DEUTSCHES KOLONIAL-LEXIKON (1920), Bd. III, S. 355-357
Autor:
Meyer-Gerhard

Siedlungsgesellschaft für Deutsch-Südwestafrika

Im Nov. 1891 erfolgte auf Betreiben der deutschen Kolonialgesellschaft, welche den Versuch machen wollte, Ansiedlungen von Deutschen in der hierfür als geeignet erachteten Kolonie Deutsch-Südwestafrika anzusetzen, die Bildung eines Syndikats für südwestafrikanische Siedlungen. Die Reichsregierung stellte dem Syndikat durch den Präsidenten der Deutschen Kolonialgesellschaft das Gebiet von Windhuk Klein-Windhuk unentgeltlich zur Verfügung. Es wurden deutsche Siedler dorthin gebracht. Das Syndikat gelangte aber bald zu der Ansicht, es sei richtiger, nicht nur Kleinsiedlung zu betreiben. Durch Eingabe vom 30. Nov. 1892 erbat es von der Reichsregierung für eine von ihm zu bildende Siedlungsgesellschaft das ganze Gebiet von Windhuk mit Ausnahme der für die Schutztruppe zurückzuhaltenden Teile dieses Gebietes und diejenigen Teile der Gebiete von Gobabis und Hoachanas, welche künftig für Kronland erklärt würden. Nach längeren Verhandlungen wurde dem Syndikat die endgültige Erteilung einer größeren Landkonzession zugesichert, sobald es sich in eine Kolonialgesellschaft nach Maßgabe des geltenden Schutzgebietsgesetzes mit einem Betriebskapital von 300000 M. umgewandelt hätte. Dieser Nachweis wurde geführt und darauf die Konzession unter dem 2. März 1896 erteilt.

Nach dem Inhalt dieser Konzession verleiht die Regierung der Siedlungsgesellschaft für Deutsch-Südwestafrika zum Zwecke der Besiedelung des Landes eine Fläche von 20000 qkm in den Bezirken Windhuk, Hoachanas und Gobabis, sobald die erforderlichen Kronländereien geschaffen sein würden. Die Gesellschaft ist berechtigt, von diesem Kronland vier Fünftel in einer zusammenhängenden Fläche oder in einzelnen Stücken, die in der Regel nicht unter 500 qkm groß sein sollen, auszuwählen. Das verliehene Land darf nur mit Reichsangehörigen oder deutschredenden Abkömmlingen von Deutschen besiedelt werden. Für Ansiedelung anderer Siedler bedarf es der Genehmigung der Regierung. Die Siedlungsgesellschaft hat von den aus dem Verkauf und der Verpachtung von Ländereien, sowie aus ähnlichen Geschäften erzielten Erträgen eine Abgabe von 10 % an die Regierung zu entrichten. Solange die Ländereien unbenutzt im Besitze der Gesellschaft sind und für einen Zeitraum von 5 Jahren, nachdem sie verkauft oder in Benutzung genommen worden sind, bleiben sie von Abgaben und Steuern frei. Nach Ablauf von 25 Jahren vom Tage der Konzession, jedoch nicht früher als nach Verlauf von 20 Jahren nach erfolgter Überweisung des Siedlungsgebietes fällt alles von der Siedlungsgesellschaft nicht verkaufte oder verpachtete Land an die Regierung zurück.

