Karibische Wurzeln des Kolonialismus

 

Als der Genueser Seemann Christoph Kolumbus 1492 in die Karibik reiste, nahm damit der Prozess des Kolonialismus, der zu tief greifenden Veränderungen in der Weltgeschichte führte, seinen Anfang. Kolumbus suchte eigentlich den westlichen Seeweg von Europa nach Süd- und Ostasien und fand stattdessen eine den Europäern unbekannte Welt. Seine vier Reisen über den Atlantik, die er im Auftrag der spanischen Krone zwischen 1492 und 1502 durchführte, endeten auf dem geographisch isolierten Doppelkontinent Amerika. Kolumbus’ Entdeckungsreisen in die westliche Hemisphäre folgten Eroberungsfahrten der Spanier, die trotz ihrer klaren zahlenmäßigen Unterlegenheit einst mächtige Reiche unterwarfen und sogar vollständig auslöschten. Innerhalb einer Generation war eine große Zahl amerikanischer Ureinwohner Krankheiten erlegen, die von Europäern nach Amerika eingeschleppt worden waren. Die amerikanischen Ureinwohner besaßen keine natürlichen Abwehrkräfte gegen solche Krankheiten und starben in großer Zahl. Viele, die überlebten, wurden im Kampf getötet – besiegt von der spanischen Militärtechnik, die den Waffen der amerikanischen Ureinwohner überlegen war. Damit begann der Kolonialismus jenseits des Atlantiks, der Ausgangspunkt für den weltweiten Kolonialismus war.

Keine Region eignet sich zur Untersuchung des Kolonisationsprozesses besser als die Karibikinseln. Hier nahm die Kolonisierung fremder Gebiete durch Europäer, die charakteristisch für die Neuzeit werden sollte, ihren Anfang. Und anhand dieser Region konnten verschiedene europäische Staaten nützliche Erfahrungen in Bezug auf den Kolonisationsprozess sammeln. Diese Erfahrungen wendeten sie in anderen Teilen der Welt an, insbesondere in Asien und Afrika im 19. Jahrhundert.

Von 1492 bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, als die Sklaverei in den meisten Teilen Amerikas abgeschafft wurde, machte die Karibik eine tief greifende Veränderung durch. Die 1492 vollständig von den übrigen Kontinenten isolierten Karibikinseln wurden zusehends mehr in eine den Atlantik umspannende Weltwirtschaft eingebunden und gewannen für diese eine immer größere Bedeutung.

Die Ureinwohner der Inseln, die Kariben, die Arawak und Lucayans, verschwanden fast vollständig. Die ursprünglich nur sehr kleine Zahl europäischer Einwanderer in der Karibik wuchs zusehends, und ihre Siedlungsgründungen stießen auf wenig Widerstand. Den Siedlern aus Europa widerstrebte oft die Art von körperlicher Arbeit, die erforderlich war, damit sich die Kolonien entwickeln und selbst tragen konnten. Auch aus gesundheitlichen und klimatischen Gründen war die Ansiedlung von Europäern in den Tropen problematisch. Die Siedler lösten ihr Arbeitskräfteproblem, indem sie afrikanische Sklaven in die Karibik brachten. Als die Zuckerproduktion zunahm und bald an erster Stelle stand, verloren die Landwirtschaft sowie das Jagen und Fischen zum Eigenbedarf stark an Bedeutung für die Wirtschaft der Region. Tatsächlich konzentrierte sich die Region so sehr auf den Zuckerrohranbau, dass Nahrungsmittel für die unmittelbare Versorgung der Bevölkerung regelmäßig aus Europa und später aus Nordamerika eingeführt werden mussten.

Bald nach Kolumbus’ Expeditionen im Auftrag der spanischen Krone erhoben auch andere europäische Staaten Anspruch auf Inseln in der Karibik. Innerhalb einiger Jahrzehnte machten England, Frankreich, Spanien und die Niederlande ihre Ansprüche auf verschiedene Inseln geltend. In jeder Kolonie lief im Prinzip der gleiche Prozess ab. Nur der genaue zeitliche Ablauf und der Grad der Veränderungen unterschieden sich von einer Insel zur anderen. Folglich kann man sich den Kolonialismus in der Karibik und in anderen Regionen als einen Prozess denken, der in mindestens drei Etappen verlief: Anfangsphase (Gründung der Kolonie), Blütezeit des Kolonialismus und Übergangsphase.

