Lage und Grenzen

1. Lage und Grenzen.

D.-O. liegt ganz innerhalb der natürlichen Grenzen des geographischen Begriffs Ostafrika (s. d.). Über mehr als 4000 km erstreckt sich Ostafrika von Norden nach Süden, und das in einem von Westen nach Osten im Durchschnitt 1000 km breiten Streifen. Etwa ein Viertel dieses Gebietes in seiner vollen ostwestlichen Erstreckung nimmt D.-O. ein, vom Kongobecken zum Indischen Ozean reichend. Der Ozean greift zwischen Massaua und Mozambique nirgends so weit nach W ins Land vor wie bei Sadani (s. d.) in D.-O. Die äußersten Punkte von D.-O. liegen im W am Russisi (s. d.) unter 28° 38' 5" ö. L. v. Gr., im S im Rowuma (s. d.) etwa 49' 7'', im O beim Kap Delgado unter 40° bei 11° 47', im N unter 0° 59' 2'' s. Br. auf einer kleinen Halbinsel an der Westküste des Victoriasees; sonst reicht hier D-.O. nur bis auf 1° s. Br. nach Norden. -

Die Lage am Rand einer großen geschlossenen Landmasse, die in diesen Breiten von Osten her trotz des Mangels an größeren Küstenebenen und weit hinein schiffbaren Flüssen noch am wenigsten schwer zugänglich ist, hat diese mittleren Teile Ostafrikas besonders nahe mit dem Indischen Ozean verknüpft. Dazu trägt auch bei, daß heute die nordwärts angrenzende Somalihalbinsel und ihr südwestliches Hinterland eine fast wüstenartige Sperre nach dem Golf von Aden und dem Roten Meer hin bildet. Und ebenso bedingt die vorherrschende östliche Windrichtung eine Reihe besonders enger Beziehungen zwischen Ozean und Land. Sie zeigen sich in der Menge, ebenso in der Verteilung der Niederschläge über das Jahr, weiter in uralten Einwanderungen einzelner Elemente der Flora, vielen ethnischen und kulturellen Einflüssen in der Richtung der Handelswege. So dauerte es lange, bis die von Europa ausstrahlende Anziehungskraft den mächtigen Einfluß des Nächstliegenden wenigstens vorläufig besiegte. D.-O. ist unsere größte Kolonie. Die neueste amtliche Angabe der Fläche: 997 000 qkm, einschließlich unserer Anteile am Kiwu, Tanganjika und Victoriasee, dürfte sich, auch auf Grund eingehenderer Aufnahmen, nicht mehr erheblich ändern. Denn durch viele Grenzexpeditionen liegt fast die gesamte Binnengrenze des Landes ziemlich genau fest, am wenigsten noch das Land am Rowuma, von dessen Knie bis zu einer Stelle 50 km oberhalb der Mündung, sowie die Küsten des Tanganjika.

Die Gestade des Indischen Ozeans sind durch Küstenvermessung meist auch in den Einzelheiten genau aufgenommen. Von diesem leidlich gut bekannten Rahmen werden freilich noch viele Landesteile umschlossen, deren topographisches Bild kaum in groben Zügen bekannt ist. Abgesehen von einem manchmal bis 50 km breiten Streifen längs der mit einem Dreiecksnetz bedeckten Grenzen sind eigentlich bisher nur Ost- und Westusambara, ihr südliches Vorland bis über den Pangani hinaus, ganz schmale Zonen längs der Eisenbahnen, die Umgebung einiger größerer Orte, sowie einige wenige Pflanzungsareale nach heimischen Begriffen genau aufgenommen. Im übrigen ist das topographische Bild auch dieser Kolonie durch Routenaufnahmen (s. d.), die nur zum kleinsten Teil durch Dreiecksmessungen und astronomische Beobachtungen gefestigt sind, gewonnen worden. Trotzdem sind die hiernach bearbeiteten, meist amtlichen Karten von ganz D.-O. in 1:300000, 1:1 Mill., 1:2 Mill. und 1:6 Mill. sehr wertvoll und brauchbar. In den Artikeln dieses Lexikons über die einzelnen Landschaften D.-O.s und seine Verwaltungsbezirke finden sich zahlreiche neue Flächenangaben. Die Messungen sind auf den gesamten Karten, hauptsächlich auf der in 1:1 Mill. meist mit Polarplanimeter ausgeführt worden. Mögen sie auch oft nur rohe Annäherungen an die wirklichen Flächen bedeuten, so sind sie doch reinen Schätzungen vorzuziehen. Die politischen Grenzen von D.-O. fallen - im Gegensatz zu denen unserer meisten anderen Kolonien - in bedeutender Ausdehnung mit natürlichen zusammen. Das gilt besonders für die Grenze längs der im zentralafrikanischen Graben gelegenen Seebecken. Hier haben wir manche der Vorteile, die sonst die Abgrenzung durch ein Meer bietet. Bemerkenswert ist es, daß z. B. der Verkehr der deutschen Küstengebiete am Tanganjika sich so gut wie ausschließlich auf dem Wasserweg abspielt, ähnlich wie längs dem Indischen Ozean.

