Kolonialismus (von lateinisch colonia: Niederlassung, Ansiedlung), ist die Bezeichnung für ein System der wirtschaftlichen und politischen Herrschaft eines Staates über Regionen außerhalb seiner eigenen Grenzen. Kolonien entstanden aus der Landnahme durch Besetzung bzw. militärische Eroberung oder vertragliche Vereinbarungen mit den Landesautoritäten und entwickelten sich häufig aus der Gründung von Handelsniederlassungen, Militärstützpunkten oder Siedlungen von Migranten
In den Geschichtswissenschaften beschreibt der Begriff Kolonialismus in der Regel das Bestreben einiger europäischer Staaten, neue Siedlungs- und Wirtschaftsräume zu erschließen und ihre Machtbasis auszuweiten und stellt insofern eine erste Stufe der Globalisierung unter europäischen Vorzeichen dar. Diese Epoche, die mit dem Beginn der frühen Neuzeit einsetzte und nach dem 1. Weltkrieg zu Ende ging, erreichte ihren Höhepunkt in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, in der Hochphase der imperialistischen Konkurrenz unter den Großmächten um die machtpolitisch noch unerschlossenen Teile der Welt. Größte Kolonialmächte im 16. und 17. Jahrhundert waren Spanien und Portugal, im 19. und 20. Jahrhundert Großbritannien und Frankreich, der deutsche Kolonialbesitz zwischen 1884 und 1918 blieb dagegen unbedeutend.

Ende des 19. Jahrhunderts befanden sich 85 Prozent der Erdoberfläche unter Kolonialherrschaft oder in einer halbkolonialen Abhängigkeit. Nach dem 2. Weltkrieg setzte eine rasche Auflösung der Kolonialreiche ein (Dekolonisation) und mündete in die Gründung einer Vielzahl von Staaten, die nun das Gros der Dritten Welt bilden. In einer Reihe von Fällen blieben die ehemaligen Kolonien trotz formeller Souveränität weiterhin wirtschaftlich und politisch an die bisherigen Kolonialmächte gebunden, oder es ergaben sich neue Formen der Abhängigkeit (Neokolonialismus).

ERWERB DER KOLONIEN, TYPEN UND VERWALTUNG
Die koloniale Unterwerfung fremder Gebiete wurde unterschiedlich begründet und legitimiert. Als Motive herrschten vor:

– Überbevölkerung, politische Unterdrückung und religiöse Verfolgung, die viele Menschen zur Auswanderung und zur Gründung von Siedlungskolonien veranlassten, z. B. in Nordamerika;
– Handels- und Wirtschaftsinteressen, die zur Anlage von Handelsstützpunkten und dem Erwerb wirtschaftlich interessanter Gebiete in Übersee führten;
– strategische Gründe, um bereits bestehende Besitzungen und die Verkehrsrouten zu ihnen z. B. durch Militärstützpunkte abzusichern;
– missionarische Absichten, das Christentum über die ganze Welt zu tragen; sie wurden später überlagert von dem zivilisatorischen Motiv, die für zurückgeblieben und „wild” gehaltenen Völker an den Segnungen der europäischen Kultur teilhaben zu lassen;
– nationalistisches Expansionsdenken, das in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts in imperialistische Rivalität umschlug.
Mehrere dieser Beweggründe wirkten im Laufe der Kolonialgeschichte häufig zusammen, überlagerten einander oder folgten aufeinander. In der kolonialpolitischen Praxis der europäischen Staaten ging es hingegen hauptsächlich um die Ausbeutung fremder Ressourcen für den eigenen Wohlstand und die Erlangung oder Behauptung einer vorteilhaften geostrategischen Machtposition.

Die Erschließung und Inbesitznahme der Kolonien erfolgte in vielen Fällen zunächst auf Initiative und Risiko von Privatgesellschaften, die von ihrem Staat mit einem Schutzbrief legitimiert wurden. Dem so genannten Mutterland traten sie die Herrschaft dann ab, wenn sich das wirtschaftliche Engagement nicht mehr lohnte und/oder sich als zu risikoreich erwies.