Anfangsphase

Die Anfangsphase begann 1492 mit Kolumbus’ erster Reise nach Amerika und endete in der Mitte des 17. Jahrhunderts. In dieser Zeit erkundeten die Spanier die Region, eroberten Gebiete, die sie vorfanden, und unterwarfen die noch verbliebene indianische Bevölkerung. Die Spanier begannen auch, sich riesige Mengen an Barrengold und vor allem an Barrensilber zu verschaffen, und zwar hauptsächlich aus Südamerika. Bald folgten die Engländer, Franzosen und Holländer den Spaniern in die Region, um sie daran zu hindern, zu schnell zu viel Reichtum anzuhäufen. Zu dieser Zeit war die europäische Wirtschaft vom Merkantilismus geprägt. Einer der zentralen Grundsätze des Merkantilismus lautete, dass Gold und Silber (in Barrenform) das Maß für den Wohlstand darstellen und dass es nur eine begrenzte Menge davon auf der Welt gibt. Wenn die spanische Krone also im Besitz aller in Amerika hergestellten Edelmetalle wäre, könnten andere europäische Staaten nicht mehr mit Spanien konkurrieren.

Frühe Versuche anderer europäischer Mächte, den Spaniern den Besitz der Edelmetalle streitig zu machen, die diese den Indianern raubten oder aus deren Minen fördern ließen, gingen mit der Seeräuberei Hand in Hand. Die Seeräuber versuchten, sich den Reichtum anzueignen, den die Spanier einmal im Jahr in einem Schiffskonvoi nach Europa verbrachten. Die Seeräuber erwogen die Möglichkeit, die Karibikinseln als Stützpunkt für Angriffe auf spanische Konvois zu nutzen und dadurch zu verhindern, dass zu viel Edelmetall in den Besitz der spanischen Krone gelangte. Ende des 16. und zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurden viele der Inseln zu Seeräuberstützpunkten, von denen aus spanische Schiffe angegriffen wurden, die auf dem Rückweg nach Europa waren.

Diejenigen Ureinwohner, welche die Epidemiewellen überlebt hatten, begrüßten die Angriffe der Seeräuber auf die Spanier, die Krankheit und Zerstörung nach Amerika gebracht hatten. Darüber hinaus unterstützten mit Spanien konkurrierende europäische Monarchien inoffiziell die Angriffe von Seeräubern auf spanische Schiffe. Denn was die Seeräuber nahmen, fiel wenigstens nicht den Spaniern in die Hände. Und die Herrscher der mit Spanien konkurrierenden Länder waren der Auffassung, dass Seeräuber ihr geraubtes Gold und Silber früher oder später doch ausgeben würden. So würde es letztendlich in die Staatskassen dieser Länder fließen. Spanien protestierte auf diplomatischer Ebene gegen die ständigen Angriffe von Seeräubern. Sein Protest stieß aber auf taube Ohren. Die anderen Monarchien erwiderten, dass die Karibik jenseits ihrer Grenzen liege und europäische Gesetze und Abkommen in dieser Region keine Gültigkeit hätten.

Die Piraten selbst führten ein interessantes Leben und verfügten zum Teil über bemerkenswerte soziale Strukturen. Manche von ihnen waren Seeleute im Dienste eines europäischen Staates gewesen, während andere lediglich den unteren sozialen Schichten angehörten. Sie sahen in der Seeräuberei ein Mittel, ihre materielle Situation zu verbessern. Bei den Seeräubern des Atlantiks, einschließlich der Karibik, teilte sich die Schiffsbesatzung ihren Reichtum fast zu gleichen Teilen. Natürlich erhielten der Kapitän und der Erste Offizier immer einen größeren Anteil an der Beute. Aber der Rest wurde unter der Mannschaft verteilt. Außerdem zahlten die Seeräuber einem Kameraden, der z. B. eine Gliedmaße verloren hatte, oft eine Entschädigung. Das abenteuerliche Leben und das Ausrauben spanischer Schiffe brachten eine gewisse Freiheit und die Möglichkeit des wirtschaftlichen Aufstiegs mit sich.