Es mußte von vornherein Zweifel erregen, ob die Siedlungsgesellschaft zur Durchführung ihres Zweckes, der nach §2 der Satzungen in der wirtschaftlichen Erschließung des Schutzgebietes Deutsch-Südwestafrika besteht, mit dem geringen Kapital von 300000 M. imstande sein würde. Von den gezeichneten 200000 M. wurden zudem nur 163500 M. bar eingezahlt. Die bis zur Begründung der Siedlungsgesellschaft durch das Syndikat gemachten Aufwendungen von 95000 M. wurden als Aktivum in die Gesellschaft eingebracht, da sie als für Arbeiten im Interesse der Landkonzession verausgabt angesehen wurden. Außer der bar eingezahlten Summe flossen der Gesellschaft aber nicht unerhebliche Geldbeträge aus anderen Quellen zu. Die wichtigste derselben bestand darin, daß die Siedlungsgesellschaft im Verein mit der Woermann-Linie die erste regelmäßige Dampf-Schiffsverbindung zwischen Deutschland und Südwestafrika herstellte und daß die Regierung der Gesellschaft ihre Frachten zuwies. Aus diesem von der Kolonialverwaltung bis zum 31. Dez. 1899 aufrechterhaltenen Transportvertrage erzielte die Siedlungsgesellschaft einen Nutzen, der auf etwa 500000—600000 M. zu schätzen ist.

Zwecks Durchführung ihrer Siedlungsabsichten errichtete die Gesellschaft in Swakopmund ein Haus zur vorübergehenden Unterbringung der ankommenden Siedler. Um den Einwandernden den billigen Transport der mitgebrachten Güter zu ermöglichen, sorgte sie für Fuhrgelegenheit. Außerdem errichtete sie in der Nähe von Windhuk zwei größere landwirtschaftliche Unternehmungen, die Farmen "Hoffnung" und "Unverzagt", die als Musterfarmen betrieben werden sollten, um den Nachweis der Siedlungsfähigkeit des Landes praktisch zu erbringen und um hier jungen Landwirten Gelegenheit zur Erlernung des Wirtschaftsbetriebes zu geben. Auf der Farm "Hoffnung" wurde eine Dammanlage hergestellt und energisch mit der Zucht von Pferden, Rindern, Schafen, Angoraziegen usw. angefangen. Beide Betriebe wurden aber im Jahre 1904 durch den Eingeborenenaufstand (s. Hereroaufstand) schwer geschädigt; die Gesellschaft bezifferte ihren Schaden auf 174593.M.

Den Verkauf von Farmland gestaltete die Gesellschaft in der Weise, daß die Käufer 10 - 20% des Kaufpreises anzuzahlen hatten, sodann 3 Jahre von weiteren Zahlungen befreit blieben und das Restkaufgeld vom 4. bis 13. Jahre in gleichen Raten entrichten mußten. Die Gesellschaft beteiligte sich an der Erforschung der Wasserverhältnisse des Schutzgebietes, indem sie 20000 M. einem auf ihre Veranlassung gegründeten Bewässerungssyndikat zuwandte, das in den Jahren 1897 und 1901 Expeditionen unternahm.

Bei der Erteilung der Konzession vom 2. März 1896 ging die Regierung von der Ansicht aus, daß die Ausübung eigener Siedlungstätigkeit durch die Kolonialverwaltung sich nicht empfehle. Diesen Standpunkt der kolonialen Zentralverwaltung teilte aber der Landeshauptmann des Schutzgebietes nicht. Die hieraus zwischen der Siedlungsgesellschaft und der Schutzgebietsverwaltung entstehenden Schwierigkeiten veranlaßten die Gesellschaft, sich schon im Jahre 1897 bereit zu erklären, der Regierung die Konzession gegen Erstattung ihrer Aufwendungen zurückzugeben. Das Angebot wurde aber abgelehnt. Um dem Landeshauptmann die Möglichkeit eigener Siedlungstätigkeit zu geben, fand unter dem 19. April 1898 zwischen der Kolonialverwaltung und der Siedlungsgesellschaft eine Vereinbarung des Inhalts statt, daß der Gesellschaft zunächst nur die eine Hälfte der ihr zugesagten Ländereien überwiesen werden solle, während der verbleibende Rest, also 10000 qkm, dem Landeshauptmann zur Verfügung stehen solle, damit dieser dieses Land an Dritte abgebe. Von den Kaufpreisen sollte die Gesellschaft bestimmte Anteile erhalten.