TYPEN
Entsprechend der beabsichtigten Nutzung des Gebiets, dem Herrschaftsverständnis der Kolonialmacht und der Kooperationsbereitschaft der einheimischen Autoritäten entwickelten sich verschiedene Kolonialsysteme. Aus Handels- und Expeditionsstützpunkten, wie sie vor allem in der ersten Phase der europäischen Expansion nach Übersee von Portugiesen und Spaniern gegründet wurden, entstanden häufig Wirtschaftskolonien, die vorrangig der Ausbeutung der menschlichen und natürlichen Ressourcen des Kolonialgebiets dienten, um das Mutterland mit Rohstoffen und „Kolonialwaren” zu versorgen. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Kolonien umgekehrt zunehmend wichtig als Absatzmärkte für Industrieprodukte und als günstige Investitionsräume für Kapital aus dem Mutterland.

Militärbasen und -kolonien dienten Sicherheitserwägungen und wurde angelegt, um die Routen zu den Kolonien, aber auch koloniale Besitzungen selbst zu schützen. Siedlungskolonien wurden von Migranten geschaffen, die als Angehörige religiöser Minderheiten, als politisch Verfolgte, Armutsflüchtlinge oder Abenteurer ausgewandert waren. Sie verdrängten die einheimische Bevölkerung (wie z. B. in Nordamerika) oder stellten die Herrenschicht dar (wie z. B. in Südamerika, Südafrika, Algerien). Eine besondere Form der Siedlungskolonie war die Strafkolonie. Von Sträflingen, die nach New South Wales deportiert worden waren, ging die weiße Besiedlung Australiens aus.

STATUS DER KOLONIEN
Die Kolonialmächte nahmen die völkerrechtliche Hoheit über die kolonisierten Gebiete in Anspruch; deren Abhängigkeit schlug sich aber in unterschiedlichen rechtlichen Formen nieder: Neben den eigentlichen Kolonien gab es u. a. Protektorate, Dominions, Treuhand- und Mandatsgebiete. Britische Kolonien, die von London aus direkt regiert wurden, erhielten den Status einer Kronkolonie. Manche Kolonialmächte betrachteten einen Teil ihrer Erwerbungen als integrative Bestandteile des Gesamtstaates und gaben ihnen den Status einer Provinz (z. B. Frankreich seinen Départements d’Outre-Mer). Staatsbürgerliche Rechte des Mutterlandes (z. B. im Rechtswesen und im Wahlrecht) genossen jedoch auch in diesen Fällen fast nur die Kolonisatoren.

Formal unabhängige Staaten, die jedoch unter dem beherrschenden politischen und wirtschaftlichen Einfluss anderer Mächte standen (vor 1914 z. B. Persien, Türkei, China), wurden als Halbkolonien bezeichnet.

Verwaltung
Die Regierungsgewalt wurde durch Gouverneure ausgeübt, die von der Regierung der Kolonialmacht entsandt und durch ein Kolonialamt oder ein Kolonialministerium beaufsichtigt wurden. Die Gouverneure regierten mit Methoden im Spektrum zwischen direkter und indirekter Herrschaft: Im ersten Fall unterwarfen sie die eingesessene Bevölkerung einem aus dem Herrscherland importierten Verwaltungsapparat, an dessen Vorschriften sie sich anzupassen hatte (wie z. B. in vielen Fällen in den französischen Kolonien); die indirekte Herrschaft stützte sich dagegen auf bestehende Machtstrukturen, überließ den einheimischen Autoritäten ein zum Teil hohes Maß an innerer Selbstverwaltung und beeinträchtigte die Herrschaftstradition und kulturelle Identität der Bevölkerung weniger als im Fall der direkten Herrschaft.

Vor allem Großbritannien praktizierte dieses Prinzip der indirekten in abgestufter Form. Den Kolonien Nordamerikas erleichterte die „lange Leine” des britischen Selbstverwaltungssystems den Abfall vom Mutterland. Andernorts schufen sich die Kolonisatoren durch gezielte Bildungsarbeit und die Heranführung an Verwaltungs- und Wirtschaftsaufgaben unter den Einheimischen eine Bildungselite, die – vor allem in Fall indirekter Herrschaft – die Kontrolle über die Kolonie vereinfachte. Die Zweischneidigkeit dieser Entwicklung zeigte sich, wenn Angehörige dieser Bildungselite die Führung in Widerstands- und Unabhängigkeitskämpfen übernahmen, wie z. B. in Indien ab dem Anfang des 20. Jahrhunderts.