Als Spanien aggressivere Maßnahmen gegen die Seeräuberei ergriff, begannen seine europäischen Konkurrenten, vermehrt ständige Stützpunkte auf den Karibikinseln aufzubauen. Gruppen von Männern (europäische Frauen gab es zu dieser Zeit in den meisten Teilen des amerikanischen Kontinents nicht) begannen in großem Umfang mit dem Anbau von Feldfrüchten und Nutzpflanzen, um vorbeikommende Schiffe mit Lebensmittelvorräten zu versorgen. Ende des 16. Jahrhunderts wurden Tabak und Baumwolle in ausreichend großen Mengen produziert, um den Überschuss nach Europa schicken zu können. Mit zunehmender Nachfrage nach diesen Produkten wurden wirkungsvollere Herstellungsverfahren entwickelt. Und mit steigenden Gewinnen kamen mehr europäische Siedler in die Region. Die meisten hofften, schnell reich zu werden und nach Europa zurückzukehren. Obwohl sich die Ureinwohner schon lange in einige wenige entfernte Gebiete zurückgezogen hatten, fanden europäische Siedler die Region nicht besonders einladend. Ihr feuchtheißes Klima und die exotische Pflanzen- und Tierwelt wollte man nicht länger als unbedingt erforderlich ertragen. Allein das Arbeiten in der heißen Sonne war bereits beschwerlich. Kulturelle Einrichtungen zu schaffen, die denjenigen in Europa glichen (z. B. Schulen, Theater und Zeitungen), schien fast unmöglich.

Im Allgemeinen wollten Mitteleuropäer, die sich in der Karibik ansiedelten, ebenso wenig wie ihre spanischen Vorgänger arbeiten. Gleichzeitig waren sie aber bestrebt, die landwirtschaftliche Produktivität und somit die Rentabilität zu erhöhen. Die schließlich gefundene Lösung brachte die nächste Phase der Kolonisation: Die Blütezeit des Kolonialismus ruhte ganz auf den Schultern afrikanischer Sklaven. In anderen Teilen der Welt stützte sich diese Phase der Kolonisation nach dem Verbot des Sklavenhandels durch die Europäer auf Arbeitskräfte, die zwar formal frei waren, aber im Allgemeinen zur Arbeit gezwungen wurden.

Blütezeit des Kolonialismus

Die Blütezeit des Kolonialismus dauerte in der Karibik nur etwas mehr als 100 Jahre, von der Mitte des 17. Jahrhunderts bis etwa 1770. Die Kolonialgesellschaften sorgten selbst für ihr wirtschaftliches Gleichgewicht. In dieser Zeit nahmen die Bevölkerung, die Produktion und der Handel dieser Kolonien beträchtlich zu. Sklavenhändler und ihre Kunden zwangen über zwölf Millionen Afrikaner über den Atlantik in die Sklaverei. Von diesen zwölf Millionen kamen aber nur etwa zehn bis elf Millionen tatsächlich in Amerika an. Die Übrigen starben unterwegs. Die meisten Sklaven, welche die Reise überlebten, wurden in einer Wirtschaft eingesetzt, die fast ausschließlich Zucker produzierte. Mit der Entwicklung der Zuckerwirtschaft nahm die Zahl der Gesetze zu, und die Haltung gegenüber den Afrikanern wurde erbarmungsloser. Die Zahl der Mischlinge nahm ebenfalls zu, weil Europäer oft Kinder mit Afrikanerinnen oder Indianerinnen hatten. Schließlich bildeten sich bei der merkantilistischen Konkurrenz zwischen Europa und seinen amerikanischen Besitzungen feste Muster heraus. Wirtschaftliche Konkurrenz, Freibeuterei (von Regierungen in Kriegszeiten offiziell gebilligte Seeräuberei) und gelegentliche Kriege waren in der gesamten Region wohl bekannte Erscheinungen. Die europäischen politischen Einrichtungen schlugen in der Karibik Wurzeln. Fast jede Inselkolonie hatte eine gesetzgebende Körperschaft. Diese setzte sich aus Vertretern zusammen, die vom Gouverneur eingesetzt oder von den Grundbesitzern der Insel gewählt wurden. Auch wenn die tatsächliche politische und wirtschaftliche Macht immer noch in Europa lag, hatten die weißen Grundbesitzer der Karibik in Fragen lokalen Interesses allmählich mehr Entscheidungsbefugnisse. Die gleichen wirtschaftlichen und sozialen Muster zeigten sich später in europäischen Kolonien auf der ganzen Welt.

