Warum der Kilimandscharo in Tansania liegt
Heinz Schneppen

Koloniale Grenzen und Staatenbildung in Ostafrika

Jeder hat vom Kilimandscharo gehört, aber nicht jeder weiß, wo er liegt. Hemingway beschreibt den "Schnee vom Kilimandscharo", aber der Leser erfährt nicht, wo der Schnee eigentlich fällt. Der Nachbar im Norden nutzt die Unkenntnis des Touristen, wenn er im Ausland mit dem Bild des höchsten afrikanischen Berges wirbt. Tansania präsentiert sich jetzt im Fremdenverkehr als "das Land von Sansibar und Kilimandscharo". Aber kaum einer, der weiß, daß der Kilimandscharo in Tansania liegt, weiß auch, warum er dort liegt.

Der Kilimandscharo ist ein Produkt der Natur, von vulkanischen Eruptionen. Tansania aber ist ein Ergebnis der Geschichte, in Grenzen, die von Menschen bestimmt wurden: im Nordosten eine gerade Linie, wie mit dem Lineal gezogen, die den Indischen Ozean mit dem Viktoria-See verbindet - bis auf den seltsamen Bogen um die nördlichen Hänge des Kilimandscharo, der den Berg für Tansania sichert.

Ein Geschenk der Königin?
Manche sind der Auffassung, daß der Kilimandscharo auf dem Gebiet des heutigen Tansania liegt, weil Queen Victoria den Berg ihrem Enkel Wilhelm II. geschenkt habe. Diese Version hat in Publikationen in England, Deutschland und Tansania ihren Niederschlag gefunden: wir begegnen ihr im Film "Jenseits von Afrika" nach dem Buch von Tania Blixen. Die Geschichte vom Geschenk der Großmutter an den Enkel spricht zwar das Gefühl an, entspricht aber nicht den Tatsachen. Victoria war gar nicht in der Lage, etwas zu verschenken, und Wilhelm kaum in der Lage, etwas zu empfangen. Denn 1886, als sich das Schicksal des Kilimandscharo entschied, war sein Großvater noch Kaisers und sein Vater wartete als Kronprinz noch auf seine Stunde. Der Kilimandscharo ist in Tansania, weil die Deutschen die besseren Karten hatten und die Engländer es für klüger hielten, sich entgegenkommend zu verhalten. Und sie hatten hierfür ihre Gründe. Denn die Grenzen des heutigen Tansania sind das Ergebnis sowohl deutsch-britischer Rivalität wie Zusammenarbeit. Indem Deutsche und Briten in Ostafrika ihre Interessen definierten, legten sie zugleich das Fundament für einen Staat, der 70 Jahre später seine Unabhängigkeit erlangte.

Am 6. Oktober I 889 hatte der deutsche Geograph Hans Meyer als erster Weißer den Kilimandscharo bezwungen und auf seinem Gipfel die deutsche Flagge gehißt. Als 1961 an derselben Stelle die tansanische Flagge aufgezogen wurde, gingen 25 Jahre deutscher und 40 Jahre britischer Herrschaft zu Ende. Begonnen hatte die deutsche Herrschaft, als im Februar 1885 die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft (DOAG) den Schutz des Deutschen Reiches für 140.000 qkm erbat, die sie nordwestlich von Daressalam von zehn Stammeshäuptlingen erworben hatte. Diesen waren die Konsequenzen ihres Handelns wohl kaum bewußt.
 
Bismarcks Interesse
Damit sich dieses koloniale Unternehmen entwickeln konnte, brauchte es Zugang zur See, einen Hafen an der Küste. Der Konflikt mit dem Sultan von Sansibar war so programmiert. Bismarck wurde in eine Auseinandersetzung verwickelt, die er weder erwartet noch gewünscht hatte. Denn für Bismarck war Sansibar der wirtschaftliche und politische Schlüssel zu Ostafrika. Hamburgische Handelshäuser waren seit 1849 auf der Insel tätig. Als 1884 erstmalig ein kaiserlicher Konsul nach dort entsandt wurde, war es seine Aufgabe, einen Freundschaftsvertrag abzuschließen und auf friedliche Weise den Handel zu entwickeln.