Kooperation und Widerstand
Trotz zahlreicher Zeugnisse für zumindest zeitweise erfolgreichen Widerstand gegen die Okkupatoren konnten die militärisch unterlegenen einheimischen Bevölkerungen der Übermacht der weißen Eroberer und ihrer Unterwerfung oder Vertreibung in der Regel wenig entgegensetzen. In vielen Fällen beugten sich die lokalen Autoritäten den Kräfteverhältnissen und unterschrieben Übergabe- und „Schutzverträge”.

Doch in vielen Fällen wehrten sich die einheimischen Völker heftig und lange erfolgreich gegen die europäischen Eindringlinge und lieferten ihnen auch nach Errichtung der Kolonien lang anhaltenden Widerstand: Das Vordringen der europäischen Siedler in Nordamerika war über 200 Jahre lang von anhaltenden Kämpfen mit Indianern begleitet; Zulu und Xhosa setzten den vorrückenden Treck-Buren in Südafrika in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts dauerhaften Widerstand entgegen; unter Abd el-Kader vereinigten sich die algerischen Stämme zu einer Aufstandsbewegung gegen die französischen Eroberer (1832-1846); die erfolgreiche Mahdi-Bewegung gegen die osmanisch-ägyptische bzw. britische Herrschaft (Mahdi-Aufstand 1881-1885) wurde erst 1898 von den Briten besiegt; die Herero und Nama (Khoikhoin) leisteten den Deutschen in Südwestafrika erheblichen Widerstand. In Südostasien gelang Niederländern, Briten und Franzosen die endgültige Eroberung von Indonesien bzw. Burma und Indochina im Verlauf des 19. Jahrhunderts erst nach langen blutigen Kämpfen.

GESCHICHTE
Kolonialismus in der Antike

Die Seehandel treibenden Bewohner Phöniziens gelten allgemein als die ersten Überseekolonisatoren. Sie errichteten schon um 1100 v. Chr. Kolonien an den Küsten des Mittelmeeres. Seit dem 8. Jahrhundert v. Chr. folgten viele griechische Stadtstaaten diesem Beispiel und gründeten Handelsniederlassungen im Mittelmeerraum. Die Stadt Karthago, als phönizische Kolonie gegründet, wurde selbst eine bedeutende Kolonialmacht: Die Karthager errichteten ein auf der Kontrolle der Schifffahrt des Mittelmeeres basierendes Handelsimperium, zu dem auch Kolonien in Spanien und auf Sizilien gehörten. Das Reich der Karthager wurde in den Punischen Kriegen (3. bis 2. Jahrhundert v. Chr.) von Rom vernichtet. In den folgenden Jahrhunderten dehnten die Römer ihren Herrschaftsbereich kontinuierlich aus und herrschten als Kolonialmacht über weite Teile Europas und des Nahen Ostens.

15. bis 18. Jahrhundert
SPANIEN UND PORTUGAL
Mit der Eroberung des marokkanischen Ceuta 1415 und der Errichtung von Stützpunkten an der afrikanischen Küste zum Zweck des Gold- und Sklavenhandels eröffnete Portugal die europäische Expansion. Den eigentlichen Beginn der Epoche des neuzeitlichen Kolonialismus setzten jedoch die Entdeckung Amerikas durch Kolumbus von Spanien aus (1492) und die Erschließung des Seeweges nach Indien durch den Portugiesen Vasco da Gama (1498). Im Vertrag von Tordesillas (siehe Demarkationslinie) verständigten sich Spanien und Portugal, die beiden ersten Kolonialmächte der Neuzeit, über die Aufteilung der noch unerschlossenen Teile der Erde.

Spanien und Portugal verfolgten in ihren Einflusszonen unterschiedliche Kolonialstrategien. Die Spanier eroberten innerhalb weniger Jahrzehnte weite Teile Süd- und Mittelamerikas sowie der Karibik; die Konquistadoren errichteten riesige Vizekönigreiche (Neuspanien 1535, Peru 1543), bauten systematisch die überseeische Territorialverwaltung und die wirtschaftliche Erschließung aus und unterwarfen die einheimische Bevölkerung einem drastischen Ausbeutungssystem (Encomienda). Die Territorien und der Goldreichtum der Kolonien sicherten für eine Weile den Anspruch der spanischen Krone auf die Vorherrschaft in Europa und in der Welt.

