Geschichte.

 

D.-S. ist erst in später Zeit Gegenstand der Erforschung und der Besiedelung durch die weiße Rasse geworden. Die Ursache hierfür ist in seiner schweren Zugänglichkeit zu finden. Im Westen am Atlantischen Ozean behindert eine wüstenartige Küste den Zugang ins Innere. Im Osten gilt für große Teile des angrenzenden britischen Gebietes, die Kalahari, das gleiche. Im Süden, wo das Nordufer des Oranjeflusses die Grenze bildet, dehnen sich ebenfalls wenig bewohnte, meist öde Strecken aus.

Der Norden am Kunene und Okawango war bis vor kurzem einer der am wenigsten erforschten Teile Afrikas. Die Portugiesen waren die ersten Weißen, die nachweislich D.-S. betraten. In den achtziger Jahren des 15. Jahrh. errichteten sie nördlich der Swakopmündung und auf der Landspitze vor Lüderitzbucht Landungszeichen in Form von Kreuzen. - Ein Erforschen des Inneren von D.-S. fand zuerst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrh. durch von der Kapregierung ausgesandte Expeditionen statt. Sie waren durch die Erzählungen von dem Rinderreichtum der Hereros und von dem Vorhandensein von Gold in diesem Gebiete veranlaßt. Ein dauerndes Ergebnis hatten sie nicht.

Im Jahre 1835 versuchte der englische Schiffskapitän Alexander einen Ausfuhrhandel von Hererovieh über Walfischbai nach St. Helena ins Leben zu rufen. Sein Unternehmen scheiterte aber ebenso wie der Versuch anderer Engländer, im Jahre 1855 einen Kupferbergbau in der sog. Matchless Mine einzurichten. - Der Schwede Andersson (s. d.) war der erste Europäer, welcher politischen Einfluß in Südwestafrika gewann. Er schloß mit den Hereros einen Vertrag, durch den er die tatsächliche Macht eines Kapitäns erhielt.

In einem Gefecht mit den Hottentotten wurde er aber im Jahre 1864 verwundet. Er starb einige Jahre später, ohne daß seine Tätigkeit dauernde Wirkungen hinterlassen hätte. - Die ersten Versuche, Deutschland für dieses Gebiet zu interessieren, erfolgten im Jahre 1868 durch die Rheinische Missionsgesellschaft, die im 19. Jahrh. nördlich des Oranje ihre Missionstätigkeit unter den Eingeborenen aufgenommen hatte, aber unter ihren Rassenkämpfen erheblich litt. Sie wandte sich an den König Wilhelm von Preußen mit der Bitte um Schutz.

Der deutsch-französische Krieg und die Besserung des Landesfriedens in Südwestafrika führten jedoch dazu, daß die Bitte der Missionsgesellschaft um Schutz in Vergessenheit geriet. Im Jahre 1876 entschlossen sich die Regierungen Englands und der Kapkolonie, Südwestafrika unter britische Hoheit zu bringen. Zu diesem Zwecke wurde Palgrave als Kommissar in dieses Gebiet entsandt, d em es gelang, die Hereros zur Stellung eines Gesuches um britischen Schutz zu bewegen. Die zwischen Hereros und Hottentotten ausbrechenden

Feindseligkeiten zwangen ihn aber, an die Küste zu fliehen. Zur Errichtung einer britischen Schutzherrschaft kam es nicht. Um den Zugang zu Südwestafrika zu beherrschen, okkupierte die englische Regierung allerdings im Jahre 1878 die Walfischbai und das Land 15 englische Meilen im Umkreis. Sie errichtete auch eine Verwaltung und erhob Steuern. Als aber die weißen Händler und Missionare Schadenersatzansprüche wegen mangelnden Schutzes gegen die Plünderungen der Eingeborenen an die britische Regierung richteten, lehnte sie ihre Verpflichtung mit der Begründung ab, sie übe eine Verwaltung im Innern des Landes nicht aus.

Infolge dieser Stellungnahme. Englands war der Bremer Kaufmann F. A. E. Lüderitz (s. d.) in den Jahren 1883 ff in der Lage, mit einer Anzahl von Häuptlingen Verträge abzuschließen, welche der Reichsregierung als Grundlage dienten, um das Gebiet unter den Schutz des Reiches zu stellen. Am 30. Dez. 1886 wurde zwischen der deutschen und portugiesischen Regierung ein Abkommen getroffen, durch welches die portugiesischdeutsche Grenze von Südwestafrika festgesetzt wurde.

Durch den deutsch-englischen Vertrag vom 1. Juli 1890 erfolgte die Abgrenzung gegen das britische Gebiet. Die, hierdurch für Deutschland gesicherte Fläche ist 835 000 qkm oder 1 1/2 mal so groß wie das Deutsche Reich. Die tatsächliche Macht innerhalb dieses Gebietes lag aber im Anfang fast ausschließlich bei den Eingeborenen, da die Schutzherrschaft des Deutschen Reiches nicht auf einer Unterwerfung der eingeborenen Stämme, sondern auf bloßen Verträgen beruhte.

