7. Tierwelt.

[In eckigen Klammern Bezeichnungen des Kisuaheli in der Orthographie der Schulen.]

Die afrikanische oder äthiopische tiergeographische Region, auch das transsaharische Faunareich genannt, umfaßt den afrikanischen Kontinent südlich einer Grenze, die bald ein paar hundert Kilometer südlich, bald nördlich vom 20° s. Br. angenommen wird. Die Sahara ist bei ihrer heutigen Trockenheit ein großes Grenzgebiet, in das von beiden Seiten nicht viele Formen vordringen können. Im Gegensatz hierzu war der Zusammenhang Afrikas mit dem Nordosten und Norden im Jungtertiär sehr bestimmend für die Entwicklung der Fauna. Große Einwanderungen dürften die meisten Formen, die heute auffallen, z. B. Elefanten, Flußpferde, Strauße, Nashörner, Giraffen, ja selbst die Antilopen gebracht haben. Freilich hat sich in der Folge eine ausgiebige Fortentwicklung, eine Bildung vieler neuer Arten vollzogen. Die altertümliche alttertiäre Fauna ist dabei stärker vernichtet worden, als im indisch-malaiischen und im südamerikanischen Gebiet, von Australien ganz zu schweigen. -

Die Ausstattung des tropischen Afrika mit Tieren weist denselben grundlegenden Zug in der geographischen Verbreitung auf, den die Pflanzenwelt zeigt: der westafrikanischen Waldfauna, besser der der afrikanischen Hylaea, steht die Fauna der Savannen oder der Tropensteppe gegenüber. Nicht die Wälder Afrikas, sondern die Steppen weisen die kräftigste Entfaltung tierischen Lebens in einer großen Artenzahl von Säugetieren auf. Einst war die Menge der Individuen hier enorm, und trotz starker Vernichtung durch den Menschen und durch Seuchen ist sie in manchen Teilen von D.-O. noch heute recht groß, zumal in den grasigen Steppenländern des Nordens. Die großen Steppengebiete Afrikas liefern die Bedingungen dafür, daß in diesem Kontinent etwa neun Zehntel aller Antilopenarten heimisch sind, daß er auch sonst einen sehr großen Reichtum an eigentümlichen Säugergattungen aufweist. Nach Matschie treffen in D.-O. vier verschiedene Säugetierprovinzen zusammen. Über das ganze Zwischenseengebiet (s. d.) hin reicht die Guinea-Kongo-Provinz, also die Fauna der Hylaea (H). Über die Hochländer zwischen Victoriasee und Kilimandscharo schiebt sich die Sudanprovinz (Su) nicht ganz bis Tabora vor, auf dem Wege zwischen Kilimandscharo und Ozean die Somaliprovinz (So) bis zur Südgrenze der Massaisteppe; dreiviertel des Landes nimmt die Mozambiqueprovinz (M) ein. Die Provinzen Su, So, M sind Teile des erwähnten größeren Gebiets der Tropensavanne, nur M reicht über deren Grenzen in das Gebiet der Fauna Südostafrikas hinein.

Es sei versucht, im folgenden einige im Tierleben von D.-O. besonders wichtige und auffallende Tiere so zusammenzustellen, wie das gemeinsamen Lebensbedingungen entspricht. Hierbei sind auch einige der von Matschie aufgeführten, für die vier Provinzen charakteristischen Arten genannt. Sie sind durch die beigesetzten Buchstaben H, Su, So, M gekennzeichnet. Die übrigen kommen überall zerstreut vor, bald häufig, bald selten. Den meisten der zu nennenden Tiere sind in diesem Lexikon besondere Artikel gewidmet (s. a. Tierwelt der Schutzgebiete und Jagd). - In der offenen Grassteppe leben zwei Gnus [nyumbu], zwei Zebras [punda milia], zwei Kuhantilopen: Bubalis Jacksoni (Su) und B. Cokei (So) [kongoni], Oryx callotis (So), Rennmäuse (Gerbillus), der Strauß [mbuni], der Sekretär. Gnu, Zebra und Kuhantilope, die oft zusammen weiden, sowie Oryx, stehen auch in lichter Busch- und Baumgrassteppe. Letztere bevorzugen die Giraffen [twige], Äpyceros suara [swala], Rapp- (M) und Pferdeantilope: Bubalis Lichtensteini [konsi], das große und kleine Kudu (So) [tandalal, Marabu, verschiedene Geier [tai], Adler [kozi] und Webervögel. Hier und in etwas mehr buschigem Land kommen vor: verschiedene Perlhühner [kanga], Erdferkel [mbawe], Gepard, Hyänenhund, Warzenschwein [ngiri], Grauts (Su) und Thomsons (Su) Gazelle, Giraffengazelle (So), Leierantilope (Su), Elenanilope, [pofu]; die letztere ist heute seltener, aber von der Steppe hinauf bis zu Gebirgshöhen von über 3000, ja am Kilimandscharo auf 4800 m zu treffen.

