In Merode gehen Adel und Neuzeit fruchtbare Symbiose ein

Merode. Wer in Merode einen Orientierungspunkt sucht, dessen Blick bleibt an der herrschaftlichen Vergangenheit hängen. Das kann man in jeder Hinsicht so sehen.

Das Schloss mit seinen in den Himmel ragenden Türmen überragt das Dorf, dem es einst Namen und Existenzberechtigung gab. Im zwölften Jahrhundert gab Werner von Merode den Menschen in seiner Herrschaft Lohn und Brot und den Auftrag, eine Burg zu bauen. Die Menschen blieben, die Burg, die später zum Schloss wurde, auch.

Auch heute noch wächst und gedeiht das dörfliche Leben im langen Schatten der belgischstämmigen Adelsfamilie und ihres Wohnsitzes. «Wir haben keine Berührungsängste», gibt auch Albert-Henri, der Sohn von Hausherr Karl-Ludwig von Merode, mit französischem Akzent zu Protokoll.

Deutsche Akzente setzen dagegen die Vereine, die auf dem Schloss einen Platz für ihre Aktivitäten finden. Die Maigesellschaft pflegt hier ihr Brauchtum, die Musikschule lässt an besonderen Tagen die Violinen erklingen. Die Verbindung von Vereins- und Schlossleben reicht bis ins Mittelalter zurück. Im 15. Jahrhundert hat ein Urahn der adeligen Familie die Schützengesellschaft Lamersdorf gegründet.

Diese fruchtbare Symbiose hat vor einigen Jahren den Bestand des Schlosses und damit die Heimat der von Merodes gerettet. Als das Schloss am 19. Juni 2000 nach einem Kaminbrand in Flammen aufging, stand das halbe Dorf entsetzt an den Absperrungen, die die Löschtrupps aufgestellt hatten. Noch ehe zig Tausende Liter Wasser, die von den Feuerwehrmännern in den Dachstuhl gepumpt wurden, unten wieder rausgelaufen waren, hatte sich massive Hilfsbereitschaft formiert.

Helfen wollte zum Beispiel Heinz Quast. Der heute 55-Jährige machte gerade Urlaub, als er im Fernsehen von dem Unglück erfuhr. Sofort machte er sich auf den Weg nach Hause: «Ich konnte es einfach nicht glauben.» Trotz einiger hundert Kilometer Entfernung, die zwischen Urlaubsort und Heimat lagen, war er einer der Ersten, die nach der Löschung des Brandes ihren Fuß in das historische Gemäuer setzten und halfen, das wertvolle Mobiliar aus den rußgeschwärzten Hallen zu tragen.

Das war der Anfang einer beispiellosen Rettungsaktion, an der sich 200 Menschen und Institutionen bis heute beteiligen; ihre Hilfe haben sie in einem Förderverein gebündelt. Industrielle und «einfache Leute» seien darunter, berichtet Ortsvorsteher Josef Schmitz-Schunken.

Als sich das Ausmaß des Schadens abzeichnete, sei klar geworden, dass die Familie den Wiederaufbau alleine nicht geschafft hätte. Dem Wahrzeichen drohte, nicht noch einmal 900 Jahre zu erleben. Schmitz-Schunken und die Meroder fühlten sich aber auch persönlich verpflichtet: «Wir mussten doch dafür sorgen, dass die Familie wieder eine Wohnung bekommt.»

Nicht anders denkt auch Heinz Quast, der den Wiederaufbau zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat: «Solch ein Kulturdenkmal darf man einfach nicht verfallen lassen.» Eine wärmende Verbindung hat der heutige Rentner 1990 geschaffen, als er mit seinem Installationsunternehmen die Heizanlage für das Schloss in Handarbeit baute.

Tag für Tag sind er, der Ortsvorsteher und sein Bruder nun auf der Großbaustelle unterwegs, um mitzuhelfen, das Schloss wieder aufzupolieren. Die ersten Veranstaltungen könnten in den renovierten Innenräumen schon bald wieder über die Bühne gehen, doch bevor alle Baugerüste verschwunden sind, werden wohl noch Jahre vergehen.

Auf allseitige Gegenliebe stößt die Prinzenfamilie in Merode nicht. Wie schon vor Jahrhunderten gebe es auch heute noch Menschen, die gegen die Adeligen seien, weiß Heinz Quast zu berichten. Und natürlich gibt es ein Leben abseits der herrschaftlichen Mauern - mit ebenso wichtigen Wünschen, Fragen und Problemen. Eins heißt K 27, besser bekannt auch als «K Müll». Die Kreisstraße durchschneidet das Dorf in zwei Teile. Für Josef Schmitz-Schunken ein ständiges Ärgernis: «Selbst in der Mittagszeit reiht sich hier ein Auto an das andere.»

Die Dorfentwicklung geht ansonsten in einem gemächlichen Tempo voran. Arbeitsplätze gibt es in Merode nicht mehr. Von der landwirtschaftlichen Struktur sind nur noch ein paar Bio- und Hobbybauern übriggeblieben. Ansonsten ist Merode ein reiner Wohnort. «Wir sind aber kein typisches Wochenend-Domizil», ist der Ortsvorsteher von einem funktionierenden Gemeinschaftsleben überzeugt.

Allein, der Enthusiasmus, der viele Meroder im Angesicht des Schlosses befällt, scheint sich nicht so leicht auf Verbesserungsmaßnahmen im Ortskern übertragen zu lassen. Erst fünf Teilnehmer umfasse seine Dorfverschönerungsgruppe, bedauert Schmitz-Schunken. Er hofft auf mehr.

Die Teilnahme an «Unser Dorf hat Zukunft» kann da sicher nicht schaden. Einen ersten Schritt will man demnächst tun und den zentralen Dorfplatz, den Hahndorn, aufwerten. Eine alte Pumpe, von einem Elektromotor betrieben, soll auf der Rasenfläche nostalgisches Flair verbreiten.

Doch die Anziehungskraft der Türme im Park nebenan wird sich so schnell nicht in den Schatten stellen lassen. Doch es soll ja auch dörfliche Orientierungspunkte geben, die ohne herrschaftliche Erhabenheit auskommen - und den Menschen trotzdem eine Menge bedeuten.

Alexander Jung, 07.05.2002 16:17
 

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