16. Kirchen-, Missions- und Schulwesen

(s. Tafel 128, 129, 133, 134, 138). Die kirchliche Fürsorge für die katholische weiße Bevölkerung D.-O.s wird von den Missionen ausgeübt. -

Einer besonderen Organisation dafür bedarf es nicht, da die Missionsveranstaltungen der katholischen Kirche unter kirchlicher Leitung stehen und zugleich Europäern und Eingeborenen des Missionsgebietes dienen.

Dagegen ist auf evangelischer Seite die kirchliche Fürsorge für die weiße Bevölkerung von der Mission getrennt. Es bestehen gegenwärtig selbständige evangelische Kirchengemeinden in Daressalam, Tanga und in Leganga (Leudorf). Die letztere hat sich der sächsischen Landeskirche angeschlossen. Die Gemeinde Daressalam, im Jahre 1887 von der Berliner Missionsgesellschaft gegründet, ist bereits 1891 an die evangelische Landeskirche der älteren preußischen Provinzen angeschlossen worden. Sie besitzt seit 1902 ein eigenes Gotteshaus. Die im Jahre 1909 gegründete Gemeinde Tanga ist gleichfalls an die altpreußische evangelische Landeskirche angegliedert worden. Die finanziellen Bedürfnisse dieser Gemeinden werden durch freiwillige Beiträge aufgebracht. Die Erhebung von Kirchensteuern findet nicht statt, da den Gemeinden die Rechte öffentlich-rechtlicher Korporationen nicht zustehen. An anderen Plätzen, wo infolge der geringen Anzahl der evangelischen Europäer die Errichtung besonderer Gemeinden noch nicht stattgefunden hat, wirken vielfach Missionare im Nebenamt als Seelsorger. -

Die Tätigkeit christlicher Missionsgesellschaften im deutsch-ostafrikanischen Schutzgebiet hat verhältnismäßig spät begonnen. Erst in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ließen sich englische und französische Missionsgesellschaften im Schutzgebiet nieder, erst nach der Besitzergreifung durch das Reich folgten ihnen deutsche Gesellschaften. Die Missionstätigkeit im Schutzgebiet wird durch den Islam (s. d.), der dort schon seit dem 8. und 9. Jahrh. durch die Araber verbreitet ist, erschwert. Wenn trotzdem die Missionen erfreuliche Fortschritte machen, so ist dies neben der bekehrenden nicht zum geringsten Teil der praktischen Tätigkeit der Missionsgesellschaften zu verdanken. In dieser Beziehung sind in erster Linie die Missionsschulen zu nennen (s. u.). Ferner bemühen sich die Missionen, die Eingeborenen wirtschaftlich zu fördern, indem sie sie auf den Missionsstationen planmäßig anleiten, ihr Ackerland rationell zu bewirtschaften, europäische Kulturpflanzen (Kartoffeln, Weizen usw.) anzubauen und Handwerke aller Art zu erlernen.

Zur Förderung des leiblichen Wohles der Eingeborenen haben die Missionen Hospitäler, Apotheken, Waisen- und Irrenhäuser eingerichtet, Ärzte angestellt und ihren Missionaren eine ärztliche Ausbildung zuteil werden lassen; hierdurch werden die Bestrebungen der Regierung zur Bekämpfung von Seuchen, Säuglingssterblichkeit usw. wesentlich unterstützt. Ferner sind die Missionsschwestern vielfach als Krankenpflegerinnen und Hebammen ausgebildet. Die territoriale Ausbreitung der Mission erstreckt sich auf das ganze Schutzgebiet. Besonders stark sind aber die Küstenländer, das Kilimandscharo- und das Seengebiet besetzt. In den Ländern des Tanganjika- und Victoriasees überwiegt im allgemeinen das katholische, in den Bezirken Tanga, Pangani und Wilhelmstal sowie in der Umgegend des Njassasees das evangelische Bekenntnis. Um konfessionelle Streitigkeiten und Beeinträchtigungen der Missionstätigkeit durch das Nebeneinanderwirken beider Konfessionen zu vermeiden, pflegen sich die einzelnen Missionsgesellschaften im allgemeinen vor der Niederlassung mit der Verwaltung des Schutzgebiets ins Einvernehmen zu setzen. Im einzelnen missionieren auf evangelischer Seite folgende Missionsgesellschaften:

Die Berliner Missionsgesellschaft, die Herrenhuter Brüdergemeine, die Evangelische Missionsgesellschaft für Deutsch-Ostafrika, die englische Church Missionary Society, die Leipziger Evangelisch-Lutherische Missionsgesellschaft, die englische Universitätenmission (Universities Mission), die Adventisten vom siebenten Tage, die Missionsgesellschaft von Neukirchen, die amerikanische Afrika-Inland-Mission. S. Mission, evangelische und die einzelnen Missionsgesellschaften. -

