17. Geschichte.

Schon in den ältesten Zeiten war die Ostküste Afrikas den Handel treibenden Völkern bekannt. Vor ca. 3000 Jahren, zur Zeit der Wanderungen der Banturasse, drangen Araber von der Westküste Arabiens aus, der Ostküste folgend, gegen Süden bis zum Sambesi und weiter bis Sofala vor. Gleichzeitig erforschten Phönizier und Inder die afrikanische Ostküste und errichteten südlich bis Mozambique Handelsniederlassungen. Eine von dem ägyptischen König Necho ausgesandte Expedition phönizischer Seefahrer soll ungefähr 600 v. Chr. Afrika vom Roten Meer aus bis zum Mittelländischen Meer umschifft haben. Zu einer eigentlichen arabischen Ansiedelung kam es aber erst im 10. Jahrh. n. Chr. Veranlaßt durch die damals in Arabien ausgebrochenen inneren Unruhen, wanderten viele Araber an die Ostküste Afrikas aus und gründeten hier die Städte Mukdischu, Barawa, Mombassa, Tanga, Daressalam, Sansibar, Kilwa, Mozambique und Sofala.

Gleichzeitig mit den Arabern ließen sich mohammedanische Perser in Lamu nieder. Nach der Entdeckung des Seewegs nach Ostindien durch Vasco da Gama (s. Gama) suchten die Portugiesen auch Stützpunkte an der Ostküste Afrikas. 1506 wurde Kilwa, 1507 Mozambique und Lamu den dortigen arabischen Herrschern entrissen. Bald darauf legten die Portugiesen auch in Malindi, Mombassa, Sansibar und Mukdischu feste Plätze an. Um 1520 befand sich die ganze Ostküste in ihren Händen. Mit dem Niedergang ihrer Seemacht ging den Portugiesen der größte Teil dieser Besitzungen wieder verloren. 1698 eroberte der Imam von Maskat die Städte Mombassa, Sansibar und Kilwa. Nur mit Mühe gelang es, Mozambique zu halten. Von der ganzen nördlichen Küste konnten die Portugiesen nur Mombassa im Jahre 1725 wieder erobern, aber nur einige Jahre, bis 1730 halten. -

Anfang des 19. Jahrhunderts wurde die Ostküste Afrikas zwischen Kap Delgado und Mukdischu nach vielen Kämpfen durch den Sultan Seyid Said von Maskat politisch geeint. Letzterer siedelte, um den häufigen Aufstandsversuchen, besonders Mombassas, besser entgegen treten zu können, im Jahre 1840 nach Sansibar über. Nach seinem Tode teilten seine Söhne das Reich; Sansibar wurde 1856 unter dem Sultan Seyid Madjid selbständig. In seinem unbestrittenen Besitz befand sich aber nur die Küste sowie die dieser vorgelagerten Inseln, während das Hinterland nur gelegentlich von Sultans-Expeditionen durchzogen wurde, um Tribut einzutreiben, oder um Sklaven und Elfenbein zu erbeuten. Die Häuptlinge des Hinterlandes erkannten die Oberherrschaft Sansibars in ihrem Gebiete nicht an, so daß sie später darüber Verträge mit Dr. Peters (s. d.) und seinen Gefährten abschließen konnten. -