Die Portugiesen nahmen 1500 Brasilien in Besitz, gliederten es als integralen Bestandteil ihrer Monarchie ein, kolonisierten es auf der Basis des Zuckerrohranbaus und nutzten extensiv ihr Monopol auf den transatlantischen Handel mit Sklaven, die sie über ihre afrikanischen Stützpunkte geliefert bekamen. Da es den Portugiesen im Übrigen vornehmlich um die Vorherrschaft im Gewürzhandel ging, für den sie Festungen und Handelsposten an den Küsten Westafrikas (u. a. Moçambique, Sansibar), Indiens (Goa, Kalikut) und Chinas (Macao) errichteten, verzichteten sie auf eine weiträumige Eroberung des Landesinneren, zumal sie auch aufgrund der im Vergleich zu Spanien wesentlich geringeren Kapazitäten dazu kaum in der Lage waren. Ende des 16. Jahrhunderts machten Engländer und Holländer den Portugiesen das Monopol im Fernhandel mit Ostasien streitig und verdrängten sie nach und nach aus ihren Stützpunkten; Anfang des 17. Jahrhunderts etablierte sich die englische Ostindische Kompanie in Indien und begann 1757 mit der Eroberung des Subkontinents, und um 1800 hatten die Holländer die Herrschaft über Java und Ceylon (heute Sri Lanka) erlangt.

Gewachsenes Selbstbewusstsein der spanischen Statthalter in Südamerika, die zudem vom Unabhängigkeitskampf der britischen Siedler in Nordamerika beflügelt wurden, führten im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts zu einer relativ raschen Ablösung der spanischen Überseegebiete vom Mutterland. Gleichfalls als Konsequenz aus gewachsenen Widersprüchen zwischen der portugiesischen Herrenschicht in der Kolonie und der Zentrale in Europa erklärte sich 1822 Brasilien zur unabhängigen, konstitutionellen Monarchie.

NIEDERLANDE
Ende des 16. Jahrhunderts traten die Niederlande durch die Aktivitäten der privilegierten Privatgesellschaft Vereenigde Oostindische Companie in den Kreis der Kolonialmächte. 1619 wurde Batavia (Jakarta) auf Java erobert, das Zentrum des niederländischen Kolonialreiches wurde. Die Gründung von Kapstadt als Proviantstation 1652 auf der Route nach Südostasien ermöglichte die Zuwanderung von Siedlern, die als Buren bald ein vom Mutterland abgeschiedenes Eigenleben entwickelten. Sie drangen auf Trecks ins Landesinnere vor und gründeten im 19. Jahrhundert mehrere Republiken, u. a. den Oranje-Freistaat und die Südafrikanische Republik (Transvaal).

GROSSBRITTANIEN
Die Ankunft und Ansiedelung englischer Kolonisten, die aus religiösen Gründen emigriert waren, in Amerika in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts legten den Grundstein für die Entstehung der 13 englischen Kolonien an der nordamerikanischen Ostküste. Auf der Grundlage einer massiven Zuwanderung aus Europa dehnten die Kolonien ihr Siedlungsgebiet sukzessive nach Westen aus, wobei sie mehrmals in kriegerische Konflikte mit den Franzosen gerieten, die 1608 Quebec gegründet hatten und in die gleiche Richtung expandierten. Gegenüber den Indianern setzten sich die britischen Siedler trotz teilweise heftigen Widerstands mit einer kompromisslosen Vertreibungs- und Vernichtungspolitik durch. Die von England geübte Praxis, die Kolonien weitgehend der Selbstverwaltung zu überlassen, barg die Gefahr, dass diese sich rasch vom Mutterland emanzipierten, dass sie eher zu rebellieren begannen, wenn die Politik des Mutterlandes den Interessen der Kolonie zuwiderlief. Ein solcher Konflikt mündete 1776 in die Unabhängigkeitserklärung der britischen Kolonien in Nordamerika und im Unabhängigkeitskrieg, aus dem die USA siegreich und als souveräner Staat hervorgingen.

Ungeachtet dieser Niederlage blieb England, das im Siebenjährigen Krieg (1756-1763) Frankreich im Kampf um die koloniale Vorherrschaft besiegt hatte, führende Kolonialmacht. Zum Kern des britischen Empire entwickelte sich im 18. Jahrhundert der indische Subkontinent, den sich die 1600 gegründete East India Company vollständig erschloss, nachdem sie bis 1761 die französischen Kolonisatoren verdrängt hatte. 1858 musste die Kompanie nach einer breiten Aufstandsbewegung im Norden Indiens ihre Herrschaft über den Subkontinent an die britische Regierung übertragen.

