Kulturverhältnisse

 

Die übrigen Kulturverhältnisse (s. farbige Tafel u. Tafel 195). Trotzdem die Bewohner T.s über den eigentlichen Hackbau nicht hinausgelangt sind, zeigen etliche ihrer Feldbaugeräte doch bereits Anläufe zu höheren Wirtschaftsformen. So bedeutet die Haussahacke (s. Tafel 195 Abb. 2) unzweideutig den Übergang zum Pfluge, denn ein wirkliches Hacken ist mit diesem Gerät kaum noch möglich, wohl aber eine ziehende Fortbewegung in der Richtung des Heftes. Auch die durchbrochene Form der Klinge mit ihrer Folgewirkung der erhöhten Lockerungsfähigkeit für die berührte Erdstelle erinnert bereits an die Pflugschar. Man -kann das Gerät demgemäß bereits als Pflughacke bezeichnen. Auch die Bassarihacke (s. Tafel 195 Abb. 12) weicht recht erheblich von der sonst allgemein gebräuchlichen afrikanischen Feldhacke ab.

Ist deren Blatt fast stets mit Hilfe eines durch das Heft getriebenen konischen Dorns befestigt und daher schwer auswechselbar, so liegt es hier zwischen drei Zapfen, was ein Auswechseln natürlich im höchsten Maß erleichtert. Die kreisrunden Eisenklingen sind deswegen inter1 essant, weil sie, von Bassari aus in großen Massen gewerbsmäßig vertrieben, früher, ganz wie die Jemben von Tabora in Deutsch - Ostafrika, im ganzen Land als Wertmesser galten. - Einen Ausblick auf den Zusammenhang von Religion und Feldkultur gewährt das auf farbiger Tafel Togo Abb. 9 wiedergegebene Zaubermittel: ein gegabelter, profilierter Pfahl, der mit Antilopenkiefern und Fruchtketten behängt ist und den man im südlichen Togo auf die Felder stellt, um diese vor Wildschaden zu bewahren. - Von den Techniken ist die Töpferei allgemein verbreitet; sie wird, wie überall auf niederen Kulturstufen, von der Frau ausgeübt und liefert besonders im Süden des Landes sehr hübsche Erzeugnisse (s. farbige Tafel Togo Abb. 14). Außer den Gefäßen für den Haushalt liefert sie auch solche für Kultuszwecke, wie Opfergefäße oder gar Töpfe, die als zeitweiliger Aufenthaltsort der Geister und Seelen gedacht werden (s. farbige Tafel Togo Abb. 5).

Auch die vor und in den Dörfern Südtogos so außerordentlich häufig vorhandenen, aus Lehm gefertigten Fetischfiguren (s. Tafel 195 Abb. 16) gehören hierher, ebenso wie die verschiedenen Systeme von Feuerherden, von denen die Tafel 195 Abb. 19 - 21 einige Typen aus Mitteltogo wiedergibt. Ebenso allgemein ist die Holzschnitzkunst, doch blüht sie besonders im Voltagebiet. Die beiden Gruppen farbige Tafel Togo Abb. 4, 11, sowie die sehr naturalistisch gehaltene Kostümfigur Abb. 13 ebenda bieten ein paar Belege aus dem küstennahen Gebiet; die Trommeln Abb. 1 u. 12 solche aus den Landschaften Akposso und Adele. Auch der Raubtierkopf der als Blitzableiter dienenden Axt Abb. 7 und der Hahn in Abb. 10 ebenda sind als technische Leistungen ganz bemerkenswert. - An Webstühlen gibt es zwei Formen im Lande: den vertikalen Halb- oder Griffwebstuhl, der nur von Frauen bedient wird und in mühsamer Arbeit sehr breite Stoffe liefert, und den wagerechten Trittwebstuhl, der von Männern bedient wird und nur handbreite Stoffstreifen zu fertigen gestattet. Jener ist zweifellos die ältere, dieser die jüngere Form.

In der Tracht tritt der Unterschied in der Weise zutage, daß den breitliegenden Stoffen des Griffwebstuhls die Tobe des südlichen Togo entspricht, während die schmalen Stoffe des Trittwebstuhls zwar eine wirkliche Schneiderarbeit bedingen, dafür aber auch sehr stoffreiche Gewänder liefern. Die bekannte, stets sehr reich bestickte Haussatobe (s. farbige Tafel Togo Abb. 3) mit dem dazu gehörigen, ungeheuer weiten Beinkleid sind. die am meisten in die Augen fallenden Symbole dieses Stoffreichtums. Nach Webetechnik und Färbung stehen viele der in Togo und seiner Nachbarschaft gefertigten Baumwoll- und Wollstoffe auf einer nicht geringen Stufe (s. farbige Tafel Togo Abb. 2 u. 3), trotzdem der Faden oft grob und ungleich ist. Wie der Trittwebstuhl sind auch die höheren Bearbeitungsmethoden der Tierfelle sicher neu und eingeführt, wohl mit Sicherheit vom Norden her. Am höchsten stehen i n dieser Beziehung die Haussa, deren Lederarbeiten denen der Mandingo im Westen kaum nachstehen (s. farbige Tafel Togo Abb. 8 u. Tafel 195 Abb. 17). -