Die katholische Mission in D.-O. gliedert sich in die apostolischen Vikariate Bagamojo, Daressalam, Süd-Njansa, Kivu, Unjanjembe, Tanganjika und Kilimandscharo, an deren Spitze je ein Bischof steht. In den Vikariaten Bagamojo und Kilimandscharo, das nördliche Küstengebiet bis zum Kilimandscharo umfassend, wirken die Väter vom heiligen Geist. Den ganzen Süden der Kolonie, von Daressalam bis zum Rovuma und Njassa, nahm bis 1913 das Vikariat Daressalam ein. (Nach Dekret der Propaganda vom Nov. 1913 ist der südliche Teil von D.-O. abgetrennt und eine eigene apostolische Präfektur mit dem Sitz in Lindi, gleichfalls den Benediktinern zugehörig, errichtet worden.) Hier arbeitet seit 1888 die deutsche Kongregation der Benediktiner von St. Ottilien am Lech, unterstützt von den Benediktus-Missionsschwestern. Das ganze übrige Schutzgebiet wird von den Vikariaten Süd-Njansa, Kiwu, Unjanjembe und Tanganjika eingenommen. Diese sind den Angehörigen der 1868 in Algier gegründeten Société des missionaires de Notre-Dame des missions d'Afrique et d'Algérie, nach ihrer Kleidung allgemein Weiße Väter genannt, überwiesen.

Zusammen mit ihnen wirkt die Kongregation der Weißen Schwestern. Siehe Mission, katholische und die einzelnen apostolischen Vikariate und Missionsgesellschaften. Wie vorstehend bereits erwähnt, spielt sich in den mit den Missionsstationen verbundenen Missionsschulen ein wichtiges Stück missionarischer Tätigkeit ab. Da die Missionen ihre Schulen in erster Linie zu dem Zweck anlegen, um durch Erziehung und Erteilung von Religionsunterricht an die jungen Schüler und Schülerinnen das Bekehrungswerk vorzubereiten, sind die Missionsschulen fast ausschließlich für Eingeborene bestimmt. Lehrgegenstand ist in den meisten Missionsschulen außer Religion: Lesen, Schreiben, Rechnen, Singen, Kisuaheli und, in den höheren Klassen, Deutsch.

Um den Eifer im Unterricht des Deutschen anzuregen, werden von der Regierung für gute Leistungen Prämien verteilt. Mit den Missionsschulen sind meist Handwerkerschulen verbunden, in welchen die jungen Eingeborenen als Tischler, Schneider, Schmiede, Schlosser, Ziegelmacher usw. ausgebildet werden; auch sind zur Unterweisung der Schüler im Ackerbau Versuchsfelder angelegt worden. Die Mädchen werden in der Ausübung häuslicher Arbeiten unterrichtet. Zur Ausbildung von Hilfskräften haben die einzelnen Missionsgesellschaften Seminare eingerichtet. Die besseren Schüler finden im Regierungsdienst vielfach als Schreiber, Zollbeamte, Akiden u. dgl. Anstellung. Den ca. 800 Missionsschulen für Eingeborene stehen nur 6 Missionsschulen für Europäerkinder zu Leganga, Gare, Tandala, Hohenfriedeberg und Daressalam gegenüber. Die Karlsschule zu Tandala, Bezirk Langenburg, ist von der Berliner Missionsgesellschaft gegründet worden, um die Kinder der Missionare so weit vorzubilden, daß sie in die höheren Lehranstalten der Heimat eintreten können. Dem Unterricht der Knaben liegt der Gymnasiallehrplan, dem der Mädchen der Lehrplan der höheren Mädchenschulen zugrunde.

Die Schutzgebietsverwaltung wendet dieser Schule ihr besonderes Interesse zu, da sie der erste Anfang einer höheren Lehranstalt des Schutzgebiets ist und auch Kinder von weißen Ansiedlern aufnimmt. - In Hohenfriedeberg (West-Usambara) besteht seit 1908 eine Schule für deutsche Ansiedlerkinder der Evangelischen Missionsgesellschaft für Deutsch-Ostafrika. Eine weitere Europäerschule unterhält die katholische Mission in Gare im Bezirk Wilhemstal. -