FRANKREICH
Frankreich gründete seit 1608 Handels- und Militärstationen in Kanada und dehnte seinen Einflussbereich weiter in den Westen und Süden aus. Im Konflikt mit Großbritannien musste es sich 1763 nach dem Siebenjährigen Krieg aus den südlichen Teilen seiner Eroberungen, die sich über den ganzen Kontinent bis an den Golf von Mexiko (Lousiana) erstreckten, zurückziehen. Als zweite und dauerhaftere Säule der französischen Kolonialherrschaft bildeten sich seit Mitte des 17. Jahrhunderts die westafrikanischen Besitzungen heraus.

1815-1880
Im Gefolge der industriellen Revolution, die den Drang der Europäer nach Rohstoffen verstärkte und zugleich ihre waffentechnischen Vorteile noch weiter ausbaute, wandelten sich im 19. Jahrhundert Intention und Ausprägung des Kolonialismus. Mit Nachdruck wurden überseeische Gebiete in Besitz genommen: In der Absicht, ein neues Kolonialreich aufzubauen, eroberte Frankreich Algerien (1830-1847), erweiterte seine Kolonien im Senegal und begann mit der Eroberung Indochinas. Großbritannien expandierte auf dem indischen Subkontinent, gliederte zahlreiche Territorien in das Empire ein, darunter die Kapkolonie (1815), Australien und Neuseeland (1840), Natal (Südafrika, 1843), Burma (1852) und Lagos (Nigeria, 1861).

Zugleich wurden neue Regionen für den Handel und als Einflussgebiete europäischer Nationen erschlossen, so das Osmanische Reich und Ägypten, Persien, Teile Chinas und Japan. Russland drang weiter nach Sibirien und Zentralasien vor, wo es die kulturell hochentwickelten Khanate Kasachstan, Turkestan, Turkmenien, Kokand, Chiwa und Buchara eroberte und an der langen Grenze zu Persien und Afghanistan an den Einflussbereich Großbritanniens stieß. Im Osten dehnte es seine Kolonialaktivitäten in die Mandschurei und nach Nordkorea aus, wo es schließlich die Expansionsinteressen Japans verletzte, von dem es im Russisch-Japanischen Krieg 1904/05 zurückgedrängt wurde.

DIE IMPERIALISTISCHE PHASE
Eine neue Dynamik entfaltete der europäische Kolonialismus nach der Eröffnung des Suezkanals 1869 und vor allem der Besetzung Ägyptens durch Großbritannien 1882. Die Rivalität unter den europäischen Mächten um die noch nicht kolonisierten Gebiete und geostrategische Vorteile steigerte sich zu einem Wettlauf der kolonialen Expansion, an dem sich nach der deutschen Reichsgründung 1871 auch Deutschland beteiligte (siehe Abschnitt 4). Um das Kriegsrisko zu vermindern, verständigten sich die Großmächte auf die gegenseitige Abgrenzung ihrer Interessengebiete; auf der bedeutendsten dieser Teilungskonferenzen, der Berliner Afrika-Konferenz (Kongo-Konferenz) 1885, teilten die Kolonialmächte Afrika komplett untereinander auf: Frankreich übernahm die Regionen nördlich und südlich der Sahara (Französisch-Westafrika und Französisch-Äquatorialafrika), die Briten den größten Teil des Ostens (Britisch-Ostafrika) und des Südens, der Anspruch des Deutschen Reiches auf mittelafrikanische Gebiete wurde anerkannt, Portugal dehnte seine Küstenenklaven von Angola und Moçambique ins Landesinnere aus, Belgiens König Leopold wurde die Kongoregion als privater Kongo-Freistaat zugesprochen. Die Kolonialisierung des Kontinents (mit Ausnahme Liberias und Äthiopiens) erfolgte ohne jede Rücksicht auf die Interessen der Völker Afrikas und war 1900 praktisch abgeschlossen. Dabei kam es in Regionen, in denen sich die Interessen der Kolonialmächte überschnitten, z. B. im Sudan und in Marokko, zu Konflikten (Faschodakrise zwischen Frankreich und Großbritannien 1898, Marokkokrisen 1905 und 1911 zwischen Deutschland und Frankreich), die zur Verschlechterung des internationalen Klimas und einer Steigerung des Wettrüstens, insbesondere des Flottenbaus, beitrugen.