Die karibische Kolonie war in ihrer Blütezeit – unabhängig davon, ob es sich um eine britische, französische oder spanische Kolonie handelte – stark auf die Produktion von Zuckerrohr spezialisiert. Zucker war, zumindest am Anfang, in Europa verhältnismäßig selten. Nur die Reichsten konnten es sich leisten, ihn aus den Zucker produzierenden Regionen des östlichen Mittelmeers einzuführen. Die Portugiesen brachten als Erste Zucker nach Amerika. In ihrer Kolonie in Brasilien gründeten sie sehr erfolgreiche Plantagen. Auf vielen Karibikinseln wurde das Zuckerrohr von den Holländern eingeführt. In den fünfziger Jahren des 17. Jahrhunderts wurden diese aus Brasilien vertrieben, nachdem sie den Portugiesen die Kontrolle über die Kolonie für kurze Zeit streitig gemacht hatten.

Die Zuckerproduktion hätte eine teure Angelegenheit sein können. Denn das Pflanzen, Schneiden und Kochen des Zuckerrohrs ist sehr arbeitsaufwendig. Zunächst setzten die Pflanzer billige europäische Arbeitskräfte ein, im Allgemeinen Vertragsarbeiter, die sich als Gegenleistung für die kostenlose Überfahrt nach Amerika und für freie Unterkunft und Verpflegung verpflichteten, eine bestimmte Zeit lang zu arbeiten. Bald aber wollten viele europäische Arbeiter nicht mehr auf die Westindischen Inseln gehen, weil sehr viele Siedler aus Europa an tropischen Krankheiten starben. Nur wenige wollten über den Atlantik fahren und die zermürbende Arbeit beim Zuckerrohranbau auf sich nehmen. Stattdessen entwickelten sich auf den Karibikinseln in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts groß angelegte Plantagenwirtschaften. Die überwältigende Mehrheit der Arbeiter auf diesen Plantagen waren afrikanische Sklaven. Da diese aus tropischen Ländern stammten, waren sie gegen viele der Krankheiten immun, unter denen europäische Arbeiter zu leiden hatten. Anders als Vertragsarbeiter konnten die Sklaven bis zur Erschöpfung zur Arbeit angetrieben werden. Auf den Karibikinseln bildeten die Afrikaner allmählich die breite Bevölkerungsmehrheit. So betrug während der Blütezeit des Kolonialismus auf Inseln wie Jamaika das zahlenmäßige Verhältnis von Schwarzen zu Weißen zehn zu eins.

Die Zahl der afrikanischen Sklaven, die über den Atlantik kamen, erhöhte sich von durchschnittlich 16 000 jährlich im 17. Jahrhundert auf durchschnittlich etwa 70 000 jährlich im 18. Jahrhundert. Der Höhepunkt des Sklavenhandels wurde im 18. Jahrhundert erreicht. Es war kein Zufall, dass sich zu diesem Zeitpunkt auch die Zuckerproduktion auf ihrem höchsten Stand befand. Ins britische Nordamerika gelangten nur 5 Prozent der Sklaven, die nach Amerika kamen. Die britischen Karibikinseln nahmen dagegen 21 Prozent der Sklaven auf und wurden damit nur noch vom portugiesischen Brasilien übertroffen, in das 37 Prozent der Sklaven kamen. In die spanischen, französischen und niederländischen Karibikinseln gelangten auch in beträchtlichem Umfang Sklaven aus Westafrika. Die von afrikanischen Sklavenhändlern gefangenen Sklaven wurden an europäische Händler verkauft. Diese arbeiteten mit möglichst vielen verschiedenen afrikanischen Sklavenhandelsgruppen zusammen, um eine prompte Belieferung mit Gefangenen für die wachsende Plantagenwirtschaft zu gewährleisten und um zu verhindern, dass ein einzelner afrikanischer Sklavenhändler zu mächtig wurde.