Die Metalltechnik ist gegenwärtig auf bestimmte Gegenden der Landesmitte, Bassari, Banjeli, Santrokofi, Akpafu usw. beschränkt. Das Gebläse hat im allgemeinen die Form des Gefäßblasebalgs (s. Tafel 195 Abb. 10); als Hammer und Amboß benutzen die Bassarileute zum Schmieden noch heute sehr schwere Steine (s. Abb. 6 ebenda). Erzeugnis ist alles zum Wirtschaftsbetrieb Notwendige, also Hackenklingen (s. Abb. 2 u. 12), Axtklingen (s. Abb. 5), Dolche (Abb. 4), Messer (s. farbige Tafel Togo Abb. 16) und Armschienen (s. Tafel 195 Abb. 7), Speer- und Pfeilspitzen usw. Gold- und Silberschmiedekunst sind besonders an der Küste hoch entwickelt. - Unter den Waffen nehmen gerade die der entlegensten Gegenden, nämlich des Gebirgslandes von Kabure und seiner Nachbarschaft, das meiste Interesse in Anspruch. Der von den Wute (s. d.) her bekannte Spanndolch mit seinem hohlen Griff ist auch hier zuhause. An altägyptische Formen erinnert die Barte (s. Tafel 195 Abb. 5); an nordindische die, Armschiene Abb. 7. Vielleicht ist auch die Form der kauribesetzten Tanz- und Kriegshelme Abb. 8 von außen her beeinflußt; sicher sind es das gerade Haussaschwert (s. farbige Tafel Togo Abb. 16) und der Munitionsgürtel (s. Tafel 195 Abb. 17). Das Gewehr ist selbstverständlich eine moderne Errungenschaft. Dem wüsten Zauber- und Fetischglauben seiner Besitzer entsprechend, wird es gern mit Dutzenden von Jagdzaubermitteln in Gestalt von Tierschwänzen, Tierkrallen, Kaurischnecken u. dgl. behängt (s. Tafel 195 Abb. 1). -

Unter den Musik- und Lärminstrumenten ist auch hier die Trommel am weitesten verbreitet. Sie ist aus Holz, Leder und Ton gefertigt und schwankt in ihren Abmessungen zwischen den mannshohen Staats- und Kriegstrommeln von Akposso, Kunja und Adele (s. farbige Tafel Togo Abb. 1 u. 12) und dem unter dem Arm getragenen Instrument von der Form einer Sanduhr bei den Ewe. Trommeln mit Besatz von Menschenschädeln und -knochen (s. farbige Tafel Togo Abb. 12 und Tafel 195 Abb. 14) sind auf den Südwesten des Landes beschränkt; sie sind rein äußerlich Trophäenträger, indem die Skeletteile von erschlagenen Feinden stammen, bergen aber sonst sicherlich präanimistische und manistische Züge. Ohne die Absicht einer bestimmten Wirkung auf die Außenstehenden wird man sie keinesfalls an diesen Instrumenten befestigt haben. Auch die Kiefer an den Trompeten (s. Tafel 125 Abb. 11) deuten auf dieselbe Richtung. -Haussaarbeit ist die merkwürdige, aus Pflanzenstengeln gefertigte Zither (s. Tafel 195 Abb. 13); Einfuhr der Kru die Harfe (Abb. 3 ebenda). Die Kürbisrassel mit Behang von Schlangenwirbeln oder Samenkörnern bestimmter Pflanzen (Abb. 9 ebenda) wird als Lärminstrument bei Fetischtänzen gebraucht. -

