Sansibar

Sansibar - tropische Insel vor der Küste Ostafrikas. Schiffe aus aller Welt ankerten bis ins 19. Jahrhundert in der weiten Bucht der gleichnamigen Inselhauptstadt. Elfenbein, Sklaven und Gewürze aus Schwarzafrika wurden hier umgeschlagen, asiatischer und arabischer Fernhandel nutzte den Hafen als Zwischenstop - Sansibar entwickelte sich zu einem bedeutenden Knotenpunkt im Indischen Ozeanhandel. Indische und arabische Händler ließen sich hier nieder und kontrollierten die Geschäfte.

Sansibar zog nicht nur viele Seeleute, Kaufleute und Handwerker aus Übersee an, auch Sultan Said verlegte 1840 seinen Regierungssitz von Muscat im heutigen Oman in die ostafrikanische Küstenstadt. Sansibar wird zur Insel der Gewürznelken-Plantagen. Die Gewinne aus Gewürzexporten und Sklavenhandel machen aus der Altstadt, in der bis dahin Hütten und Holzhäuser vorherrschen, eine prachtvolle Stonetown. Sein Nachfolger Sultan Barghash lässt an der Uferpromenade Sansibars das modernste Gebäude Ostafrikas errichten, mit Strom und einem elektrisch betriebenen Fahrstuhl.

Die Blütezeit Sansibars ist längst vorbei, die Herrschaft der Sultane und der britischen Kolonialherren 1964 durch eine sozialistische Regierung abgelöst.

Die Architektur der Altstadt Stonetown reflektiert bis heute diese Synthese aus arabischen, indischen und schwarzafrikanischen Einflüssen, ist multikulturell wie ihre Bewohner. Moscheen, Kirchen und Hindu-Tempel, afrikanische Märkte, Kolonialbauten und britische Handelshäuser, ein omanisches Fort und geschnitzte Holztüren, all das macht die Suaheli-Kultur Sansibars aus.

Daten und Fakten

Kulturdenkmal: Die Stone Town ist ein herausragendes Beispiel für die Konflikte, das harmonische Zusammenleben und die Verschmelzung von afrikanischen, arabischen und indischen Kulturen über Jahrhunderte

Unesco-Ernennung: 2000

2500 - 1200 v.Chr.
Handel mit dem pharaonischen Ägypten

6. Jh. v. Chr.

Phönizier umsegeln laut ägyptischen Quellen Afrika

1.Jh.
Ansiedelung der Bantu-Stämme; archäologische Spuren sabäischer Besucher

2. Jh.

Erste Erwähnung Sansibars: ein griechische Kaufmann aus Alexandria in Ägypten beschreibt in seinem Handbuch „Periplus Maris Erythraei“ die Ansiedlung arabischer Händler an der afrikanischen Ostküste

700 - 900
Arabische, persische und indonesische Zuwanderer besiedeln die afrikanische Ostküste und Sansibar