Gegenüber dem politisch geschwächten China verständigten sich die Großmächte, von denen einige schon bedeutende Gebiete in China kontrollierten, 1899/1900 auf eine Politik der offenen Tür. Die USA hatten sich gegen eine regionale Aufteilung Chinas nach dem Muster Afrikas gewandt, um allen Staaten einen ungehinderten Zugang zum potentiell riesigen chinesischen Markt zu gewährleisten. Zur Niederschlagung des Boxeraufstands (1900) bildeten sie ein gemeinsames Expeditionskorps, das für die unbedingte Durchsetzung ihrer imperialistischen Interessen sorgte.

DER DEUTSCHE KOLONIALISMUS
Als „verspätete Nation” machte Deutschland nach anfänglichem Zögern des Reichskanzlers Otto von Bismarck erst seit den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts expansionistische Interessen in Übersee geltend. Vorkämpfer und erste Träger der Kolonialpolitik waren Kolonialgesellschaften, besonders der Deutsche Kolonialverein und die Gesellschaft für deutsche Kolonisation unter Führung von Carl Peters, die sich 1887 zur Deutschen Kolonialgesellschaft zusammenschlossen. 1884/85 stellte Bismarck die ersten Gebietserwerbungen – in Südwestafrika (heue Namibia), Togo, Kamerun, Ostafrika und im Pazifik – unter den „Schutz” des Reiches. Zwar wertete Bismarck diese Kolonien öffentlich lediglich als unbedeutende Handelsstützpunkte, doch brachte er mit ihnen Deutschland in den Kreis der Kolonialmächte. Die von Bismarck geleitete Berliner Afrika-Konferenz 1885 bestätigte die deutsche Kolonialansprüche in Afrika und im Pazifik.

Nach der Entlassung Bismarcks (1890) trat das Deutsche Reich in scharfe Konkurrenz zu den anderen Großmächten, betrieb eine offensive Kolonialpolitik mit dem Ziel, die deutsche „Weltgeltung” zu heben, und forcierte den Flottenbau, um dem Anspruch auf einen „Platz an der Sonne” Nachdruck zu verleihen. Während sich Deutschland mit dieser Politik international isolierte, sich die Spannungen verschärften und in ein allgemeines Wettrüsten mündeten, verstärkten führende Politiker, allen voran Kaiser Wilhelm II., große Teile der bürgerlichen Presse, die Kolonialvereine sowie der Alldeutsche Verband und der Deutsche Flottenverein chauvinistische und rassistische Emotionen. Im Gegensatz zum hohen propagandistischen Aufwand, von dem die koloniale Expansion begleitet wurde, blieb deren Erfolg allerdings bescheiden: In der zweiten Welle der Kolonialerwerbungen (1897-1899) kamen nur vergleichsweise unbedeutende Gebiete hinzu: Kiautschou in China als Flottenstützpunkt, Nauru, die Karolinen-, Marianen-, Palau- und West-Samoa-Inseln im Pazifik.

VERWALTUNG
Bis 1898 ging die Verwaltung aller deutschen Überseegebiete, nicht zuletzt aus Kostengründen, von den Kolonialvereinen an das Deutsche Reich über. 1894 wurde hierfür die Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes, 1907 das Reichskolonialamt geschaffen, das von einem dem Reichskanzler unterstellten Staatssekretär geleitet wurde. Jedes Schutzgebiet wurde von einem vom Kaiser ernannten Gouverneur regiert.

WIDERSTAND IN AFRIKA
In Deutsch-Südwestafrika sah sich die deutsche Kolonialmacht mit dem anhaltenden Widerstand der einheimischen Bevölkerung konfrontiert, der 1904 in den Herero-Aufstand mündete. Die Kontroverse in Deutschland über das grausame Vorgehen der deutschen „Schutztruppe” und die Finanzierung der Kriege gegen die Indigenen in Afrika führte zur Auflösung des Deutschen Reichstags und in chauvinistischer Atmosphäre zu den so genannten „Hottentotten-Wahlen” von 1907, bei denen die SPD aufgrund des Wahlrechts einen schweren Verlust an Mandaten hinnehmen musste, obwohl sie ihren Stimmenanteil steigern konnte. 1905 weitete sich ein Aufstand in mehreren Gebieten Deutsch-Ostafrikas auf die ganze Kolonie aus und wurde von Marinesoldaten niedergeschlagen.