Die religiösen Anschauungen sind bisher nur bei den Ewe genauer erforscht worden; im ganzen Norden ist man über das bloße Sammeln von Kultattributen noch kaum hinausgekommen. Der Befund bei den Ewe geht, wie fast immer bei den Naturvölkern, dahin, daß sich über den präanimistischen Zauberglauben eine vielgestaltige Schicht von Animismus, Manismus und Animalismus gelagert hat, mit der Endwirkung, daß es heute recht schwer, wenn nicht unmöglich ist, diese so verschiedenartigen Elemente noch scharf auseinanderzuhalten. Rein äußerlich unterscheidet Spieth, dem wir die umfangreichsten Studien auf diesem Gebiet zu verdanken haben, Himmels-, Erden- und persönliche Schutzgötter. Himmelsgötter sind Dawu, Sogble, Sodza und Sowlui; die Erdengötter (trowo) zerfallen in altüberkommene Stammes- oder Erbgötter und von außen, namentlich von Aschanti und Dahomé herübergekommene Wandergötter. Jene wohnen in der Natur, in Bäumen, Steinen, Quellen usw., diese in Kunstgegenständen irgendwelcher Art, besonders in Hütten und unter Schutzdächern. Die persönlichen Schutzgötter endlich wohnen in Amedzowe, der Seelenheimat der Ewe. - Alle diese Gottheiten werden durch Darbringung von Opfern verehrt, meist Tieren (Schafen, Hühnern) und Feldfrüchten. Auch kleine Lehmfiguren (s. Tafel 195 Abb. 16) bringt man ihnen als Weihegaben dar. Nebenher opfert man auch den Ahnen, und schließlich zaubert man mit Hilfe von tierischen Körperteilen, Holzstückchen u. dgl. mehr so außerordentlich stark, daß das Gegenmittel des Ordals oder Gottesurteils in Togo stärker im Schwange ist als anderswo in Afrika. Einen guten Einblick in die Vorstellungen der Ewe über das Seelenleben gewährt der Fetisch (s. farbige Tafel Togo Abb. 6).

Die Eingeborenen der Landschaften Kratschi und Ntschumuru verehren die menschliche Seele und bringen ihr Opfer dar. Jedermann hat zwei Seelen: Okra und Kanakra (diese im Himmel). Wird in der Familie jemand krank, stirbt ein Kind, geht der Handel schlecht oder kommt ein Unglück, so geht man zum Fetischpriester oder zur Priesterin und fragt nach der Ursache. Diese ziehen gewöhnlich den Fetisch Odente (s. unten) zu Rate, der dann zur Antwort gibt, ihre Okra oder Kanakra, oder beide zusammen hätten das Übel verursacht und verlangten ein Opfer. Die Leute lassen sich nun von einer Fetischpriesterin Figuren aus Lehm von der Art der auf der farbigen Tafel Togo Abb. 5 wiedergegebenen formen und stellen diese in ihrer Hütte auf einer etwa 20 cm hohen Lehmstufe an der Wand auf. Jede der Figuren wird mit einem Lehmdeckel versehen. Gewöhnlich sieht man 3 Figuren: die Okra des Mannes, die Okra der Frau, die Kanakra der beiden. Je und je, aber im allgemeinen recht selten, findet man auch nur eine Figur in den Hütten, die Okra oder Kanakra. -

Die Leute müssen nun ein Huhn oder Schal schlachten. Das Blut der Tiere wird auf die Lehmfiguren gesprengt. Hierauf werden einige Haare oder Federn in das Blut getaucht und auf den Figuren festgedrückt, auf deilen sie dann kleben bleiben. Durch diese Opfer soll das Übel beseitigt werden resp. nicht wiederkehren; z. B. wenn ein Kind gestorben ist, will man hierdurch den Tod eines andern verhindern. Nachdem das Opfer dargebracht ist, wird das Fleisch des Opfertieres von den Hausgenossen gekocht und gegessen. Stirbt der Mann, so wird seine Okra in den Busch geworfen, gewöhnlich in der Nähe des großen Fetisches Odente, der bei jedem Dorfeingang steht. Beim Todesfall der Frau geschieht mit deren Okra dasselbe. Sterben beide, so werden die beiden Okra und die Kanakra in den Busch geworfen. - Ein paar Belege für den Glauben an die Beseeltheit der Natur gewahren wir an der Hand der farbigen Tafel Togo Abb. 7 u. Tafel 195 Abb. 18.

Die letztere stellt in der unteren Figur eine der zahlreichen geschliffenen Steinbeilklingen dar, die man im Ewegebiet gefunden hat. Die Leute nennen sie, ganz wie wir auch, Donnerkeil, sie bewahren sie in ihren Hütten im Dachstroh und schreiben ihnen schützende Eigenschaften gegen Blitzschlag zu. Auch als Heilmittel gelten sie, indem man kranken Kindern Pulver vom Stein in den Heiltrank tut und diesen zu trinken gibt. Das seltsam gestaltete Beil (s. farbige Tafel Togo Abb. 7) gilt seltsamerweise ebenfalls als Blitzableiter; man befestigt es in hohen Bäumen ganz in der Nähe des Hauses und vertraut seiner Wirkung. Vielleicht ist der Hergang so zu erklären, daß man ursprünglich die Steinbeile als Blitzableiter ansah, daß man aber den Glauben auch beibehielt, als an die Stelle des Steins die Eisenklinge trat. - Hinweise auf den Ahnenkult gewähren die Abb. 12 der farbigen Tafel Togo und Abb. 11 u. 14 der Tafel 195. Mit den Schädeln der Feinde besitzt man das Verfügungsrecht auch über ihre Seelen; gleichzeitig verhindert man durch Beiseiteschaffung der Unterkiefer den Welten- und Menschenschöpfer an der Erschaffung neuer Feinde. -