Die Reichsregierung unter Leitung des Fürsten Bismarck beabsichtigte, die Kolonisation Südwestafrikas der Betätigung Privater zu überlassen ohne entscheidende, Mitwirkung der politischen Machtmittel des Reiches. In erster Linie sollte die Deutsche Kolonialgesellschaft für Südwestafrika (s. d.), welche die Lüderitzschen Erwerbungen übernommen hatte, die tatsächliche Verwaltung ausüben.

Die Reichshoheit wurde durch einen Reichskommissar ausgeübt, dem insbesondere die Gerichtsbarkeit über Weiße zustand. Es stellte sich aber bald heraus, daß die Kräfte der Deutschen Kolonialgesellschaft für Südwestafrika zur Beherrschung des, Landes nicht ausreichten. Eine von ihr eingerichtete Truppe versagte in kurzer Zeit. Der Reichskommissar Dr. Goering (s. d.) wurde 1888 von den Hereros gezwungen, sich nach der Küste zu flüchten. Unter diesen Umständen mußte die Reichsregierung selbst zur Herstellung der deutschen Macht schreiten.

Der Hauptmann C. v. Frangois (s. d.) wurde, mit einer Truppe nach D.S. gesandt, die nunmehr in staatlichem Auftrage vorging. Aber auch die ihm zur Verfügung stehenden Mittel waren ungenügend, um den kriegerischen Eingeborenen gegenüber die Macht des Reiches durchzusetzen. Zu Beginn des Jahres 1894 wurde darauf der Major Leutwein (s. d.) in das Schutzgebiet entsandt, dem es als Francois' Nachfolger gelang, mit der inzwischen verstärkten Truppe den Hauptgegner der deutschen Herrschaft, den Hottentottenkapitän Witboi (s. d.) in der Naukluft zu besiegen und zum Friedensschluß zu bestimmen.

Im Laufe des nächsten Jahrzehnts vermochte Leutwein trotz der Überzahl der Eingeborenen die deutsche Herrschaft dadurch aufrecht zu erhalten, daß er die einzelnen Stämme gegeneinander ausspielte. Es kam wiederholt zu kriegerischen Unternehmungen, die erfolgreich verliefen, weil sie immer nur gegen einzelne Teile der Eingeborenen gerichtet waren. Unter Leutwein dehnte sich der deutsche Einfluß mehr und mehr aus, insbesondere ging ein erheblicher Teil des Grund und Bodens in die Hände von Weißen über.

Dieser Umstand in Verbindung mit anderen die Eingeborenen aufstachelnden Tatsachen führte zum Ausbruch eines allgemeinen Hereroaufstandes im Januar des Jahres 1904. Der Aufstand kam so plötzlich, daß eine große Anzahl weißer Farmer und Händler überrascht und ermordet wurde. Die an Zahl weit unterlegene deutsche Schutztruppe errang zwar eine Reihe von Vorteilen über ihre Gegner; zur endgültigen Niederwerfung der Hereros erwies sich aber eine wesentliche Verstärkung der Truppe als notwendig.

Zum Kommandeur der Truppe wurde der Generalleutnant von Trotha (s. d.) bestellt. Am 11. August fand in der Nähe des Waterberges der Entscheidungskampf gegen die Hereros statt, die infolge ihres fluchtartigen Abzuges in die wasserlose Omaheke zum großen Teil umkamen. Noch während die Schutztruppe mit dem Niederwerfen der Hereros beschäftigt war, brach im Oktober 1904 der Aufstand der Witboi-Hottentotten aus. Die Schwierigkeit der Niederwerfung der Witbois und derjenigen Hottentotten, die mit ihnen gemeinschaftliche Sache gemacht hatten, war eine große, weil sie sich nicht zum entscheidenden Kampfe stellten, sondern in schwer zugängliche Gebiete zurückgingen. Im Jahre 1907 war aber auch der Süden des Schutzgebietes tatsächlich unterworfen.

Das gesamte Stammesvermögen, insbesondere das Grundeigentum der Hereros und der Hottentotten, die sich am Aufstande beteiligt hatten, wurde zugunsten des Schutzgebietes eingezogen. - Heute ist die deutsche Regierung Herr in der Kolonie, allerdings wird eine tatsächliche Herrschaft im Norden des Schutzgebietes innerhalb der Stammesgebiete der Ovambos nicht ausgeübt.

Im Caprivizipfel findet durch das neu errichtete Distriktsamt Schuckmannsburg eine beschränkte Verwaltung statt. - Nach Leutwein waren Gouverneure des Schutzgebietes v. Trotha, v. Lindequist und v. Schuckmann (s. d.). Seit 1910 ist der frühere Gouverneur von Kamerun, Dr. Seitz (s. d.), Inhaber des Gouverneurpostens. S. a. Kolonialgeschichte Deutschlands 2.

 

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