Während die Zuckerproduktion den Tagesablauf der Sklaven bestimmte, waren die sich daraus ergebenden Gewinne der Treibstoff für die wachsende Wirtschaft zu beiden Seiten des Atlantiks. Zucker wurde von der Karibik nach Europa und Nordamerika verschifft, wo er mit Gewinn verkauft wurde. Der Zuckerverbrauch nahm gewaltig zu. Dadurch wurden in der Karibik eine noch größere Anbaufläche und mehr Sklaven aus Afrika benötigt. Zucker entwickelte sich in Europa und Amerika immer mehr zu einem Standardlebensmittel. Durch das Anwachsen der Plantagen wurden auch nichtafrikanische Arbeitskräfte und Spezialisten benötigt. Ärzte, Rechtsanwälte, Kaufleute, Buchhalter, Plantagenverwalter und Gastwirte – sie alle konnten sich durch die Arbeit auf den Karibikinseln gesellschaftlich und wirtschaftlich verbessern. In der Blütezeit des Kolonialismus änderte sich das Migrationsmuster von Europäern in die Karibik. Wanderten früher hauptsächlich verarmte Menschen ein, so immigrierten jetzt gut ausgebildete Menschen aus der Mittelschicht. Diese neuen Einwanderer versuchten, auf den Plantagen genügend Geld zu verdienen, um selbst Eigentum in der Karibik zu erwerben. Danach wollten sie das feuchtheiße Klima hinter sich lassen und nach Europa zurückkehren. Diese verbreitete Auffassung war auch in den späteren europäischen Kolonien in Asien und Afrika anzutreffen.

Die Zunahme der Zahl der Sklaven führte in der gesamten Region dazu, dass Europäer aus den verschiedensten Berufen benötigt wurden. Viele von ihnen erzielten gute Gewinne und konnten deshalb als gemachte Leute in ihre Heimat zurückkehren. Anderen dagegen brachten ihre Geschäfte nicht den erhofften Erfolg. Die Absicht vieler weißer Karibikbewohner, nach Europa zurückzukehren, war der Grund dafür, dass sich die Einrichtungen in der Karibik relativ langsam entwickelten. In den Hauptstädten, die gewöhnlich Hafenstädte waren, erschienen zwar Zeitungen, andernorts waren sie jedoch nicht weiter verbreitet. Den Kirchen fehlten oft die Pfarrer. Theater und Varietés gab es schon, bevor Schulen gegründet wurden. Oft schickte man seine Kinder zur Ausbildung sogar nach Europa. Manchmal wurden auch Privatlehrer eingestellt. Bis zum Ende der Blütezeit des Kolonialismus gaben aber immer mehr Inselbewohner ihre Pläne auf, die Inseln zu verlassen, und entschlossen sich, in den Tropen zu bleiben. Zu diesem Zeitpunkt begann eine Gesellschaft zu entstehen, die immer mehr der europäischen Gesellschaft ähnelte.

Überall in der Karibik hing der soziale und wirtschaftliche Status zum Teil von der Rassenzugehörigkeit ab. Die gesamte Wirtschaft basierte auf der Arbeit afrikanischer Sklaven, die jedoch in der Gesellschaft auf der untersten Stufe standen, wobei sich im Allgemeinen in der Hierarchie zwischen ihnen und den europäischen Weißen noch die Mischlinge befanden. Es wanderten mehr Männer als Frauen in die Region ein, und alle Inseln hatten eine schwarze Bevölkerungsmehrheit. Deshalb erkannten Europäer in der Karibik ihre gemischtrassischen Kinder an und gaben ihnen einen höheren sozialen Rang. Am Ende der Blütezeit des Kolonialismus hatte sich eine sehr vielschichtige soziale und wirtschaftliche Hierarchie entwickelt, die zumindest zum Teil davon abhing, welche Hautfarbe jemand hatte. Dagegen wurde in Nordamerika jede Person mit einem schwarzen Vorfahren allgemein als Sklave betrachtet. So entwickelte sich auf den Karibikinseln eine vielschichtige Gesellschaft, die immer mehr der europäischen Gesellschaft glich. Es zeichneten sich zunehmend Gesellschaftsklassen mit festen Berufskategorien ab, die meist eine unüberwindliche Barriere darstellten. Meist bestand die Gesellschaft allerdings aus einer kleinen Gruppe sehr wohlhabender Pflanzer und einer großen Gruppe von Sklaven – mit anderen Worten, es gab eine Gesellschaftsordnung, die in etwa dem Verhältnis zwischen Adligen und Bauern in Europa entsprach. Was die Gesellschaft der Karibik eindeutig von der europäischen Gesellschaft unterschied, war der Umstand, dass in der Karibik die Rassenzugehörigkeit die Grundlage des Klassensystems bildete.