Etwas geringere Neigung zum Bergsteigen haben Elefant [tembo, ndovu], in der Trockenzeit oft im Regenwald, sonst in Grassteppe jeder Art und Sumpf, ferner auch das Rhinoceros bicornis [kifaru], das am meisten ganz dichten Dornbusch schätzt, sowie ein paar kleine Antilopen. - Dichteren Busch, oft auch feuchteren, bevorzugen die kleinen Antilopengattungen: Ducker, Windspiel und Zwergantilopen [paa, funo usw.], ferner Buschbock [mbawala], Serval, Iltis-Ichneumon (M), Zebramanguste (Crossarchus fasciatus) [nguchiro] und andere kleine Raubtiere, wie Zibetkatzen, ferner Stachelschwein [nungu], Schuppentier (Manis Temminki), ferner Unzertrennliche, d. i. Agapornispapageien, Nektarinien, Frankolin-Feldhühner [kwale], Riesenschlange [chatu], Puffotter. - Im Trockenwald, auch in seinen feuchteren Formen, halten sich auf verschiedene Meerkatzen, als Cercopithecus albigularis (M) [kima], Husarenaffe (Su), Großohrmaki (M) [komba] (s. Halbaffen), viele Tauben, Hornrabe und kleinere Nashornvögel.

Den Regenwald lieben Graupapagei (H) [kasuku], der Pisangfresser, Riesenturako (H), einige, nicht alle Baumschliefer (s. Schliefer), Gorilla (H), Schimpanse (H), Colobus-Arten [mbega], gewisse Meerkatzen (H), einige Halbaffen, Hundsaffen, d. i. Paviane [nyani], sowie ihr schlimmster Feind der Leopard [chui]; dieser kommt aber auch im dichten Steppenbusch, die Paviane auch an vielen anderen Orten, gern z. B. in felsigem Steppenland vor. Eine noch größere Verbreitung hat die Streifenhyäne [fisi] und einige Geier, auch der meist mähnenarme Löwe [simba], der nur den Regenwald zu meiden scheint. - In Busch, Alluvialwald und Sumpf stehen die Flußschweine [nguruwe], Pinselohrschwein (H), Riedbock [ndohe], Wasserbock (M) [kulu], Kaffernbüffel [mbogo], Nilgans und andere Gänse, Enten, weißer und schwarzer Reiher, Kronenkranich, Storch [alle diese drei Gruppen korongo], Flamingo.

Die großen Vögel halten sich gern am Rand der Gewässer auf. Die Vogelwelt der großen und kleinen Seen im nördlichen D.-O. ist ungemein reich. Hier treten auch manche europäische Zugvögel auf. In fast allen Seen kommt auch das große Flußpferd [kiboku] vor. Es geht in den Flüssen meerwärts bis in brackisches Wasser, ebenso wie das Krokodil [mamba], hält sich aber darüber hinaus auch in ganz scharf salzhaltigen Seen auf. An der Küste im Meer lebt eine Seekuh (Halicore), die Karette, die Suppenschildkröte [beide ngamba], verschiedene Haifische [papa]. Die Fische des Meeres sind artenreich und zum Teil recht wertvoll, aber noch wenig gekannt und nicht genügend genutzt (s. Fischerei u. Tafel 41/42). - Die Kleintierwelt [wadudu, eigentlich Insekten] ist besonders im Waldland reich und mannigfaltig entwickelt, am wenigsten in trockener Grassteppe. Große und auffallende Arten, wie sie sonst manchen Tropengebieten eigen sind, finden sich selbst im Walde nur spärlich. Unter den Gliederfüßlern, hauptsächlich in der Klasse der Insekten, gibt es eine Anzahl von Tieren, die gleicherweise in allen Kolonien wegen des zum Teil ganz gewaltigen Schadens, den sie verursachen können, gefürchtet sind. Skorpion [nge], Skolopender [taandu] (s. Tausendfüßer), Treiberameisen [siafu] (s. Ameisen) sind die harmlosesten unter ihnen. Die Termiten [mchwa] schaden stellenweise, besonders im feuchteren Buschland, auch den Kulturen sehr; die bis zu 5 m hohen steinharten Bauten einiger Arten fallen in manchem Landschaftsbild auf. Die Wanderheuschrecke [nzige] kommt überall von Zeit zu Zeit vor.