Diese Ziele wurden durch die Landerwerbungen der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft gefährdet, denn der Sultan betrachtete das gegenüberliegende Festland als seinen Besitz. Aber als Einheiten der kaiserlichen Flotte ihre Macht vor Sansibar demonstrierten, hatte Sultan Said Bargasch keine Wahl. Auch war sein Anspruch auf das Festlandkeineswegs unumstritten Es schien unter diesen Umständen notwendig, das genaue Ausmaß der Souveränität des Sultans auf dem Festland zu bestimmen. Dies lag auch im Interesse der Briten. die an der ostafrikanischen Küste ebenfalls Aktivitäten entwickelten.
 
Deutsch-britisch-französische Kommission
Als sich am 26. Juli 1885 der soeben ernannte britische Premierminister Lord Salisbury und der deutsche Botschafter Graf Münster trafen, war Sansibar Gegenstand ihres Gesprächs. Für Salisbury war der Anspruch des Sultans auf die Küste klar und begründet. Allerdings habe man nie die Tiefe seines Herrschaftsbereichs vermessen - 60 Meilen seien vielleicht eine vernünftige Schätzung. Einiges spräche dafür, daß die Souveränität des Sultans von den Häuptlingen des Kilimandscharo Gebiets anerkannt würde. London und Berlin einigten sich schnell auf die Einsetzung einer Abgrenzungs-Kommission. Auch Frankreich würde teilnehmen, hatte es sich doch 1862 mit Großbritannien verpflichtet, die Souveränität des Sultans zu respektieren. Der Sultan selbst war nicht vertreten.
 
Wettlauf zum Berg
Die Arbeit in der Kommission wurde von Anfang an durch unterschiedliche Interessen bestimmt. Briten und Franzosen schienen eher die Belange des Sultans zu vertreten - so sahen es jedenfalls die Deutschen. Ein Konsens über den Küstenbesitz des Sultans war so nicht zu erreichen; das Innere des Festlands blieb ohnehin unerforscht. Hier war der Sultan vor allem besorgt, daß die Arbeit der Kommission seinen Anspruch auf das Gebiet um den Kilimandscharo gefährden könnte Er entsandte daher General Mathew, den britischen Kommandeur seiner Truppen. mit 200 Askaris nach Norden, um dort die rote Fahne Sansibars zu hissen. Auf dem Rückweg begegnete er bei Taveta östlich des Kilimandscharo einer deutschen Expedition mit dem gleichen Ziel.

Aber auch das Interesse britischer Kaufleute und Forscher war seit einiger Zeit auf die Region gerichtet. Dabei waren die Kaufleute wegen der Risiken vorsichtiger als die Forscher. Zu vorsichtig für Harry Johnston, Salisbury's Protegé, der in einem Schreiben an das Foreign Office seine Enttäuschung artikulierte: "Es ist schade, daß sich noch kein britisches Handelsunternehmen am Kilimandscharo niedergelassen hat. In diesem Falle könnten wir den Deutschen mit einem falt accompli begegnen." Er fügte hinzu: "Die britischen Kaufleute sind heutzutage die unvernünftigsten Personen. Sie erwarten, daß die Regierung alles für sie tut und sehen keinen Anlaß für eigene Privatinitiative. Sie wünschen, daß die Regierung für sie riesige Gebiete wie Kilimandscharo annektiert, öffnet, zivilisiert [...], um sie ihnen dann zu übergeben, damit der Handel schnell und einträglich davon profitiert."

Waren die britischen Händler vorsichtig, so war die Regierung Ihrer Majestät in dieser Frage geteilt. Für Außenminister Granville war es wichtig, daß ein Gebiet wie die Kilimandscharo-Region nicht zum Nachteil britischer Interessen unter den Schutz einer anderen Flagge gestellt würde." Aber schon Anfang 1885 hatte Premierminister Gladstone den Vorschlag abgelehnt, "das Bergland hinter Sansibar (!) mit einem nicht zu erinnernden Namen" unter britischen Schutz zu stellen. Als jedoch Mitte des Jahres die liberale Regierung abgelöst wurde, schien die konservative Regierung Salisbury eher geneigt, britische Handelsinteressen am Kilimandscharo zu unterstützen.