Bilanz des deutschen Kolonialismus
Die weltpolitischen Aspekte des prestigeträchtigen Kolonialbesitzes waren den führenden deutschen Politikern wichtiger als der wirtschaftliche Nutzen bei der Ausbeutung der Kolonien, die rund drei Millionen Quadratkilometer und zwölf Millionen Menschen umfassten. Insgesamt war die wirtschaftliche Bilanz der Kolonien negativ: 1912 standen für alle Kolonien zusammengerechnet 64 Millionen Mark an Einnahmen (Steuern, Zölle u. a.) Ausgaben in Höhe von 88 Millionen Mark gegenüber (für Zivil- und Militärverwaltung, Infrastrukturmaßnahmen wie Straßenbau, Schulen, Krankenhäuser). Auch als Auswanderungsgebiete blieben die deutschen Kolonien unbedeutend. Bis zum 1. Weltkrieg siedelten 23 000 Deutsche in die Kolonien, während allein zwischen 1887 und 1906 eine Million Deutsche in die USA auswanderten.

Im 1. Weltkrieg verlor das Deutsche Reich seine Kolonien an die Alliierten, teils kampflos, teils nach Kämpfen im Kolonialgebiet (1915 Deutsch-Südwestafrika, 1918 Deutsch-Ostafrika, 1916 Kamerun). Im Versailler Vertrag (1919) musste Deutschland auf alle Kolonien verzichten; der Völkerbund unterstellte sie als Mandatsgebiete u. a. der Südafrikanischen Union (Deutsch-Südwestafrika), Großbritannien (Deutsch-Ostafrika, Togo) und Frankreich (Kamerun). Forderungen nach einer Rückgabe der deutschen Kolonien in der Weimarer Republik und im nationalsozialistischen Deutschland wurden von den Siegermächten des 1. Weltkrieges abgelehnt.

ENDE DES KOLONIALZEITALTERS
Nach dem 1. Weltkrieg
Die weltpolitische Lage nach dem 1. Weltkrieg gab den nationalen Unabhängigkeitsbestrebungen in den Kolonien Auftrieb und leitete das Ende des Kolonialzeitalters ein. Zu den wesentlichen Triebfedern für die neue Entwicklung gehörten folgende Faktoren:

Im 1. Weltkrieg hatten sich die Völker der Kolonialgebiete mit Soldaten an der Kriegführung der Kolonialmächte beteiligt und hierfür Versprechungen in Richtung auf größere Selbstständigkeit erhalten, deren Einlösung sie nun, selbstbewusster geworden, forderten.
Obwohl selbst imperialistische Macht – mit den Philippinen als echter Kolonie und Kuba als De-facto-Kolonie (seit 1898) sowie Lateinamerika als offiziell beanspruchter Einflusszone –, machten sich die USA als aufstrebende Weltmacht zum Fürsprecher der Freiheitsbestrebungen der Kolonialvölker (Vierzehn-Punkte-Erklärung von US-Präsident Woodrow Wilson).
Der 1919 gegründete Völkerbund verpflichtete die Kolonialmächte auf das Fernziel, die kolonialisierten Völker in die Unabhängigkeit zu führen. Bis dahin sollten Kolonien nur noch dem Zweck dienen, zunächst noch für unmündig gehaltene Völker für die Unabhängigkeit zu qualifizieren. Die ehemaligen Kolonien des Deutschen Reiches und die ehemals vom Osmanischen Reich abhängigen arabischen Gebiete wurden zu Mandatsgebieten des Völkerbunds erklärt und deren Mandatsmächte beauftragt, sie nur bis zu ihrer baldigen Selbstständigkeit zu verwalten. Allerdings besaß der Völkerbund keine Mittel, die Mandatspolitik zu kontrollieren. Erst 1989 wurde das letzte dieser Mandatsgebiete, Namibia, unabhängig.
Die antiimperialistischen sozialistischen Bewegungen in Westeuropa trugen ihre Ideen auch in die Kolonien, wo sie von den intellektuellen Eliten aufgegriffen wurden, die sie mit den eigenen nationalen Zielsetzungen verknüpften. Die Russische Revolution von 1917 mit der anschließenden Gründung der Sowjetunion und die Chinesische Revolution mit der Gründung der Volksrepublik China 1949 setzten Beispiele für die Möglichkeit der eigenen Emanzipation und waren Ansporn für den politischen Kampf gegen die Kolonialmächte.