1107
Bau der Mosche von Kizimkazi, dem ältesten islamische Gebäude Ostafrikas

1503
Portugiesen erobern Sansibar und gründen einen Handelsposten

1698
Das Sultanat Oman erobert Sansibar und vertreibt die Portugiesen

1811
Eröffnung des zentralen Sklavenmarktes für Ostafrika durch Sultan Said

1840
Sultan Said verlegt seine Hauptstadt von Oman nach Sansibar

1873/1889
Schließung des Sklavenmarktes / Verbot der Sklaverei

1890
Sansibar wird englisches Protektorat

1963
Großbritannien entlässt Sansibar als konstitutionelle Monarchie in die Unabhängigkeit

12. Januar 1964
Revolution der afrikanischen Mehrheit, die arabischen und indischen Bürger fliehen

24. April 1964
Zusammenschluss von Tanganjika und Sansibar zu Republik Tansania, Sansibar behält autonomen Status

1996
erste Mehrparteienwahl

Ein Name der Sehnsucht weckt, Fernweh, der an die Abenteuer Sindbads des Seefahrers erinnert, Geschichten verspricht von unermesslichem Reichtum, Handelsgefeilsche und Sultanspracht, von Revolten und Intrigen - Sansibar. Dezember 1840: eine ganze Flotte großer Dhausegler läuft auf Sansibar zu, Schiffe voller Hausrat und allem, was ein prunkvoller Herrscherhof so braucht. Sultan Said zieht um - aus seinem Palast im Oman, über 2.000 Seemeilen weiter nördlich, in seine neu gewählte Residenz: Sansibar. Ihn locken die rasch steigenden Gewinne des Handelsstützpunktes. Von Sansibar aus wird Sultan Said weite Teile der ostafrikanischen Küste und die Handelswege ins Innere Afrikas kontrollieren.

Unter Sultan Said wird Sansibar einer der wichtigsten Warenumschlagplätze des Indischen Ozeans. Und die Altstadt, die Stonetown, verändert ihr Gesicht. Steinhäuser verdrängen mit Stroh gedeckte Lehmhütten. In der weiten Hafenbucht ankern arabische und afrikanische Dhaus, englische Klipper, französische und amerikanische Handelsschoner, große Segler aus Indien. Sie füllen ihre Stauräume mit Elfenbein und Gewürzen - oder auch mit Sklaven aus dem Inneren Afrikas. Und sie bringen Tuche, Reis, Schießpulver und vieles mehr in die Handelsdrehscheibe Ostafrikas. Als Sultan Said seinen Herrschaftssitz nach Sansibar verlegt, leben hier bereits 5000 Araber, vor allem Kaufleute. Die Handelsstadt ist seit über hundert Jahren in omanischer Hand. Das alte Fort: Es wurde 1710 errichtet, nachdem es den Arabern gelungen war, die Portugiesen von einem großen Teil der ostafrikanischen Küste zu vertreiben.

Noch ganz arabisch - ein ambulanter Kaffeeverkäufer. Man trifft sich, wie schon ehedem, auf den barazas, den steinernen Bänken vor den Häusern oder an den größeren Wegkreuzungen der einzelnen Viertel. Sokumhogo ist der belebteste Treffpunkt im Herzen der Altstadt. Ali Hassan, der Kaffeeverkäufer, zieht seit Jahrzehnten mit seiner alten, holzkohle-beheizten Kanne durch die Stadt. Er ist etwa 70, genau weiß er es selbst nicht, stammt aus dem Jemen und kam in jungen Jahren mit seinem Bruder, einem Händler, nach Sansibar. Andere kommen von den weiter südlich gelegenen Komoren, wieder andere sind Festland-Afrikaner, und auch eine große Kolonie Inder ist schon lange in Sansibar ansässig.

Viele hier bezeichnen sich als Swahili, jene alteingesessenen Insel- und Küstenbewohner, bei denen sich schon vor Jahrhunderten afrikanische, persische und arabische Einflüsse mischten. Die meisten sind Muslime, und so finden sich in der Stadt 48 Moscheen mit ihren Minaretten. Aber auch Christen und Hindus haben ihre Gotteshäuser, ihre Stupas, ihre Tempel. Diese ganz eigenartige Mischung verschiedenster Hautfarben, Kulturen und Religionen macht die Faszination Sansibars aus. Die Minara-Moschee, die älteste der Stadt. Das Minarett ist konisch, eine seltene Form. Von außen und innen wirken die meisten Moscheen schlicht, fast schmucklos. Der Gebetsraum ist breit, ermöglicht ein Nebeneinander. Sansibar war stets eine Hochburg der Ibadhiten, eine muslimische Sekte, die die Einfachheit, Gleichheit und Brüderlichkeit aller Gläubigen betont. Viele Kaufleute sind Ibadhiten.