Weder Araber noch Portugiesen hatten für die geographische Erforschung des Landes etwas getan. Diese begann erst Mitte des 19. Jahrh. durch europäische Forscher. In den Jahren 1848/49 entdeckten die deutschen Missionare Rebmann (s. d.) und Krapf (s. d.) den Kilimandscharo, Meru und Kenia und gaben den Anstoß zu den Bestrebungen, das Nilquellenproblem von Osten aus zu lösen. 1858 entdeckten die englischen Offiziere Burton (s. d.) und Speke (s. d.) den Tanganjikasee und in demselben Jahre Speke allein das Südufer des Victoriasees. Der schottische Missionar Livingstone (s. d.) kam auf seiner zweiten großen afrikanischen Reise 1859 zum Njassasee. 1866 zog er am Rovuma aufwärts wiederum zum Njassa, entdeckte dann weiter westwärts den Bangweolosee und das östliche Quellgebiet des Kongo. 1874 legte Stanley (s. d.) auf seiner der Erforschung der Nilquellen und des Kongolaufes gewidmeten Reise den Victoriasee kartographisch fest. 1876 entdeckte er den Albert-Edward-See sowie den Kagera und umschiffte zum erstenmal den Tanganjikasee ganz. Von anderen Männern, welche sich zu jener Zeit um die Erforschung Ostafrikas verdient gemacht haben, seien noch genannt: Grant, v. d. Decken, Kersten, Charles New, Cameron, Elton, Cotterill, Cambier, Böhm, Kaiser, Reichard, Thomson, Fischer und Johnston (s. die betr. Art.). - Anfang der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts begann die Aufteilung Afrikas durch die europäischen Mächte. Den Anstoß zur Erwerbung Ostafrikas durch Deutschland gab Dr. Carl Peters. Er gründete am 28. März 1884 in Berlin die "Gesellschaft für deutsche Kolonisation" zu dem Zwecke, die deutsche Auswanderung in die von der Gesellschaft zu erwerbenden Kolonien zu lenken. In aller Stille wurden Dr. Peters, Dr. Jühlke und Graf Pfeil an die Ostküste Afrikas gesandt; dort schlossen sie innerhalb weniger Wochen Schutzverträge mit den Häuptlingen von Ussagara, Uluguru, Useguha und Ukami. Diese Verträge wurden durch den kaiserlichen Schutzbrief vom 27. Febr. 1885 bestätigt.

Der Sultan von Sansibar, Said Bargasch, erhob zwar Ansprüche auf die dem Dr. Peters abgetretenen Gebiete und wollte die deutsche Schutzherrschaft auf dem Festlande nicht anerkennen; er wurde indessen durch eine Flottendemonstration im August 1885 gezwungen, die Ansprüche Deutschlands einschließlich des von den Gebrüdern Denhardt (s. d.) erworbenen Protektorats über das Sultanat Witu anzuerkennen. Die Gesellschaft ließ dann auch die Landschaften Khutu, Usambara usw. besetzen und die Landschaften südlich des Rufiji bis zum Rovuma erforschen. - Inzwischen war die "Gesellschaft für deutsche Kolonisation" in die Kommanditgesellschaft "Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft Carl Peters & Genossen" und am 7. Sept. 1885 in die unter Aufsicht des Reichskanzlers stehende "Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft" umgewandelt worden (Näheres s. Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft). Durch das deutsch-englische Übereinkommen vom 29. Okt. 1886 wurden die Interessensphären beider Mächte dahin festgelegt, daß der deutsche Besitz im Norden durch eine von der Mündung des Umbaflusses mit Umgehung des Kilimandscharo bis zum nordöstlichen Ufer des Victoriasees reichende Linie abgegrenzt und der Tanafluß als nördliche Grenze der britischen Besitzungen angenommen wurde. Die Souveränität des Sultans von Sansibar über den ganzen Küstenstreifen von Kipini bis zum Rovuma in einer Breite von 10 Seemeilen sowie über die Inseln Sansibar, Mafia und Pemba wurde dabei ausdrücklich anerkannt. -

Die Südgrenze wurde durch den Vertrag mit Portugal vom 30. Dez. 1886 festgesetzt. Um die Kolonie lebensfähig zu machen, mußte die Gesellschaft in irgendeiner Form in den Besitz der Küste kommen. Nach langen Verhandlungen mit dem Sultan von Sansibar kam schließlich am 28. April 1888 ein Vertrag zustande, wonach die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft die Verwaltung der Küste zwischen dem Umba- und dem Rovumafluß und die Erhebung der Küstenzölle im Namen des Sultans gegen eine jährliche Pachtsumme übernahm. Als dieser Vertrag am 15. Aug. 1888 in Kraft treten sollte, brach der Araberaufstand (s. d.) aus, der durch Wissmann niedergeworfen wurde. Am 1. Juli 1890 schlossen Deutschland und England einen Vertrag, in welchem Deutschland seine Interessensphäre nördlich vom Umbafluß, einschließlich des Sultanats Witu, aufgab und auf die Unabhängigkeit des Sultans von Sansibar zugunsten Englands verzichtete, wogegen England die Insel Helgoland an Deutschland abtrat und die Hoheitsrechte Deutschlands über das heutige Schutzgebiet anerkannte. Der Sultan von Sansibar trat den ihm formell noch gehörenden Küstenstreifen gegen Zahlung von 4.000.000 M an die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft ab. Der Araberaufstand hatte gezeigt, daß die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft sich ohne Hilfe des Reichs auf die Dauer nicht würde behaupten können. Daher übernahm das Deutsche Reich am 1. Jan. 1891 die Verwaltung des Schutzgebiets gegen eine an die Gesellschaft zu zahlende Entschädigung von jährlich 600.000 M zahlbar bis zum 31. Dez. 1935. An die Spitze des Schutzgebiets trat der bisherige Gouverneur von Kamerun, v. Soden (s. d.).

