11. Europäische Unternehmungen.

Im Gegensatz zu der Produktion der Eingeborenen, welche in erster Linie auf die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse gerichtet ist, erzeugen die europäischen Unternehmungen in der Hauptsache Ausfuhrprodukte. Bei den europäischen Unternehmungen sind zu unterscheiden Plantagen- und Handelsunternehmungen. Erstere sind zum Teil mit Handelsunternehmungen verbunden. Viehzucht, Industrie und Gewerbe befinden sich noch im Anfangsstadium, Jagd und Fischfang spielen bisher nur eine geringe Rolle. Bergbau wird in einigen Gegenden mit Erfolg betrieben.

Gleich nach der Aufrichtung der deutschen Herrschaft im Schutzgebiet begannen einige deutsche Unternehmungen mit Pflanzungsversuchen, besonders mit Kaffee, Baumwolle, Tabak, Tee, Kakao, Vanille und anderen tropischen Nutzpflanzen; die meisten wurden indessen bald als unrentabel aufgegeben. Mangels jeglicher Erfahrung kamen die Plantagenbetriebe lange nicht über kostspielige Versuche hinaus, und auch in neuerer Zeit können sie für manche Kulturen noch nicht als abgeschlossen gelten. In diesen Versuchen werden die Pflanzungen unterstützt durch das Biologisch-landwirtschaftliche Institut Amani, sowie durch die übrigen Versuchsstationen des Gouvernements und der einzelnen Verwaltungsbezirke. Die Anlage der Plantagen beschränkte sich zunächst auf die Nordbezirke Tanga, Pangani und Wilhelmstal; diese sind auch heute noch das Hauptpflanzungsgebiet des Schutzgebiets.

Mit der fortschreitenden Verbesserung der Verkehrsverhältnisse sind jedoch auch im ganzen übrigen Küstengebiet (Lindi und Rufiji) und im Innern, insbesondere bei Morogoro, Pflanzungen angelegt worden. - Das erste von Europäern gewonnene, in nennenswerter Menge ausgeführte Produkt war Kaffee aus den Plantagen des Usambaragebirges. Die Aussichten erschienen anfangs günstig, zumal die ersten Ernten auf dem Markt gut aufgenommen wurden. Bald zeigte es sich jedoch, daß der Boden nicht tiefgründig genug für die langen Pfahlwurzeln des Kaffeebaums war, auch hatte man versäumt, Schattenbäume anzupflanzen und häufig auch die Pflanzungen genügend zu reinigen. Zudem traten Schädlinge, welche ganze Kulturen vernichteten, in großen Mengen auf. Da außerdem die Kaffeepreise auf dem Weltmarkt erheblich fielen, kam die Entwicklung der Kaffeekultur in Usambara mehr und mehr zum Stillstand.

Seit 1901 hat eine nennenswerte Ausdehnung der dortigen Kaffeeplantagen nicht mehr stattgefunden. Man ist im Gegenteil dazu übergegangen, nur noch die besseren Bestände durch Pflanzen von Schattenbäumen und Düngung intensiver zu bewirtschaften. Als Ersatz hat man Kautschuk, Sisal, Gerberakazien usw. angepflanzt. Von der Kultur des anfangs im Tieflande gezogenen Liberiakaffees ist man ganz abgekommen. Dagegen hat man mit den Kaffeepflanzungen gute Erfahrungen gemacht, welche seit 1902 am Kilimandscharo und Meruberg angelegt sind. In diesem Gebiet sind zurzeit etwa 1000 ha unter Kultur. Auch im Bukobabezirk sind, angeregt durch die guten Erfolge der dortigen Eingeborenen (s. Eingeborenenproduktion) drei europäische Pflanzungen entstanden; diese sind jedoch noch nicht ertragsfähig. Im ganzen Schutzgebiet sind von Europäern 3143 ha mit etwa 3383000 Kaffeebäumen bepflanzt worden. Ausgeführt wurden im Jahre 1912 902 934 kg im Werte von 1154289 M. - Unter den Faserpflanzen des Schutzgebiets ist die Sisalagave für den Export zurzeit bei weitem die wichtigste. Die Kultur von Ramie und von Mauritiusagaven ist bereits seit längerer Zeit als unrentabel aufgegeben worden. Ebenso hat die Ausbeutung der wildwachsenden Sansevierenbestände sich immer in bescheidenen Grenzen gehalten und seit einigen Jahren fast ganz aufgehört, da die Werbungskosten zu hoch waren.