Zwei gegensätzliche Verträge
Die Briten hatten ihren Anspruch, so die Deutschen, so der Sultan - und alle hatten irgendwelche Papiere, um ihren Anspruch zu stützen. Mandara Häuptling von Moshi sah sich von allen Seiten bedroht wie umworben: "Der Sultan von Sansibar will mein Land die Deutschen wollen mein Land Ihr [Briten] wollt mein Land. Wer immer mein Land will muß dafür zahlen." Am 30. Mai 1885 unterzeichneten 25 "Sultane von Chagga und Kilimandscharo" eine Erklärung, mit der sie dem Sultan von Sansibar den Treueid als Untertanen leisteten. Als erster unterzeichnete Mandara von Moshi wie alle mit einem Binom Kreuz.

Drei Wochen später, am 19. Juni 1885, unterzeichnete Mandara noch einen Vertrag einen deutschen. Er erhielt mit sofortiger Wirkung den Schutz der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft. Als "Ausgleich" trat er sein Land mit allen Rechten der Gesellschaft ab. Der Vertrag endete mit der Feststellung, daß er in rechtmäßiger Form und in Anwesenheit kompetenter Zeugen ausgeführt worden sei und auf ewig Gültigkeit besitze.
 
Skepsis im Auswärtigen Amt
Hundert Jahre später haben wir unsere Zweifel wegen der Qualität solcher rechtlichen oder pseudorechtlichen Dispositionen. Aber auch schon damals hatte das Auswärtige Amt erhebliche Bedenken: "Gegen die formelle Gültigkeit dieser Abmachungen werden sich nach europäischen Rechtbegriffen zahlreiche Einwendungen erheben lassen", heißt es in einer Bismarck vorgelegten Aufzeichnung vom IX. August 1885. "Vor allem ist nicht klar, ob die einheimischen Kontrahenten verstanden haben und befugt waren, über die einzelnen Gebiete, wie geschehen. zu verfügen." Andererseits sei die Kilimandscharo-Region wegen ihrer günstigen klimatischen Bedingungen ein außergewöhnlich versprechendes Gebiet für koloniale Niederlassungen. Es gebe jedoch konkurrierende Ansprüche des Sultans von Sansibar wie auch Interessen britischer Kapitalisten. Der deutsche Diplomat schlug daher vor, deutschen Schutz gegenwärtig nicht auf das Kilimandscharo-Gebiet zu erstrecken und zunächst die Briten um eine Stellungnahme zu ersuchen. Bismarck stimmte zu: "Wir müssen nicht mit Feindschaft gegen England debütieren" schrieb er an den Rand. Alles sei Sache der Verhandlung mit England. Haben wir deren Einverständnis, so ist der Sultan Nebensache."
 
Deutsche Vorstellungen
Hier fiel das Stichwort. Im April 1886 kamen Bismarck und der britische Außenminister Lord Rosebery überein, in direkte Verhandlungen einzutreten. Das Duell am Kilimandscharo hatte begonnen. Während sich die Aktion von Sansibar nach London verlagerte, notifizierte der Sultan den auswärtigen Mächten, daß sich seine territorialen Ansprüche bis zu den Großen Seen erstreckten. Aber Deutsche und Briten waren schon entschlossen, sich ohne den Sultan, wenngleich auf seine Kosten, zu verständigen. Während im Oktober 1886 sich die Verhandlungen in London beschleunigten, nahmen die deutschen Vorstellungen konkretere Form an. Die Deutschen wünschten die Nutzung des Hafens von Daressalam. Sie wollten die Hoheitsrechte des Sultans an der Küste auf zehn Meilen beschränken. Sie forderten Anerkennung des deutschen Protektorats über Witu nördlich von Mombassa.

Vor allem aber ging es ihnen um den Kilimandscharo. Die Botschaft in London erhielt Instruktionen, die Verhandlungen der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft zu unterstützen und der britischen Gesellschaft eine Abfindung in Aussicht zu stellen, falls sie sich aus dem umstrittenen Gebiet zurückzöge. Die Kilimandscharo-Region war für Carl Peters und die DOAG eine wesentliche Forderung, eine conditio sine qua non. Jetzt hatte sie hierfür die Unterstützung der deutschen Regierung.