Als Kommissare wurden ihm beigegeben Dr. Peters, Wissmann (s. d.) und der inzwischen mit Stanley an die Küste zurückgekehrte Emin Pascha (s. d.). Sitz des Gouvernements wurde Daressalam. Sämtliche Hoheitsrechte der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft gingen allmählich auf das Reich über. Erstere verwandelte sich in eine reine Erwerbsgesellschaft. Die sog. Wissmann-Truppe wurde durch ksl. Erl. vom 9. April 1891 in eine "Kaiserliche Schutztruppe" umgewandelt. - Im August 1891 fiel die v. Zelewskische Expedition auf einem Strafzuge gegen die Wahehe in einen Hinterhalt und wurde fast vollkommen aufgerieben. Ähnlich erging es einer Expedition gegen die aufrührerischen Wadschagga am Kilimandscharo im Juni 1892. Beide Niederlagen wurden jedoch durch den Nachfolger v. Sodens, v. Schele (s. d.), ausgeglichen. Er unterwarf im August 1893 die Wadschagga vollständig und brachte hierdurch den Norden des Schutzgebiets endgültig zur Ruhe. Bei einer weiteren Expedition brach er im Oktober 1894 die Macht der gefürchteten Wahehe durch Erstürmung Kuirengas. -

Der Befriedung des Schutzgebiets folgte die Erforschung des Inneren. Während sich vor dem Jahre 1884 Angehörige fast sämtlicher europäischer Nationen daran beteiligt hatten, nahm nach der Besitzergreifung durch Deutschland die Forschung einen nationalen Charakter an. 1890 zog Emin Pascha in Begleitung von Dr. Stuhlmann (s. d.) in das Innere und gründete die Station Tabora. Sein Begleiter, Langheld (s. d.), legte in Bukoba und Muansa Stationen an und unterwarf die Stämme nördlich Taboras. Das Antisklavereikomitee brachte 3 Segelboote auf den Victoriasee und errichtete dort eine Schiffswerft. Wissmann gelang es nach Überwindung unendlicher Schwierigkeiten einen nach ihm benannten Dampfer auf den Njassasee zu bringen. Er gründete die Station Langenburg am Nordende des Sees und zog von hier nach erfolgreichen Kämpfen gegen die Wanika und Wawemba zum Tanganjikasee. Graf v. Götzen (s. d.), der nachmalige Gouverneur von Ostafrika, durchquerte in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zum erstenmal Ruanda, entdeckte den Kiwusee sowie die Kirungavulkane. Eine große Reihe von Forschungsreisenden, Offizieren und Beamten haben sich weiterhin um die Erforschung des Landes verdient gemacht (s. die unten angeführte Literatur, insbesondere Hans Meyer, Das deutsche Kolonialreich, Bd. I). -

Unter den Nachfolgern des Gouverneurs Frhr. v. Schele: v. Wissmann, v. Liebert (s. d.), Graf v. Götzen, Frhr. v. Rechenberg (s. d.) und Schnee hat sich das Schutzgebiet in erfreulicher Weise entwickelt. Abgesehen von Unruhen geringeren Umfangs, wurde die stetige Entwicklung D.-O.s nur noch einmal unterbrochen. Im Juni 1905 brach im Süden ein Aufstand aus, hervorgerufen durch Häuptlinge und Zauberer im Hinterlande von Kilwa, im wesentlichen aus dem Grunde, weil sie fürchteten, unter der deutschen Herrschaft ihren bisherigen Einfluß und damit ihre Erwerbsquellen gänzlich zu verlieren. Er wurde indessen nach längeren bis Anfang 1907 dauernden Kämpfen vollkommen niedergeworfen. S. a. Erwerbung der deutschen Kolonien 4. v. Spalding.

 

Geschichte