Die Sisalagave, in Yukatan (Zentralamerika) heimisch, wurde in D.-O. zuerst im Jahre 1892 auf der Plantage Kikogwe der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft als Ersatz für die nicht rentierende Kaffeekultur angepflanzt. Da die Sisalpflanze mit verhältnismäßig geringen Böden vorlieb nimmt und gegen Witterung und Schädlinge sehr widerstandsfähig ist, fand der Anbau dieser Faserpflanze schnelle Verbreitung. Der Export von 10 t im Jahre 1900 ist auf 17079t im Werte von 7359219 M im Jahre 1912 gestiegen. Zurzeit sind im Schutzgebiet im ganzen 24751 ha mit Sisal bepflanzt. Hiervon sind 14359 ha ertragfähig. Die weitere Ausdehnung der Sisalkultur wird unter anderem dadurch beschränkt, daß zum Versand der fertigen, etwa 5 Zentner wiegenden Hanfballen moderne Verkehrsmittel erforderlich sind. Die Anlagen sind also an die nächste Nähe der Küste oder Eisenbahn gebunden. Ferner sind zur Aufbereitung der Agavenblätter teure Maschinen und zur Heranschaffung der Blätter an die Maschinen Feldbahnen nötig, so daß sich nur Großbetriebe lohnen. Hauptproduktionsgebiet sind die Bezirke Tanga, Pangani, Wilhelmstal und Lindi. -

Eine noch größere Ausdehnung als die Sisalunternehmungen haben die Kautschukplantagen genommen. Die Kultur beschränkt sich fast ausschließlich auf die von Manihot Glaziovii, welche mit 44903 ha nach dem Flächeninhalt die erste Stelle unter den Exportkulturen einnimmt. Manihotpflanzungen sind in fast allen Gegenden des Schutzgebiets entstanden, am zahlreichsten in den Bezirken Tanga, Pangani, Wilhelmstal, Moschi, Morogoro und Lindi. Nur etwa 414 ha sind mit Kickxia elastica, Hevea brasiliensis und Ficus elastica angebaut; außerdem wird im Bezirk Langenburg eine einheimische Kautschukliane, Landolphia Stolzii Busse, in ganz geringer Menge kultiviert. Im Gegensatz zur Sisalkultur erscheint der Anbau von Kautschukpflanzen zurzeit auch im Kleinbetrieb rentabel, da zur Aufbereitung keine teuren Anlagen erforderlich sind. In bezug auf Zapfmethoden und Koagulationsmittel herrscht noch keine Einheitlichkeit; die Kautschukaufbereitung in unserem Schutzgebiet ist dabei noch nicht völlig aus dem Versuchsstadium heraus.

An Plantagenkautschuk wurden im Jahre 1912 1017 t im Werte von 7 233 771 M ausgeführt. Der plantagenmäßige Anbau von Baumwolle macht mehr und mehr Fortschritte. In der Hauptsache werden noch ägyptische Sorten angebaut. Im Jahre 1911 waren 14308 ha mit Baumwolle bepflanzt. Vier Pflanzungen arbeiteten mit Dampfpflügen. Die Kultur von Baumwolle als Zwischenfrucht von Sisal und Kautschuk hat sich im allgemeinen gut bewährt, weil die Sisal- und Kautschukpflanzungen auch ohne Zwischenkultur bearbeitet und reingehalten werden müssen. Die Versuche mit der perennierenden Caravonika-Baumwolle sind bis jetzt fast durchweg mißglückt, da sie zu sehr unter Schädlingen leidet. - Eine baumwollartige Faser liefert der Kapokbaum (s. Kapok), welcher neuerdings in steigendem Maße angepflanzt wird. Ein großer Teil der Produktion wird in der Kolonie als Stopfmittel für Matratzen, Kissen usw. verbraucht. - Kokospflanzungen sind in nennenswertem Umfange nicht in europäischen Händen. Nur in den Bezirken Daressalam, Morogoro, Tanga, Wilhelmstal und auf der Insel Mafia befinden sich einige Kokospflanzungen mit insgesamt 784458 Bäumen im Besitz von Europäern (über Ausfuhr s. Eingeborenenproduktion). -