Von außen sind die Moscheen nur erkennbar an der Ausbuchtung des Mihrab, der Gebetsnische. Sie fügen sich fast unmerklich ein ins Gesamtbild der AltstadtEin typisch arabisches Händlerhaus, ebenfalls weitgehend schmucklos, eigentlich weiß, doch vom Monsun gegerbt. Im Erdgeschoss die Waren, im obersten Geschoss, fast fensterlos, die Frauengemächer. Die Architektur gibt sich bescheiden, ein muslimischer Kaufmann zeigt seinen Reichtum nicht. Auch die ehemaligen Karawansereien, die Herbergen für Händler aus aller Welt, sind nach außen abgeschlossen. Das Leben ist ganz nach innen orientiert. Heute ist diese alte arabische Karawanserei Zufluchtsort für ledige Frauen mit ihren Kindern. Nur die Portale der arabischen Häuser sind aufwendig gestaltet - sie sollen zeigen, dass hier kein armer Mann wohnt. Die prachtvoll geschnitzten Türen haben die Häuser der wohlhabenden Araber gemeinsam mit denen der Swahili und der Inder. Sie sind, bei allen sonstigen kulturellen und stilistischen Unterschieden, ein gemeinsames Statussymbol, kulturüber-greifend, typisch für die Stonetown von Sansibar. 560 geschnitzte Türen sind noch erhalten, die ältesten aus dem 17. Jahrhundert. Besonders prunkvoll gestaltete Türen zieren die ehemaligen Häuser der Sultans-Familie und den Palast, erkennbar an den Wappentieren. Sultan Said lässt seinen Palast in bester Lage erbauen, direkt an der Uferpromenade.

Hier zieht er 1840 mit seinem ganzen Hofstaat ein, 3 Frauen, 75 Konkubinen, etlichen Söhnen und Töchtern. Sultan Said gilt als Haudegen, der selbst in jedes Gefecht geht. Er humpelt leicht, in jungen Jahren traf ihn eine Kugel in die Hüfte. Er gilt als weltoffen, spricht Arabisch, Swahili, Persisch und Hindi. Die Baraza des Sultanspalastes, der Audienzsaal. Sultan Said redet mit allen fast wie mit Gleichgestellten. Sogar ehemalige Sklaven lässt er in höchste Ämter aufsteigen. Doch der Lebensstil in seinem Palast ist aufwendig, Sultan Said hält orientalisch Hof.
Gut gefüllt sind seine Waren- und Vorratslager - und auch sein Harem - ein eigenes Gebäude inmitten eines Gartens. "Meine Einkünfte im Oman sind sehr bescheiden und meine Ausgaben sehr groß...," begründet der Sultan seinen Entschluss, nach Sansibar umzuziehen. Er will sich im Fernhandel sanieren und umgibt sich mit indischen Großhändlern, deren Handelsbeziehungen bis nach China und weiter reichen. Er gewährt Hindus die gleichen Privilegien wie Muslimen und Religionsfreiheit - mit einem eigenen Tempel inmitten der Stonetown. Noch heute betreiben Inder ihre Verkaufsstände auf dem Markt von Sansibar, Läden und Wechselstuben in den Gassen der Altstadt. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts kontrollieren sie große Teile des Fernhandels. Vor allem die unersättliche Nachfrage nach Elfenbein und Gewürzen in Europa, den USA und Indien beschert ihnen hier glänzende Geschäfte. Und so zieht es immer mehr Inder nach Sansibar, den Großhändlern folgen Kleinhändler und Handwerker. 1870 sind es schon 3000 - eine eigene Gemeinde. Anfangs wohnen sie hier in der Fremde noch sehr bescheiden, doch dann errichten auch sie große Häuser, die sich von denen der Araber deutlich unterscheiden. Ihre Balkone weisen nach außen, zu den Gassen und Plätzen. Indische Großhändler finanzieren den aufwendigen Lebensstil des muslimischen Herrschers, seine Flotte, seine militärischen Unternehmungen. Dafür überträgt der Sultan seinen indischen Gläubigern die Zollrechte im Hafen von Sansibar und dabei bleibt es fast das ganze 19. Jahrhundert. Ein lukrativer Deal für beide Seiten, denn die Zolleinnahmen steigen und steigen. Noch heute pulsiert im Dhau-Hafen das Leben, auch wenn die alten Segler nur noch regionalen Handel treiben. Ein Handelsgut erweist sich zur Zeit Sultan Saids als besonders einträglich - Sklaven aus dem Inneren Afrikas. Wohl mancher heutige Hafenarbeiter und viele Bewohner der Stonetown sind Nachfahren von Sklaven.

