Umstrittene Ölleitung in Betrieb

    Zwischen Tschad und Kamerun / Unterstützung durch die Weltbank

    tos. ABIDJAN, 10. Oktober. Am Freitag ist die 1070 Kilometer lange Pipeline von den tschadischen Ölfeldern bei Doba zur kamerunischen Atlantikküste offiziell in Betrieb genommen worden. Der Probebetrieb war schon vor drei Monaten erfolgreich absolviert und eine erste Ladung von 950 000 Faß im kamerunischen Hafen Kribi verladen worden. Es ist eines der größten Investitionsprojekte der vergangenen Jahre in Afrika und mit Sicherheit das umstrittenste.

    3,7 Milliarden Dollar haben die drei Ölkonzerne aus den Vereinigten Staaten und Malaysia, Exxon-Mobil, Chevron und Petronas, zusammen mit der Weltbank aufgebracht, um die Fördereinrichtungen in Komé und die Ölleitung fertigzustellen. Die Erschließung der Ölfelder in Tschad gilt als Test dafür, ob es gelingt, Armut durch Zusammenarbeit mit Großkonzernen zu v Ölleitung von Doba zum Hafen Kribierringern. Auf 900 Millionen Faß werden die Reserven in Tschad geschätzt. Das reicht für eine 25 Jahre dauernde Ausbeute bei einer täglichen Fördermenge von mehr als 200 000 Faß. Tschad soll nach diesen Berechnungen jährlich zwei Milliarden Dollar Einnahmen erzielen, in erster Linie durch seine fünfprozentige Beteiligung an der Vermarktungs- gesellschaft. Kamerun wiederum, das nur als Transitland eine Rolle spielt, soll 500 Millionen Dollar jährlich erhalten. Die Weltbank erwartet, daß mit den Öleinnahmen das Pro-Kopf-Einkommen in Tschad von derzeit 250 Dollar auf 550 Dollar gesteigert werden kann. Zudem verabschiedete das Parlament in N'Djaména nach ausländischem Druck ein Gesetz, wonach 80 Prozent der Einnahmen für Gesundheit, dörfliche Entwicklung und Bildung verwendet werden müssen. Auch dabei gibt sich die Weltbank zuversichtlich, die Kontrolle behalten zu können. Zunächst sollen die tschadischen Einnahmen auf ein Sperrkonto in London eingezahlt werden, um ihre Verwendung besser kontrollieren zu können.

    Der tschadische Präsident Idriss Déby beteuerte am Freitag, das Geld werde der Entwicklung des gesamten Landes zugute kommen. Allerdings hatte Déby vor drei Jahren eine erste Abschlagzahlung der Ölkonzerne über vier Millionen Dollar entgegen seinen Versprechungen umgehend in Waffen investiert, um gegen die Rebellen im nordtschadischen Tibesti vorgehen zu können.

    Unter dem mittlerweile im senegalesischen Exil lebenden ehemaligen Präsidenten Hisséne Habré war Déby zunächst Chef der Armee und damit Handlanger der zahlreichen Massaker vor allem an Zivilisten im Süden. 1990 stürzte Déby mit sudanesischer Unterstützung und französischem Wohlwollen Habré, umgab sich nahezu ausschließlich mit Mitgliedern seiner Ethnie Zaghawa und regiert ansonsten mit eiserner Faust. In der ausschließlich aus Mitgliedern seiner Ethnie rekrutierten persönlichen Leibwache Débys, die 1200 Mann umfaßt, werden zehnmal höhere Gehälter gezahlt als im Rest der Armee. Im Mai 2001 ließ sich Déby mit nahezu 68 Prozent der Stimmen wiederwählen. Das Ergebnis überrascht um so weniger, als seine Anhänger mit einer halben Million gefälschter Wählerstimmen nachgeholfen hatten. Angeblich will Déby nach Ablauf seiner zweiten Amtsperiode 2006 gemäß der Verfassung nicht mehr kandidieren. Eine Verfassungsänderung, die ihm eine dritte Amtszeit ermöglichen würde, hatte er öffentlich ausgeschlossen. Kritiker aber argumentieren, daß die Öleinnahmen erst von 2005 an richtig fließen werden und Déby jetzt schon massivem Druck seines Clans ausgesetzt sei, die Verfassung zu ändern.

    In den Süden Tschads, wo Déby am Freitag die Ölförderanlagen eröffnete und wo beim „Schwarzen September" 1984 mehrere tausend Zivilisten von Soldaten massakriert worden waren, sollen nach Willen der Weltbank fünf Prozent der Öleinnahmen zurückfließen. Die Provinzhauptstadt Doba indes verfügt nicht einmal über Elektrizität.

    FAZ, 11. Oktober 2003

     

Umstrittene Pipeline
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