Kilimandscharo teilen?
Unter diesen Umständen war Sir Percy Anderson, der britische Unterhändler, auf der Suche nach einem Kompromiß. Er schlug vor, die konkurrierenden Forderungen durch eine Teilung des Kilimandscharo-Gebiets auszugleichen, wobei die nördliche Hälfte den Briten, die südliche den Deutschen zugesprochen würde. Aber der britische Vorschlag stieß nicht auf Gegenliebe. Der deutsche Verhandlungsführer verwies auf die geographische Schwierigkeit der Teilung einer Bergregion. Auch zog er die britischen Ansprüche auf den Kilimandscharo in Zweifel, die sich nur auf den Erwerb eines kleinen Stücks Land bei Taveta stützten.
 
Briten bestehen auf Mombassa
Während die britische Seite am Kilimandscharo allmählich nachgab, stieß die deutsche Seite an einem anderen Ort auf entschiedenen Widerstand: bei Mombassa - unbestrittener Besitz des Sultans, von beiden Seiten begehrt. Die Deutschen wollten einen Hafen an der nördlichen Küste und den kürzesten Weg zum Berg. Den Briten lag an Mombassa als "Marinestation und Depot in diesen Gewässern". Die Berichterstattung der Botschaft zeigt, daß Sir Percy den deutschen Anspruch auf Mombassa entschieden zurückwies. In der Umgebung gebe es zahlreiche britische Handelsniederlassungen und Missionsstationen, deren Interessen es der britischen Regierung nicht gestatteten. Mombassa und die dort beginnende Handelsroute "unter die Kontrolle einer konkurrierenden Macht fallen zu lassen". Großbritannien müsse sich unter allen Umständen einen eigenen Weg zum Viktoria-See sichern, weil dort, so Sir Percy, die Quellen des südlichen Nils entsprängen und somit ein Zugang in das untere Sudan-Gebiet zu gewinnen sei. Aus politischen. strategischen und kommerziellen Rücksichten sei es für England eine Lebensfrage ( "of vital interest"), hier festen Fuß zu fassen. Er schlug eine Grenzlinie vor, die südlich von Mombassa beginnt, den nördlichen Teil des Kilimandscharo umläuft, um schließlich das Ostufer des Viktoria-Sees zu erreichen.

Der deutsche Vertreter empfahl seiner Regierung den Abschluß eines Vertrages auf dieser Grundlage. Auch wenn der Verlust von Mombassa schmerze, dürfe man das, was erreichbar sei, nicht dem Wünschenswerten opfern. Die Gebiete südlich der Demarkationslinie seien so "ungeheuerlich", daß sie auch dem größten kolonialpolitischen Ehrgeiz genügten und "jedenfalls die für eine Erschließung transatlantischer Gebiete Überschüssigen Kräfte Deutschlands auf lange Zeit hinaus beschäftigen dürften."

Grenzvorschläge per Lineal
Waren die Einflußzonen vom Ozean bis zum Kilimandscharo damit abgesteckt, so wurde über die Grenze vom Kilimandscharo zum Viktoria-See weiter verhandelt. Die Verhandlungsakten zeigen die Entwicklung der Positionen. Eine deutsche Karte von Juni 1886 skizziert noch deutsche Maximalvorstellungen von Mombassa nach Kisumu (im heutigen Kenia) in der Nordost-Ecke des Viktoria-Sees, die von den Engländern nicht akzeptiert wurden.

Die Deutschen wiederum lehnten eine Linie ab, die weit südlicher zum Südostende des Viktoria-Sees verläuft. Auf der improvisierten englischen Karte vom Oktober 1886 ist ersichtlich, wie diese Linie durchgestrichen und durch eine andere ersetzt wurde, die am Viktoria-See nördlich von Musoma endet. Dort ist die Grenze noch heute. Landkarten spielen bei der Teilung Afrikas eine wichtige Rolle. In Europa gaben sie Realität wieder, in Afrika Absichten. In Europa beschrieben Grenzen einen Zustand, in Afrika waren sie ein Programm.
 