Die Übergangsphase

Die Übergangsphase begann in den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts und dauerte auf den meisten Inseln bis Mitte des 19. Jahrhunderts, als überall in der Karibik die Sklaverei abgeschafft wurde (1886 in Kuba). Diese Zeit kann als Anfangspunkt der modernen Karibik gesehen werden. In Europa wurden in den achtziger und neunziger Jahren des 18. Jahrhunderts zunehmend Maßnahmen gegen den Sklavenhandel getroffen. 1807 schaffte Großbritannien den Sklavenhandel ab und drängte andere europäische Staaten, das Gleiche zu tun. Die Pflanzer auf den Inseln kämpften für die Aufrechterhaltung der Sklaverei, die ihnen ein angenehmes Leben sicherte – jedoch ohne Erfolg. Nachdem die britische Regierung einer Entschädigung der Siedler für den Verlust ihrer Sklaven zugestimmt hatte, schaffte sie 1834 die Sklaverei vollständig ab. In den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts folgten die Franzosen diesem Beispiel. Zu diesem Zeitpunkt war die französische Kolonie Saint-Domingue bereits zum unabhängigen Staat Haïti geworden. Deshalb betraf die Abschaffung der Sklaverei vor allem Martinique und Guadeloupe. Die Spanier erhielten die Sklaverei in Kuba bis in die neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts aufrecht. Als die Sklaven ihre Freiheit erhielten, wollten die meisten von ihnen nicht mehr in der Zuckerwirtschaft arbeiten. Außerdem war es durch die Entwicklung der Zuckerrübe in Europa möglich geworden, Zucker in Europa selbst herzustellen. Die Kosten für Zuckerrohr nahmen zu, während die Nachfrage weiter zurückging. Die befreiten Sklaven waren meistens nicht in der Lage, genügend Geld für einen angemessenen Lebensunterhalt zu verdienen. Der Lebensstandard sank, wobei die Kolonialherrschaft weiterhin fortbestand. Überdies festigten die weißen Pflanzer ihre politische Macht und gewährten im Allgemeinen den Menschen nichteuropäischer Abstammung auch nicht das Wahlrecht. Nach der Abschaffung der Sklaverei war man von der Rassengleichheit genauso weit entfernt wie zuvor.

Mitte des 19. Jahrhunderts galt das Interesse der europäischen Staaten hauptsächlich Asien und Afrika. Dort wiederholten sie den Prozess, der sich in der Karibik abgespielt hatte, wobei sie einige Änderungen vornahmen. Denn man hatte gelernt, dass es schwierig ist, eine Gesellschaft aus dem Nichts aufzubauen. Deshalb bauten viele europäische Staaten ihre Herrschaft auf bereits bestehenden Strukturen auf und ließen die Führung der betreffenden Länder im Amt, beschnitten aber deren Befugnisse. Gleichzeitig versuchten europäische Kolonisatoren, möglichst viel zu ihrer eigenen zunehmend globalen wirtschaftlichen Entwicklung beizutragen. Die zu einer früheren Zeit kolonisierte Karibik hatte zum Teil sehr hohe Gewinne abgeworfen, und es entstanden Gesellschaften aus Afrikanern, Europäern und einigen wenigen Indianern. Für die Kolonisierungsprojekte der europäischen Staaten verlor die Karibik jedoch an Bedeutung. Karibikbewohner aller Rassen mussten mit einer Wirtschaft leben, die von einem Produkt mit rückläufiger Nachfrage abhing. Die Gewinne gingen zurück. Und diejenigen, die es sich am wenigsten leisten konnten, erfuhren die meisten Nachteile. Ein ähnlicher Prozess fand in Afrika und Asien bei der Entkolonisierung dieser Regionen in den drei Jahrzehnten nach 1945 statt. Die europäische Kolonisierung der Welt brachte nichteuropäischen Gesellschaften sowohl Probleme als auch Vorteile. Aber es gelang ihr nicht, diesen Gesellschaften einen ständig wachsenden Lebensstandard oder ein stabileres politisches oder wirtschaftliches Leben zu ermöglichen.

Zum Autor: Alan Karras ist Dozent im International and Area Studies Teaching Program der University of California in Berkeley. Er ist Autor von Sojourners in the Sun: Scots Migrants in Jamaica and the Chesapeake, 1740-1800 und zahlreicher anderer Publikationen.

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