Obgleich der Landeshauptmann hierdurch freiere Hand erhielt, erfuhr die Tätigkeit der Siedlungsgesellschaft doch auch später eine wenig freundliche Beurteilung. Ihr wurde vorgeworfen, sie fordere zu hohe Landpreise und verzögere dadurch die Besiedelung des Landes. Ferner sei sie, entgegen ihrem ursprünglich als gemeinnützig gedachten Charakter, zu einer Erwerbsgesellschaft geworden.

Diese unfreundlichen Kritiken veranlaßten die Leitung der Siedlungsgesellschaft, der Kolonialverwaltung im Oktober 1905 ihre Bereitwilligkeit zu erklären, ihr gesamtes Vermögen mit allen Rechten und Pflichten an die Regierung abzutreten, falls der Gesellschaft die seitens der Aktionäre eingezahlten Gelder zuzüglich der seit dem Einzahlungstermin verlorengegangenen Zinsen zurückgezahlt würden. Die von Reichs wegen eingesetzte Kommission zur Prüfung der Rechte und Pflichten und der bisherigen Tätigkeit der Land- und Bergwerksgesellschaften in Deutsch-Südwestafrika (s. Reichskommission für Landgesellschaften) befaßte sich mit diesem Angebote, empfahl aber seine Ablehnung. Gleichzeitig wurde von der Kommission der Regierung empfohlen, sich mit der Siedlungsgesellschaft dahin zu verständigen, ihr die beiden Farmen "Hoffnung" und "Unverzagt" nebst allem Inventar sowie ihren Häuser- und Kapitalbesitz und ihre Forderungsrechte zu belassen. Dagegen sollte die Gesellschaft der Regierung das ihr zur Verfügung gestellte übrige Land, soweit es nicht bereits verkauft sei, kostenlos zurückgeben. Die Konzession sollte als erloschen gelten. Die Siedlungsgesellschaft lehnte aber ein Eingehen auf diesen Beschluß ab. Trotzdem wurden die Verhandlungen zwischen der Regierung und der Gesellschaft nicht abgebrochen, sondern auf veränderter Grundlage fortgesetzt. Sie führten unter dem 6. Aug. 1907 zu einer Vereinbarung des Inhalts, daß die Siedlungsgesellschaft unter Verzicht auf ihre Konzession vom 2. März 1896 und die abändernde Vereinbarung vom 19. April 1898 im Eigentum der Farmen "Hoffnung", "Unverzagt", "Bellerode", "Openbamewa" und "Kaukurus" verblieb. Ferner erhielt sie 100000 ha Land unentgeltlich innerhalb ihres bisherigen Konzessionsgebietes im Hinblick auf ihren durch den Eingeborenenaufstand verursachten Schaden. Endlich sollten ihr die Kaufpreise aus der Veräußerung von Grundstücken innerhalb ihres früheren Konzessionsgebietes so lange überwiesen werden, bis sie die Gesamtsumme von 200000.M erreichen.

Die Reichsregierung genehmigte ferner, daß die Siedlungsgesellschaft ihr Vermögen in eine Gesellschaft m.b.H. nach deutschem Recht einbringe und sich sodann auflöse.

Nach Abschluß dieses Abkommens trat die Siedlungsgesellschaft in Liquidation und brachte ihr Vermögen in die Windhuker Farm-Gesellschaft m.b.H. ein, welche in die durch die Vereinbarung übernommenen Rechte und Pflichten eintrat. Die Windhuker Farm-Gesellschaft ist ein Privatunternehmen zum Betriebe der Landwirtschaft ohne Siedlungszwecke.

Literatur:

Anton, die Siedlungsgesellschaft für Deutsch-Südwestafrika. Jena 1908. Gustav Fischer.
Schwabe, Mit Schwert und Pflug in Deutsch-Südwestafrika. Berl. 1904. Mittler & Sohn.
Rohrbach, Deutsche
Kolonialwirtschaft, Bd. 1. Berlin 1907. Buchverlag der "Hilfe".
Förster, Reinen Tisch in Südwestafrika. Berl. 1904. Wilhelm Süsserott
Leutwein, Elf Jahre
Gouverneur in Deutsch-Südwestafrika. Berl. 1906. Mittler & Sohn.

 

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