Der Kuchen ist aufgeteilt
Am 1. Oktober 1886 unterzeichneten Großbritannien und das Deutsche Reich den Vertrag, der die deutsche von der britischen Einflußsphäre trennte. Die Demarkationslinie verlief von der Mündung des Flusses Wanga in den Indischen Ozean (zwischen Mombassa und Tanga), entlang dem "nördlichen Abhang der Bergkette des Kilimandscharo [...] bis zu demjenigen Punkt am Ostufer des Viktoria-Nyanza-Sees, welcher vom 1. Grad südlicher Breite getroffen wird". Übersetzt man die Vertragssprache vom Diplomatischen ins Politische, liegt der Kompromiß auf der Hand: die Deutschen hatten den Kilimandscharo bekommen, aber nicht Mombassa, die Briten Mombassa, aber nicht den Kilimandscharo. Jetzt wird klar, warum der Kilimandscharo in Tansania liegt: weil sich Mombassa in Kenia befindet.
 
Beim "großen Sultan" in Berlin.
Es war ein Ergebnis, das für beide Seiten akzeptabel war. Aber es mußte noch dem Sultan nahegebracht werden. Ohne britische Unterstützung gab er nach. Zwei Jahre später verpachtete Sultan Khalifa seinen Küstenstreifen an die Deutschen. Am 22. März 1888 wird in Moshi am Fuße des Kilimandscharo die deutsche Fahne gehißt. "Wir müssen sehen, daß diese Fahne für immer hier weht", schrieb der junge Heinrich Hessel in sein Tagebuch.

Auch für Häuptling Mandara begann ein neues Kapitel. Die "Wazungu" passierten nicht mehr seine Gegend: jetzt blieben sie. Klug paßte er sich der neuen Lage an. Er entsandte vier Chagga-Krieger zum "großen Sultan" nach Berlin. Sie waren beeindruckt von dem, was sie sahen. Sie wurden beschenkt, aber sie kehrten auch mit neuen Erkenntnissen zurück: "Nachdem wir Deutschland gesehen haben, wissen wir mehr. Wir haben gesehen, daß es auch hier Arme und Reiche gibt, Herren und Knechte, Gute und Böse, wie bei uns. daß Ihr nur Menschen seid wie wir, nur eine andere Hautfarbe habt. Du bist ein Herr, jener (auf einen Hotelkellner deutend) ein Sklave. Wenn jetzt ein Weißer zu uns kommt, [...] werden wir uns erst überzeugen, ob er ein Herr ist oder nur von einem Herrn geschickt und ihm danach Ehre erweisen."

Was ist mit Sansibar?
Hatten Deutschland und England ihre Interessen auf dem Festland definiert, so blieb ihr Verhältnis auf Sansibar ungeklärt. Salisbury wie Bismarck waren entschlossen, das deutsch-britische Verhältnis nicht durch Sansibar zu belasten. Der Sultan fuhr fort, die Deutschen zu beruhigen und den Briten entgegenzukommen. Er hatte keine Ahnung, daß er im Begriff war, Objekt einer geheimen Verständigung zwischen Deutschland und England zu werden. Der Helgoland-Sansibar-Vertrag von 1890 war dabei von einer Bedeutung, die weit über die Inseln hinausging, die den Vertrag ihren Namen gegeben haben. Die Verbindung von Sansibar und Helgoland im Namen des Vertrags hatte dabei die Legende vom Tausch der beiden Inseln begünstigt, die nicht auszurotten ist.

Ansprüche, in Doktrinen verpackt
Begonnen hatte alles am 13. Mai 1890 als sich Lord Salisbury und Botschafter Graf Hatzfeld im Foreign Office trafen um vertraulich offene Kolonialfragen zu besprechen. Zunächst blieb das Gespräch allgemein, wobei Salisbury das Prinzip der "früheren Niederlassung", der deutsche Botschafter die "Hinterland-Doktrin" erläuterte. Die "Hinterland-Doktrin", so Salisbury in seiner Niederschrift des Gesprächs sei von den Deutschen erfunden worden und besagte, daß derjenige, der über Besitzungen an der Küste verfüge diese soweit ins Inland ausdehnen könne, bis er an die Grenzen anderer Besitzungen oder auf andere Ansprüche stoße.