Seit dem 18. Jahrhundert kaufen vor allem die Franzosen Plantagenarbeiter für ihre Kolonien. Im 19. Jahrhundert bleiben immer mehr Sklaven auf Sansibar selbst, in den neu angelegten Gewürz- und Kaffee-PlantagenGewürznelken sind bald das Geschäft. Allein Sultan Said verfügt bei seinem Tod 1856 über 45 Plantagen - mit 12.000 Sklaven. Der Sklavenhandel, das dunkle Kapitel in der Geschichte Sansibars. Am Rande der Stonetown lag einst der große Sklavenmarkt, der Hauptumschlagplatz Ost-Afrikas.

Jahr für Jahr werden hier Tausende von Sklaven vorgeführt, begutachtet, weiter verkauft. Die harte Plantagenarbeit überleben viele nicht lange, immer neue Menschenware wird gebraucht. Erst die Engländer, stärkste Macht im Indischen Ozean, erzwingen 1873, dass der Sklavenmarkt geschlossen wird. Wo früher um Menschen gefeilscht wurde, errichten die Briten ihre anglikanische Kirche.Die Schließung des Sklavenmarktes fällt in die Zeit von Sultan Barghash, ein Sohn des Said. In einem übertrifft er seinen Vater - er bringt es auf 99 Konkubinen. Und: Er stürzt sich in ein Bauprojekt nach dem anderen. Den Palastkomplex lässt er um ein Gebäude für große Zeremonien erweitern. Das Eingangsportal ist so groß, dass der Sultan auf einem Elefanten hineinreiten kann.Barghash will ein "Haus der Wunder", er lässt es mit allen technischen Raffinessen damaliger Zeit ausstatten. Es wird gekrönt von einer frei tragenden Kuppel. Die Stützpfeiler sind aus England importiert - gegossen aus Sheffield-Stahl. Das Gebäude ist das erste südlich der Sahara, das schon 1883 über fließend Wasser und Strom verfügt.

Barghash sorgt aber auch dafür, dass die Stadt an Strom und Trinkwasser angeschlossen und der Hafen ausgebaut wird. Doch der Niedergang ist programmiert. Die Abschaffung der Sklaverei trifft Sansibar hart. Und schon bald nach dem Tod von Sultan Barghash erklären die Engländer Sansibar zu ihrem Protektorat. 1896 zerschießen britische Kriegsschiffe Uferpromenade und Palast, um einen lästigen Thronanwärter zu vertreiben. Das Ganze dauert 45 Minuten - der kürzeste Krieg der Weltgeschichte. Danach herrschen nur noch Sultane von Englands Gnaden. Der englische Architekt Sinclair fügt dem Stadtbild einige bemerkenswerte Bauten hinzu. Das Oberste Gericht - eine ganz eigenartige Mischung aus englischer und muslimischer Architektur. 1964 läuft die Zeit der Engländer und der omanischen Sultane ab - Revolution. Sansibar wird Teil eines sozialistischen Tansanias. Wohlhabende Araber und Inder werden enteignet und verjagt. Ali Hassan, der Kaffeeverkäufer, durfte bleiben. Mittlerweile sind viele seiner alten Freunde wieder zurückgekehrt. Ob Araber, Inder, Swahili oder Afrikaner, fast alle hier sind dem kleinen schwarzen Schluck verfallen. Und so führt der Rundgang des Kaffeeverkäufers vorbei am alten Palast und dem Haus der Wunder, immer wieder hinein in die alte Stadt, die Stonetown, in der der Mythos Sansibars noch weiterlebt.

(c) Schätze der Welt

 

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