In das weite und wirre Gebiet des Schaden- und Abwehrzaubers begeben wir uns mit den Abb. 2, 9, 15 der farbigen Tafel Togo und Abb. 1 Tafel 195. Die Koranamulette des Kriegsrocks sollen nichts anderes als den Träger im Gefecht schützen; der Feldfetisch (s. farbige Tafel Togo Abb. 9) durch die Macht der Tierkiefer die gleichen Tiere fernhalten; der Jagdfetisch (s. farbige Tafel Togo Abb. 15) in umgekehrter Denkweise durch seine Schädel die gleichen Tiere herbeizaubern. In beiden Fällen handelt es sich um ausgesprochenen Analogiezauber. Naheliegenderweise auch bei der zauberbewehrten Flinte. Unter den eingewanderten Fetischen sind Odente und Jewe die bedeutendsten und einflußreichsten. Odentes Symbol ist ein 2 m hoher, blutbeschmierter Erdkegel. Über Jewe s. Jeweorden. Der Gott Nayo besteht in einem kleinen Holzschemel von der allgemein gebräuchlichen Form, auf dem zwei an ihrem einen Ende zusammengebundene Stäbe liegen (s. Tafel 195 Abb. 15). Er ist der Hauptfetisch der Adele und hatte früher seinen Sitz in Pereu, westlich Bismarckburg. Fofie (s. farbige Tafel Togo Abb. 6) stammt aus Djaki bei Kumase an der Goldküste. Vor mehr als 100 Jahren ist er in die Gegend von Kete - Kratschi gebracht worden. Dort hat er bis in die Neuzeit vielen Leuten in allen möglichen 1 Verlegenheiten geholfen. Besonders Frauen, die unfruchtbar waren oder denen die Kinder früh starben, wandten sich an ihn um Hilfe. Er entschied, ob man Krieg führen solle oder nicht, und wußte, ob man siegen oder unterliegen werde.

Packt man so einen Fetisch aus seiner Umhüllung heraus, so erstaunt man über die Unzahl seiner Teile. Fofie z. B. besteht aus 8 Personen, die je durch verschiedene Gefäße, Tonklumpen, Kürbisschalen u. dgl. wiedergegeben sind; dazu treten Dutzende von Amuletten in Gestalt von Wedeln, Schnüren usw., Löffel, Armbänder, Halsketten, Schwerter, Glocken, Rasseln, Lampen, Körbe, Becher, Schemel usw., die alle beim Nayokult verwendet werden (s. Antze, Fetische und Zaubermittel aus Togo, Jahrb. des Mus. f. Völkerkunde zu Leipzig, Bd. 2, 1907, Lpz. 1908). -Nach Osten, nach Joruba, deuten die Opferschale (s. farbige Tafel Togo Abb. 10) und der Afa - Fetisch (s. Tafel 195 Abb. 16). Beide gehören zu dem alten Ifakult jenes Landes, jene sicher als Aufbewahrungsort für die Wahrsagesteine, dieser als ins Ewe umgemodelte, nicht mehr erkennbare Figur. -Der schön geformte rote Tontopf endlich mit seinen Aufbauten und Nebengefäßen (s. farbige Tafel Togo Abb. 14) zielt in das Gebiet des westafrikanischen Tierkults.

Schlangen sind plastisch auf seinem Deckel angebracht; zum Schlangenkult des alten Togo dürfte er also wohl in irgendwelcher Beziehung stehen. - Noch nicht erklärter Art sind schließlich die sog. So - Steine (s. Tafel 195 Abb. 18). Es sind Quarzitscheiben von etwa Talergröße mit einem feinen Loch in der Mitte, die, ganz wie die neolithischen Steinbeilklingen, durch starke Regen aus dem Boden herausgewaschen werden. Man hat sie als Netzsenker angesehen; H. Schurtz sieht in ihnen Trittbretter für den wagerechten Trittwebstuhl; andere halten sie für ein altes Kultgerät.

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