukunft vorauszusagen, so wirbelt er das Horn mit mäßiger Geschwindigkeit um seine senkrecht in der Hand stehende Achse. Ist die gewünschte Rotation erreicht, so setzt er noch ein zweites Horn darüber, das nun mitdreht. Mit einemmal bringt der Zauberer das untere Horn durch Anhalten mit der linken Hand zum Stillstand, während das obere noch weiter wirbelt. Aus der Art der endlich erreichten Ruhelage, d. h. dem Winkel, den beide Hörner miteinander bilden, entnimmt der Mganga (Zauberer), ob der Verdächtige schuldig oder unschuldig ist. Der Willkür ist natürlich dabei Tor und Tür geöffnet. - Noch kräftiger ist die Chissangu; wenn alle anderen Zaubermittel nicht mehr fruchten, wendet man sie an; so bei frischen Todesfällen - bei den Naturvölkern ist der Tod im allgemeinen nichts Natürliches, sondern etwas durch die Maßnahmen eines andern Verursachtes -, bei Erkrankung eines Kindes, bei Diebstählen; stets um den Schuldigen festzustellen.

Die Handhabung des hübsch mit Perlen und Paternosterbohnen (Abrus precatorius) besetzten, einem maulwurfähnlichen Tier entnommenen Balges erfolgt in der Weise, daß der Mganga das Bündel an den Schwanz faßt, es unter den Beinen hindurchsteckt und nun mit ihm "wippt", d. h. es durch Auf- und Nieder-, Hin- und Herbewegen zu balanzieren sucht. Steht das Tier schließlich vor einem der Anwesenden senkrecht und drückt es dabei die Hand des Meisters gleichzeitig schwer zu Boden, so ist der Verdächtige der Tat überführt und geht seiner Bestrafung entgegen. Die Spiegelscheiben am Chissangu sollen den Übeltäter entweder durch ihr Glitzern schrecken, oder sie stellen sozusagen das Auge der Gottheit dar, die bei der Bewegung drohend auf den Schuldigen schaut.

d) Kunst und Wissenschaft schließlich halten sich in Ostafrika in bescheidenen Grenzen. Eine Schrift haben nur die Suaheli; bis zur Übernahme der von den Kolonialmächten eingeführten Lateinschrift merkwürdigerweise die für die vokalreiche Sprache durchaus ungeeignete arabische. Als eine Art Anfang der Schrift, zugleich auch des Kalenders, lassen sich die Knotenschnüre auffassen, die neuerdings im Rovumagebiet nachgewiesen worden sind. - In der Plastik leistet der Ostafrikaner durchgehends weniger als der Westafrikaner. Die menschliche Figur und ihr Antlitz werden allein bei den Makonde und ihren Nachbarn und den Wasaramo (s. farbige Tafel Deutsch-Ostafrika Abb. 6 u. Tafel 40 Abb. 1-4) dargestellt.

In Usaramo stellt das Volk große Holzpfähle von der Form stark stilisierter menschlicher Figuren auf die Gräber; dem zum erstenmal menstruierenden Mädchen aber übergibt man eine kleine, mit einer Perücke von Tonkügelchen verzierte Puppe von der in Abb. 6 der farbigen Tafel von Deutsch-Ostafrika wiedergegebenen Form, die von dem Mädchen von da an bis zur Geburt des ersten Kindes ununterbrochen getragen werden muß. Mwana ya kiti (Kind vom Stuhl) heißen diese eigenartigen Gebilde. Die Malerei ist allgemeiner, doch beschränkt sie sich auf Tier- und Menschenbilder an den lehmbestrichenen Hauswänden und geht über die Höhe unserer frühen Kinderzeichnungen nicht hinaus. Der bekannte Naturalismus der Jägervölker (Buschmänner, Paläolithiker, Australier) ist ebensowenig bekannt wie die Perspektive und ähnliche höhere Gesichtspunkte. Weule.

 

Eingeborenenbevölkerung