Nach dem 2. Weltkrieg
Jedoch erst nach dem 2. Weltkrieg gelang den Freiheitsbewegungen der Durchbruch zur Entkolonialisierung. Maßgebliche Faktoren hierfür waren:

– die neue Konstellation nach der Niederlage Japans, das zuvor die Kolonialmächte USA, Großbritannien und Niederlande aus weiten Teilen Ost- und Südostasiens vertrieben hatte;
– die inzwischen vorhandene Bereitschaft der Kolonialmächte, den Kolonien im Gegenzug für die Beteiligung am Kampf gegen Deutschland und Japan weit gehende Selbstständigkeit einzuräumen;
– die Charta der Vereinten Nationen von 1945, die das nationale Selbstbestimmungsrecht auch der Kolonialvölker festschrieb und die Legitimation weiterer Kolonialherrschaft untergrub;
– die militärische Schwäche und die Kriegsmüdigkeit der Kolonialmächte nach dem 2. Weltkrieg, die die Erfolgsaussichten von Unabhängigkeitskämpfen vergrößerten;
– der Ost-West-Konflikt, in dem Frankreich und Großbritannien die Unabhängigkeit ihrer Kolonien eher hinzunehmen bereit waren, wenn diese sich politisch weiterhin am Westen orientierten; mit dem Ziel ihre weltpolitische Position zu verbessern, unterstützte die Sowjetunion die Unabhängigkeitsbewegungen energisch.

Wege in die Unabhängigkeit
Das Ende der Fremdherrschaft in einem Land wurde von der jeweiligen Kolonialgeschichte ebenso bestimmt wie von der Art und Stärke der Unabhängigkeitsbewegungen und der politischen Situation im Mutterland. Im Bereich der britischen Kolonialherrschaft verlief die Entkolonisierung weitgehend friedlich. Die willkürliche Aufteilung des indischen Subkontinents 1947 löste aber einen Bürgerkrieg und den indisch-pakistanischen Krieg aus. Die Niederlande versuchten vergeblich, Indonesien, das seit 1942 von Japan besetzt gewesen war und das sich 1945 für unabhängig erklärt hatte, mit Gewalt zurückzugewinnen und mussten auf internationalen Druck 1949 die Republik anerkennen. Frankreich kapitulierte 1954 nach einem blutigen Krieg um Indochina (siehe Indochinakrieg), aus dem die Staaten Laos, Kambodscha und Vietnam, geteilt in Nord- und Südvietnam, hervorgingen. Auch die Herrschaft über Algerien verlor Frankreich erst 1962 nach einem achtjährigen Krieg (siehe Algerienkrieg). Zuvor hatte es fast alle Kolonien Schwarzafrikas in die Unabhängigkeit entlassen. Die portugiesischen Kolonien (Angola, Moçambique, Guinea-Bissau, Kapverde) erhielten erst 1974/75 die Unabhängigkeit, nachdem die Diktatur im Mutterland durch die Nelkenrevolution gestürzt worden war.

FOLGEN DES KOLONIALISMUS
Mit der europäischen Kolonialherrschaft hielten die abendländische Zivilisation, der technische Fortschritt und die kapitalistische Wirtschaftsweise Einzug in die überseeischen Kolonialgebiete, die Kolonien fanden Anschluss an den Weltverkehr. Zugleich wurden sie mit neuen Formen der Ausbeutung und Unterdrückung überzogen, traditionelle Sozial- und Stammesordnungen wurden zerstört, die Völker ihrer eigenen kulturellen und politischen Entwicklungsmöglichkeiten beraubt. Dauerhafte ökonomische und ökologische Schäden in vielen Regionen richtete der Raubbau an den natürlichen Ressourcen an. Die weiße Fremdherrschaft war eine der Grundlagen, auf denen in vielen Kolonialgebieten, nachdem sie unabhängig geworden waren, einheimische Potentaten autoritäre Systeme etablieren konnten. Der Kolonialismus legte den Keim für viele kriegerische Konflikte zwischen den und auch innerhalb der neuen Staaten der Dritten Welt, die sich z. B. in Grenzen einrichten mussten, die von den Kolonialmächten ohne Rücksicht auf die sozialen und ethnischen Strukturen der Bevölkerung gezogen worden waren.

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