In der Benediktinerschule zu Daressalam werden katholische Europäerkinder von geprüften Ordensschwestern nach dem Plane einer heimischen städtischen Elementarschule unterrichtet. Außer den Missionsschulen gibt es eine Anzahl von Regierungsschulen in D.-O. Auch bei diesen sind Eingeborenen- und Europäerschulen zu unterscheiden. Die Regierungsschulen für Eingeborene zerfallen wieder in Hauptschulen und Hinterland- oder Außenschulen. Die ersteren werden von deutschen Lehrern geleitet. Ihr Lehrplan umfaßt etwa den Stoff einer heimischen Volksschule. Schulsprache ist Kisuaheli. In den Hauptschulen wird außerdem Deutsch gelehrt. Religionsunterricht wird in den Regierungsschulen nicht erteilt, doch wird den Schülern Gelegenheit gegeben, den Religionsunterricht der an demselben Ort befindlichen Mission beizuwohnen. Mit den Hauptschulen sind meistens Internate verbunden, in denen auswärtige Schüler Kost, Wohnung und häufig auch Kleidung unentgeltlich finden. Gegenwärtig gibt es unter deutscher Leitung stehende Hauptschulen in Tanga, Pangani, Daressalam, Kilwa, Lindi, Tabora, Bukoba, Muansa und Udjidji.

Von den meisten dieser Städte sind zunächst in der nächsten Nähe, dann allmählich immer weiter im Lande in den bedeutenderen Dörfern kleine, von befähigten Zöglingen der Hauptschulen geleitete Hinterland- oder Außenschulen eingerichtet worden, so daß sich jetzt über einen großen Teil des Schutzgebiets ein Netz von Regierungsschulen ausbreitet. Jährlich findet eine Revision der Außenschulen und eine Prüfung der Schüler durch die deutschen Lehrer der Hauptschulen statt. Die begabtesten Schüler des Hinterlandes finden in den Internaten der Hauptschulen Aufnahme, wo sie eine gute, gründliche Ausbildung erhalten. Dieses System hat sich bisher gut bewährt. Die Nachfrage nach ausgebildeten Schülern der Regierungsschulen, welche als Lehrgehilfen bei Außenschulen, als Steuerschreiber, Bureau- und Handlungsgehilfen gutbezahlte Anstellung finden, ist stets sehr groß und übersteigt das Angebot. Infolgedessen bricht sich bei den Eingeborenen, welche anfangs den Regierungsschulen mißtrauisch gegenüberstanden, immer mehr die Überzeugung von dem Werte der Schulkenntnisse Bahn.

Als Beweis hierfür möge die Tatsache dienen, daß einige Sultane in den nördlichen Landschaften des Bezirks Tabora sich sogar eigene Schulen eingerichtet und farbige Lehrer auf eigene Kosten angestellt haben. - Eine bedeutendere Stellung nimmt die der Hauptschule in Tanga angegliederte sog. Oberschule ein, eine Art Lehrerseminar, welche hauptsächlich für die Heranbildung tüchtiger eingeborener Lehrer bestimmt ist. - Ähnlich wie den Missionsschulen sind meist auch den Regierungshauptschulen Handwerkerschulen angegliedert, um dem Mangel an tüchtigen Handwerkern abzuhelfen. Solche Handwerkerschulen bestehen z. Zt. in Tabora, Neulangenburg, Pangani, Bagamojo und Udjidji.

Auch Versuchsgärten sind mit den meisten Schulen verbunden. Für Europäerkinder gibt es bis jetzt nur 3 Regierungsschulen mit insgesamt etwa 50 Schülern. Die älteste Schule dieser Art ist die in Daressalam, gegründet im Jahre 1907. Ihr Lehrplan umfaßt den Unterrichtsstoff einer heimischen Volksschule. Der Religionsunterricht wird von den Geistlichen beider Konfessionen erteilt. - Die beiden anderen Europäerschulen befinden sich im Bezirk Moschi, und zwar in Leganga und in Oldonjo-Sambu. Erstere wird von einem früheren Lehrer, welcher sich als Ansiedler am Meruberg niedergelassen hat, im Nebenamt, letztere von einem Regierungslehrer geleitet. - An den Regierungsschulen des Schutzgebiets unterrichten gegenwärtig insgesamt 16 europäische (darunter 3 Handwerkslehrer) und 159 farbige Lehrer ca. 6100 Schüler.

Schließlich sind noch die Koranschulen zu erwähnen; diese werden von eingeborenen mohammedanischen Religionslehrern geleitet, die meistens dem Handwerkerstande angehören. Hauptunterrichtsgegenstand ist das Lernen von Koranversen, daneben Lesen des Koran, arabische Schrift und Rechnen. Seitdem die Eingeborenen die Vorteile der in den Regierungsschulen gebotenen Schulbildung erkannt haben und nach der allgemeinen Einführung der lateinischen Schriftzeichen im amtlichen Verkehr sind diese der Propaganda für den Islam dienenden Schulen immer mehr zurückgegangen und heute von den Regierungs- und Missionsschulen fast ganz verdrängt worden. S. a. Schulen.

 

Kirchen-, Missions- und Schulwesen