Die Briten ihrerseits gründeten ihre Ansprüche auf zwei Argumente deren Stärken und Schwächen Salisbury nüchtern analysiert. Für eher schwach hält er die Auffassung, daß den Briten eine ununterbrochene Landverbindung von Kapstadt im Süden bis zu der Stelle zustehe, wo der Nil schiffbar werde. Eine bessere Begründung sah der Premierminister in den zahlreichen schottischen Missionen im Gebiet südlich des Tanganyika-Sees, das ursprünglich von den Briten entdeckt worden sei. Nördlich vom Tanganyka-See beruhten die britischen Ansprüche auf den Verträgen die Mr. Stanley mit dem König von Buganda und anderen Potentaten geschlossen habe. Der schwache Punkt dieser Verträge als Besitztitel aber bestehe darin, daß dieselben einheimischen Herrscher ähnliche Verträge auch mit Vertretern anderer europäischen Mächte abgeschlossen hätten: auch die Verträge Mr. Stanley's "scheinen nicht frei von diesem unbequemen Mangel."
 
Salisbury wird konkret
Nach der Grundsatzdiskussion enthüllte Salisbury "die Summe seiner Wünsche" im Hinblick auf Ostafrika. Er schlug vor, das Gebiet nordwestlich vom Nyassa-See zu teilen, wo England den Löwenanteil erhalten sollte. Deutschland würde durch Landgebiete südwestlich vom Viktoria-See entschädigt. Die deutsche Seite sollte ihren Anspruch auf ein Protektorat über Witu zurückziehen, das die britischen Absichten in Richtung Somalia behinderte. Schließlich forderte Salisbury ein britisches Protektorat über Sansibar. Als Anreiz legte er - zur Überraschung des deutschen Botschafters - Helgoland auf den Tisch.

Die deutsche Antwort kam schnell. Die deutsche Regierung war bereit, die Preisgabe des Protektorats über Witu und die Anerkennung des britischen Protektorats über Sansibar zu erwägen. Im Nordosten würde die Kilimandscharo-Grenze bestätigt. Im Süden sollte der Ruvuma die Grenze zu Portugiesisch-Ostafrika bilden. im Südwesten das östliche Ufer des Nyassa-Sees deutsche und britische Interessen abgrenzen. Nicht einverstanden aber war Deutschland mit der vorgesehenen Grenzziehung nördlich und südlich des Tanganyika-Sees. Britisches Gebiet würde wie ein Keil deutschen Besitz vom Kongo-Freistaat trennen. Das deutsche Schutzgebiet würde so fast von England umzingelt. Auch brauche man britische Unterstützung um den Sultan zu bewegen, seinen verpachteten Küstenbesitz an die Deutschen abzutreten.

Beiden Regierungen war an einem baldigen Abschluß gelegen. Großbritanniens überdehntes Empire hatte Probleme mit den Russen im Orient, mit Frankreich in Afrika. Für Reichskanzler von Caprivi, Bismarcks Nachfolger, waren Kolonien eher eine Belastung. Aber er konnte die öffentliche Meinung und die politischen Kräfte nicht ignorieren, die darauf sahen, daß auch Deutschland seinen Teil bekam. Dabei war die Einbeziehung Helgolands in den kolonialen Vertrag von entscheidender Bedeutung.
 
Die Queen ist nicht amüsiert
Waren die Regierungen schließlich mit dem Verhandlungspaket zufrieden (das Regelungen in Südwest- und Westafrika einschloß), so gab es in beiden Ländern auch kritische Stimmen. Während Bismarck aus dem Sachsenwald mit seiner Kritik nicht zurückhielt, zeigte auch Queen Victoria ihr Mißvergnügen. Es sei eine Schande. so telegraphierte sie von Balmoral Castle an ihren Premierminister, "die Leute von Helgoland einer so gewissenlosen und despotischen Regierung wie der deutschen zu übergeben, ohne sie erst zu konsultieren. Dies ist ein schlimmer Präzedenzfall. Als nächstes wird man vorschlagen, Gibraltar aufzugeben: bald wird nichts mehr sicher sein und alle unsere Kolonien möchten frei sein."