Die Gerberakazie wird seit 1906 in den höheren Lagen von Usambara und am Kilimandscharo angepflanzt. Ob die Verwertung der Rinde allein den Anbau lohnt, ist trotz ihres hohen Gerbstoffgehalts noch zweifelhaft. Der Verkauf des Holzes, welcher in Natal, dem Hauptanpflanzungsgebiet der Gerberakazie, viel einbringt, kommt für D.-O. in absehbarer Zeit kaum in Betracht, da Busch und Wald überall genügend Holz liefern. Im Jahre 1910/11 bestanden im Bezirk Wilhelmstal 20 Pflanzungen mit 745 ha Areal; im Jahre 1912 waren 770 ha mit Gerberakazien bepflanzt. Eine nennenswerte Ausfuhr hat bisher noch nicht stattgefunden. - Zuckerrohr als Hauptfrucht wird nur im Panganital von einem Europäer angebaut und zwar, wie es scheint, mit gutem Erfolge. Dieser kauft auch die Ernten von Eingeborenen auf und verarbeitet das Produkt auf primitiven Maschinen. Er führte im Jahre 1912 2818 kg Zucker aus. -

Nach den Enttäuschungen, welche der Tabakbau den Pflanzern in den ersten Jahren nach der Besitzergreifung des Schutzgebiets gebracht hatte, hat man erst in neuerer Zeit wieder Anbauversuche am Kilimandscharo gemacht, und zwar mit türkischem Zigarettentabak; doch läßt sich ein abschließendes Urteil hierüber noch nicht fällen. - Vanille, Pfeffer, Kakao und Rizinus wird nur in geringem Umfang, hauptsächlich als Nebenkultur angepflanzt. Auf Mafia sind neuerdings kleinere Nelkenanbauversuche auch in europäischen Pflanzungen gemacht worden. - Der Anbau von europäischen Gemüsen und Hülsenfrüchten geht bis jetzt über den örtlichen Bedarf kaum hinaus. Die seit Jahren in vielen Bezirken angebaute europäische Kartoffel hat sich in fast allen hochgelegenen Gebieten sehr bewährt und kann zweimal im Jahre geerntet werden. Trotzdem müssen noch viele Kartoffeln aus dem britischen Nachbargebiet und sogar aus Europa eingeführt werden, weil die Farmer bei dieser Kultur bis jetzt nicht den gewünschten Verdienst zu finden glauben. Mais, Weizen, Gerste und Hafer werden in den Hochländern einiger Bezirke von Europäern gebaut, jedoch ist der Absatz einstweilen noch zu schwierig. -

Dem Reisbau hat sich die europäische Pflanzertätigkeit nur in geringem Maße zugewendet. -

Zur Ausnutzung von Kokons der im Gebiete des Victoriasees wild vorkommenden Raupe eines Seidenspinners (Anaphe) bildete sich 1908 eine Gesellschaft aus deutschen, französischen und schweizerischen Seidenfirmen, 1910 wurde sie in die "Afrikanische Seidengesellschaft" umgewandelt. Da sich das Sammeln der Raupennester indessen nicht lohnte, ging die Gesellschaft dazu über, die wild wachsende Futterpflanze Bridelia micrantha plantagenmäßig anzupflanzen und Zuchtversuche mit der wilden Seidenraupe zu machen. Das Unternehmen ist jedoch über Versuche noch nicht hinausgekommen. Im Morogorobezirk glückte ein kleiner Versuch mit der Zucht der echten Seidenraupe (Bombyx mori). Die Versuche sollen deshalb ausgedehnt werden (s. Seidenraupe). Zur Vermittlung der Ein- und Ausfuhr sind in den meisten bedeutenderen Plätzen des Schutzgebiets Handelsniederlassungen europäischer Firmen vorhanden. Der Kleinhandel liegt überwiegend in den Händen von Indern (s. 12. Handel). -

Viehzucht wird von einigen Deutschen und einer Reihe von Buren hauptsächlich in West-Usambara und im Moschi- und Aruschabezirk betrieben. Jedoch befinden sich im Besitz von Europäern nur verhältnismäßig kleine Herden. Die bisher zur Aufbesserung der einheimischen Rinderrassen unternommenen Kreuzungsversuche haben geringe Erfolge gehabt, offenbar deshalb, weil sie in wenig rationeller Weise ausgeführt wurden. Die Versuche zur Einführung von Wollschafen und europäischen Ziegen sind wegen der Seuchen und Krankheiten bisher meist fehlgeschlagen. Bessere Resultate haben die Versuche mit der Schweinezucht ergeben. In West-Usambara versorgt der Besitzer einer großen Farm schon einen Teil des Schutzgebiets mit Schinken, Wurst und Fleischkonserven. Auch die Geflügelzucht kommt mehr in Aufnahme. In manchen Bezirken sind die einheimischen kleinen Hühner mit europäischen aufgekreuzt worden. Auch Reinzucht europäischer Hühner ist vielfach erfolgreich gewesen. Zuchtversuche mit wild eingefangenen Straußen und Zebras haben bisher keine nennenswerten Resultate gehabt. -