Der südamerikanische Sandfloh [funza] hat sich in D.-O. etwa 1891-1897 fast überall durch passive Wanderung von Westen nach Osten verbreitet. Die Ausdehnung des Vorkommens der die Malaria (s. d.) übertragenden Anopheles-Moskitos [imbu] deckt sich mit den blauen und grünen Flächen des Kärtchens über die Gesundheitsverhältnisse. Man sieht, sie kommen in etwa fünf Sechstel von D.-O. vor, zum Teil freilich spärlich; in den Gebirgsländern fehlen sie schon von einer geringeren Höhe aufwärts als in den Hochflächen. Weit gefährlicher ist wegen der Übertragung der Schlafkrankheit (s. d.) die Glossina palpalis; sie kommt heute in vielen Gebieten, so hier und da nahe der Meeresküste vor, wo die Krankheit noch nicht hingelangt ist. Ihre Verwandte G. morsitans, die Tsetsefliege, überträgt die Surrakrankheit (s. d.) des Viehs, gewisse Zecken [papasi, kupe] übertragen das Rückfallfieber des Menschen und schwere Viehkrankheiten. - Beim Überblick über die in D.-O. vorkommenden Haustiere ergibt sich, daß nur ein sehr kleiner Teil von ihnen aus Afrika stammt. Der graue Esel [punda kihongwe] mit dem schwarzen Rückenkreuz stammt vom wilden Somaliesel. Er wird im Nordosten von D.-O. in allen Gebieten, die die Massaisteppe rings umschließen, gezüchtet. Auch die Katze [paka] ist in Afrika zuhause, in D.-O. aber eine junge und wenig verbreitete arabische Einführung.

Der Windhund des Zwischenseengebiets ist vielleicht afrikanischer Abkunft. Der Pariahund [mbwa] ist wohl sehr lange im Land, stammt aber auch aus Südasien. Die Ziege [mbuzi], heute eine zähe Kümmerrasse, das verbreitetste nutzbare Haustier D.-O.s, ist wohl früher aus Asien eingeführt als alle anderen Haustiere. Sie ist viel häufiger als das Schaf [kondoo], das meist der asiatischen Fettschwanzrasse angehört und ohne eigentliche Wolle ist. Von den beiden Rinderrassen [ngombe], ist die eine, das altägyptische Langhornrind, nur im Zwischenseengebiet zu Haus. Das wohl von einer anderen, ebenfalls asiatischen Art stammende Buckelrind kommt überall zerstreut vor, am besten entwickelt im Steppengebiet des Nordostens, sonst vielfach beeinträchtigt durch Viehkrankheiten. Das Huhn [kuku], aus Südasien stammend, ist überall verbreitet. - Jüngere Einführungen sind die amerikanische Moschusente (s. Zahnschnäbler u. Geflügelzucht) [bata], die die Portugiesen brachten, das Pferd [faras], der helle Esel [punda maskati] und das Kamel [ngamia], das das Klima nicht recht verträgt. Die jüngste Zeit brachte Maultier [nyumbu] und zahmes Schwein [nguruwe]. Von einer Domestizierung der einheimischen Bienen [nyuki] kann ebensowenig die Rede sein, wie von der der Tauben [njiwa]. Die aus Arabien eingeführte zahme Taube [njiwa manga] ist nicht häufig. Uhlig.

 

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