Lord Salisbury erinnerte daran, daß Helgoland der Köder sei, um die Deutschen zum Abschluß des Vertrages zu bewegen. Jeder Aufschub des kolonialen Ausgleichs würde es Großbritannien erschweren, freundschaftliche Beziehungen zu Deutschland zu unterhalten. Auch sei Helgoland kein Präzedenzfall. Nach weiteren Telegrammen schien die Königin beruhigt. Aber sie konnte es nicht unterlassen, ihre Zustimmung mit einer letzten Abmahnung zu verbinden: "Ich muß wiederholen, daß Sie in Zukunft große Schwierigkeiten haben könnten. Aufzugeben was man hat, ist immer eine schlechte Sache".

Der Wortwechsel erweckte nicht den Eindruck, daß Victoria sich dafür hätte erwärmen können, Afrikas höchsten Berg zu verschenken. Sicher nicht an ihren Enkel, den sie gegenüber ihrem Premierminister als "einen hitzköpfigen, querköpfigen, eingebildeten jungen Mann" bezeichnete, "dem jedes Gefühl abgeht".

Legende, die nicht stirbt
Aber eine Legende ist schwer zu zerstören. 1956 beklagte sich ein Leser in den " Tanganyika Notes and Records", daß diese "bemooste" Legende immer noch am Leben sei. Vierzig Jahre später ist es nicht anders. Das im allgemeinen zuverlässige "East Africa Handbook" führt noch 1956, von seinen Quellen getäuscht, seine Leser in die Irre, wenn es kategorisch feststellt: "Der Berg (Kilimandscharo) lag ursprünglich in einem Teil Britisch Ostafrikas, das jetzt Kenia ist. Aber der Berg wurde von Königin Victoria ihrem Vetter zum Geschenk gemacht, und so wurde die Grenze geändert und der Berg zu einem Teil von Deutsch-Tanganyika."

Alte Legenden sterben nicht. Aber sie werden immer konfuser, je öfter sie wiederholt werden. Dabei liegt der Ursprung der Geschichte im Dunklen. Man könnte ihn um die Zeit des Ersten Weltkriegs in Kreisen britischer Siedler in Kenia vermuten, bei denen sich mangelnde historische Kenntnisse und materielle Interessen mit antideutschen Ressentiments verbanden. Es waren britische Farmer am Kilimandscharo, die 1924 ihre Regierung aufforderten, ihr Gebiet mit der Kronkolonie Kenia zu vereinen - eine Forderung, die keinen Erfolg haben konnte, da die britische Regierung nicht über Land verfügen durfte, das ihr vom Völkerbund als Mandat übertragen worden war.
 
Gipfel deutsch-britischer Kooperation
Der Vertrag von 1890 war der Gipfel einer Entwicklung, in der sich die Rivalität zwischen Deutschland und England - leider nur kurz - in Kooperation verwandelte. Im März 1885 hatte Gladstone im Unterhaus Deutschland als kolonialen Partner begrüßt. Aber auch für Bismarck war es wichtig, das Verhältnis zu England nicht durch exzessive Forderungen deutscher Kolonialisten zu gefährden: "Dieser Fehler unsrer Colonial-Jingo's, deren Begehrlichkeit viel größer ist als unser Bedürfnis und unsere Verdauungsfähigkeit." Für beide Seiten war es "kein schlechtes Geschäft", so Henry Kissinger in seinem klassischen Werk über Diplomatie. Wenn der Vertrag auch nicht zum Vorspiel des Bündnisses wurde, das Deutschland erhoffte, so stabilisierte er doch die Positionen beider Länder in Afrika. Dies schloß nicht aus, daß beide Seiten ihre Lage dort zu verbessern suchten, wo sie glaubten, nicht das Optimum ihrer Ziele erreicht zu haben.