Der Viehbestand der europäischen Ansiedler umfaßte im Jahre 1912: 43617 Rinder, 41647 Stück Kleinvieh, 5460 Schweine, 2543 Esel, 202 Pferde, 375 Maultiere und 173 Strauße (im übrigen s. a. Eingeborenenproduktion). - Industrielle und gewerbliche Unternehmungen gibt es bis jetzt nur in beschränkter Zahl im Schutzgebiet. Zu erwähnen sind: eine Bierbrauerei und 2 Möbeltischlereien in Daressalam, einige Sägewerke und eine Anzahl kleinerer Sägemühlen an der Küste und in Usambara, 4 größere Druckereien, je eine Eisfabrik in Daressalam und Tanga, eine Seifenfabrik in Tanga, eine Kanikifärberei in Daressalam und die elektrische Beleuchtungsanlage der Ostafrikanischen Eisenbahngesellschaft in Daressalam. Die übrigen gewerblichen Betriebe, wie Stellmacherei, Schlächterei, Schmiedehandwerk und Sodafabrikation genügen ausschließlich lokalen Bedürfnissen. Ein besonderer Wirtschaftszweig, dem sich das Interesse der europäischen Unternehmer in neuerer Zeit zugewendet hat, ist die Nutzung der Holzbestände des Schutzgebiets. Für die Ausfuhr kommen vor allem die Zedernbestände der verpachteten Waldreservate und privaten Forsten Usambaras in Frage. So hat die Sigiexportgesellschaft und die Firma Wilkins und Wiese Förderbahnen angelegt und Sägewerke errichtet, um die Holzgewinnung in großem Maßstabe zu betreiben.

Ferner sind die ausgedehnten Mangrovenbestände der Küste von der Schutzgebietsverwaltung an mehrere europäische Unternehmer verpachtet worden, welche diese Bestände wegen des hohen Gerbstoffgehalts der Rinde im großen ausbeuten. Die Jagd wird von Europäern nur noch als Sport oder zu wissenschaftlichen Zwecken ausgeübt. Berufsjäger gibt es nach dem Inkrafttreten der neuen Jagdordnung nicht mehr. Im Jahre 1912 wurden ausgegeben: Sog. große Jagdscheine für Ansässige zu 450 Rp.: 21 Stück; desgl. für Nichtansässige zu 750 Rp.: 21; sog. kleine Jagdscheine für Ansässige zu 50 Rp.: 147; desgl. für Nichtansässige zu 200 Rp.: 21; Erlaubnisscheine zum Abschuß eines Elefanten zu 150 Rp.: 31; desgl. zum Abschuß eines zweiten Elefanten zu 400 Rp.: 4. - Fischfang wird seit 1909 von einem Europäer an der Küste des Bezirks Tanga mittels eines Hochseekutters in größerem Maßstabe betrieben. Von bergbaulichen Unternehmungen des Schutzgebiets ist vor allem der Betrieb der Kironda-Goldminengesellschaft zu Sekenke erwähnenswert; sie förderte im Jahre 1911/12 203 kg Schmelzgold und 361 kg Feingold im Gesamtwerte von 866 188 M. Auch im Muansabezirk wurde mit der Goldförderung angefangen. Im Ulugurugebirge und im Usambara wird Glimmer bergmännisch gewonnen. Die Ausfuhr betrug im Jahre 1912 153 806 kg im Werte von 481507 M. - Im gleichen Jahre produzierte die Zentralafrikanische Seengesellschaft auf ihrer Saline Gottorp ca. 1850 Ztr. Salz; es fand im Schutzgebiet und im benachbarten Kongostaate guten Absatz. - Die Gewinnung von Granaten hatte nur kurze Zeit einen größeren Umfang angenommen und ist augenblicklich fast ganz eingestellt worden. (Im übrigen s. Bergbau.)

 

Europäische Unternehmungen