Die politische Grenzlinie verläuft in der Mitte des Tanganjika; für den Kiwusee besteht seit dem Abkommen zwischen Belgien und dem Deutschen Reich vom 2. Aug. 1910 eine ähnliche Abgrenzung, wenn auch dort leider die in der Mitte des Sees gelegene große Insel Idschwi entgegen den früheren faktischen Besitzverhältnissen Belgien zuerkannt wurde. Nur am Njassa verläuft die Grenze unmittelbar am östlichen, deutschen Ufer. Ein Fluß ist an und für sich keine gute natürliche Grenze. Wenn der Rowamalauf trotzdem eine leidliche geographische Abgrenzung gegen Süden hin bedeutet, so liegt das kaum daran, daß er Hochflächen im Norden von solchen im Süden trennt und nur auf geringe Erstreckung hin schiffbar ist. Aber in wenig kultivierten Gegenden wirkt ein Fluß leichter als Grenze, und hier kommen andere menschliche Einflüsse hinzu. Eine scharfe Grenze ist der Rowuma erst dadurch geworden, daß nördlich von ihm Zucht und Ordnung, südlich äußerst verworrene Zustände (s. Rowuma) herrschen.

Westlich vom oben erwähnten Rowumaknie geht die Grenze ziemlich geradlinig ostwestlich zum Njassa herüber; gleichartig verläuft sie südlich der untersten 50 km des Rowumalaufs. - Die Nordgrenze von D.-O. ist bisher nur zum kleineren Teil endgültig vertraglich festgelegt. Bis zum Gipfel des Vulkans Sabinjo reicht vom Kiwu her die endgültig vereinbarte deutsch-belgische Grenze. Von hier ist bis zum Indischen Ozean England unser Nachbar. Aber nur die Grenze vom Meer bis zum Kilimandscharo ist bisher völlig gesichert, im übrigen sind nur Verträge veröffentlicht, die den Grenzverlauf in großen Zügen bestimmend noch kleinere Änderung erfahren dürften. Quer durch den Victoriasee und ein großes Stück über ihn nach Westen hinaus bildet im wesentlichen der erste Parallel s. Br. die Grenze. Vom Ostufer des Sees verläuft sie geradlinig bis zu einem am Nordfuß des Kilimandscharo vertragsmäßig festgelegten Punkte. Der genannte Berg ist deutsch; südöstlich von ihm fällt das Gebiet von Taveta auf die britische Seite. Zwischen dem Djipesee (s. d.) und dem Indischen Ozean erstreckt sich ein weiteres gerades Grenzstück.

Dieser Verlauf, besonders zwischen dem Victoriasee und dem Meer ist gelegentlich als sehr unnatürlich und unhaltbar bezeichnet worden. Bei näherer Betrachtung erscheint er nicht so ungeeignet. Das Gebiet der Umbasteppe, zwischen Meer und Kilimandscharo kann ebenso wie das zwischen diesem Berg und dem Nordende des großen Natronsees, des Magad, als eine Grenzwildnis angesehen werden, die vermutlich stets geringen Wert besitzen wird. Etwas aussichtsvoller für die Kultur erscheint das Gebiet zwischen Magad und Victoriasee. Dort wäre eine natürlichere Abgrenzung wünschenswert. - Daß von den der Meeresküste vorgelagerten drei größeren Inseln nur die kleinste, Mafia, zu D.-O. gehört, die beiden anderen, Sansibar und Pemba, britisches "Zanzibar Protectorate" durch den Sansibarvertrag (s. d.) verblieben, mußte als eine unnatürliche und wirtschaftlich sehr ungünstige Abgrenzung bezeichnet werden. Immerhin wird die Gunst der beherrschenden Schwellenlage Sansibars (s. d.) etwas gemindert durch den für die Großschiffahrt wenig geeigneten Hafen. Die energische wirtschaftliche Entwicklung von D.-O., insbesondere der Bau von Bahnen, hat dazu geführt, daß der wirtschaftliche Einfluß Sansibars auf die Küste immer mehr zurückgeht (vgl. Daressalam).