Teilung nach dem 1. Weltkrieg
Wurden im ausgehenden 19. Jahrhundert von den Diplomaten die politischen Grenzen Deutsch-Ostafrikas bestimmt, so am Anfang des 20. Jahrhunderts deren genaue geographischen Koordinaten. Aber nach dem Ersten Weltkrieg, mit dem Versailler Vertrag, stellte sich die Grenzfrage neu. "Tanganyika" wurde den Briten, Ruanda und Burundi den Belgiern als Mandat des Völkerbundes übertragen. Die kolonialen Grenzen von einst sind - zum größten Teil - auch die Grenzen der nachkolonialen Staaten. Dabei haben sich die afrikanischen Staaten durch ihr Bekenntnis zur Charta der OAU verpflichtet, ihre territoriale Integrität in den Grenzen zu respektieren, wie sie bei ihrer Unabhängigkeit bestanden. Angesichts der Willkür mancher kolonialen Grenzen ergeben sich hieraus immer wieder Probleme.

Im nachkolonialen Interesse gehandelt
Nicht so im Falle Tansanias, dessen Grenzen zwischen Indischem Ozean, Tanganyika- und Njassa-See, zwischen Viktoriasee im Norden und Ruvuma im Süden dem deutschen Geographen Hans Meyer als eher "natürliche" erschienen. Auch haben die deutschen Kolonialherren manchmal, ohne es zu wissen, im tansanischen Interesse gehandelt. Hätten sie nicht alles daran gesetzt, den Kilimandscharo zu erwerben, läge der Berg heute in Kenia. Hätten sie den Berg geteilt, wären die Chagga heute ein geteilter Stamm - wie die Massai oder die Makonde. Richtig ist allerdings auch, daß der Nyassa-See nicht in seiner Gänze von Malawi beansprucht werden kannte, wenn die Deutschen nicht das Ostufer des Sees (statt der Mittellinie) als Grenze akzeptiert hätten. Schwerwiegender aber scheint vielen Tansaniern die Entscheidung von Versailles, Deutsch-Ostafrika zu teilen. Dabei war den Belgiern am Besitz von Ruanda und Burundi zunächst wenig gelegen, den sie vor allem als Faustpfand betrachteten, um ihren schmalen Kolonialbesitz an der Kongo-Mündung zu erweitern.
 
Wäre "Ruanda" verhindert worden?
Es war Julius Nyerere, der vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen am 19. Januar 1996 darauf hinwies, daß Hutu und Tutsi sich nach Sprache, Religion und Tradition kaum unterschieden. Es gehe um ein Machtproblem, um wirtschaftliche Gründe, um Überbevölkerung. Hätte das frühere Deutsch-Ostafrika den kolonialen Zustand "als Einheit" verlassen, würden manche Probleme gar nicht existieren. Eine Lösung auf Dauer, mit dem Ziel eines sozialen und ethnischen Ausgleichs, wäre nur in einem größeren politischen und territorialen Rahmen möglich gewesen.

Ob sich Nyerere bewußt war, daß auch sein persönliches Schicksal von den kolonialen Grenzen bestimmt wurde? Wäre es den Deutschen nicht im Oktober 1886 in letzter Minute gelungen, die Grenze zwischen Kilimandscharo und Viktoria-See 100 km nach Norden zu verschieben, wäre Mwalimu nicht in Tanganyika, sondern in Kenia geboren. Es wäre dann für ihn kaum möglich gewesen, in Tansania zum Baba wa Taifa, zum Vater der Nation zu werden. Während er im Inneren die Nation festigte, hat er durch die Union von 1964 Sansibar und das Festland wieder vereinigt, die der "historische Zufall", so Nyerere, 1890 getrennt hatte. Die Spannung zwischen Inseln und Festland zeigt allerdings auch, daß die Zeit der Trennung ihre Spuren hinterlassen hat. Auch fällt es Sansibar - im Rückblick auf seine Geschichte - nicht leicht, sich in die Gesamtinteressen der Vereinigten Republik Tansania einzuordnen.

Anders als in anderen afrikanischen Staaten werden die tansanischen Grenzen weder von innen noch von außen in Frage gestellt. Innerhalb der kolonialen Grenzen hat sich Tansania zu einer Nation entwickelt. Wie immer man die deutsche Kolonialzeit bewerten mag: Ohne die kolonialen Grenzen gäbe es kein Tansania.

 

Gedanken