15. Verwaltung und Rechtspflege.

Die gesamte Verwaltung des Schutzgebiets untersteht einem vom Kaiser zu ernennenden Gouverneur, dieser übt auch die oberste militärische Gewalt im Schutzgebiet aus. (Über Rang usw. s. Gouverneur.) Für die Zentralverwaltung des Schutzgebiets stehen dem Gouverneur ein Erster Referent und eine Anzahl von Referenten zur Verfügung. Dem Ersten Referenten sind sämtliche von den Referenten bearbeiteten Verwaltungssachen, ehe sie an den Gouverneur gehen, vorzulegen. In Behinderungsfällen ist er in der Regel der Vertreter des Gouverneurs. Ihm unterstehen die einzelnen Referenten. Besondere Referenten gibt es für allgemeine und spezielle Verwaltungsangelegenheiten, für die Personalien, für die Justizverwaltung, für die Finanzverwaltung, für Handels-, Verkehrs- und Zollwesen, für das Medizinal- und Veterinärwesen, für Landwirtschaft und Viehzucht, für Hoch-, Wasser- und Straßenbauten, für Forstverwaltung und Jagdangelegenheiten, für das Bergwesen, für die Polizeitruppe, für die Verwaltungsangelegenheiten der Schutztruppe, für Eisenbahnbau- und Betriebsangelegenheiten, für meteorologische Beobachtungen u. dgl.

Als beratendes Organ steht dem Gouverneur der Gouvernementsrat zur Seite. Dieser besteht aus dem Gouverneur, aus 3 amtlichen und früher 5 jetzt 12 außeramtlichen Mitgliedern. Letztere werden aus den in 3 Wahlbezirken mit den meisten Stimmen gewählten 30 Personen vom Gouverneur auf die Dauer von 2 Jahren berufen. Der Gouvernementsrat hat vor allem die Vorschläge für den jährlichen Haushaltsetat und die Entwürfe der nicht nur örtlichen Verordnungen des Gouverneurs zu begutachten. -

Zum Zwecke der allgemeinen Verwaltung ist das Schutzgebiet in einzelne Verwaltungsbezirke eingeteilt, von denen zum Teil sog. Bezirksnebenstellen abgezweigt sind, welche zwar dem Leiter des betreffenden Hauptbezirks unterstehen, in mancher Beziehung aber eine gewisse Selbständigkeit besitzen. An der Spitze der Bezirke stehen als oberste Verwaltungsorgane Bezirksamtmänner, in zwei Bezirken, Baga mojo und Ssongea, Stationsleiter I. Klasse, in zwei anderen Bezirken vorläufig noch die Führer der dort stationierten Teile der Schutztruppe. Die Bezirksämter sind außer mit dem Bezirksamtmann regelmäßig noch mit einem Sekretär, einem Polizeiwachtmeister und einem Kanzlisten besetzt. Den größeren Bezirksämtern sind sog. Adjunkten zur Hilfeleistung und gleichzeitig zur Ausbildung für den höheren Verwaltungsdienst zugeteilt.

Die Bezirksnebenstellen haben eine regelmäßige Besetzung von einem Sekretär- und einem Polizeiwachtmeister. Außerdem gibt es sog. Polizeiposten, die nur mit einem Außenbeamten - einem Polizeiwachtmeister oder älteren Kanzlisten - besetzt sind, und Militärposten, die von einem jüngeren Offizier der Schutztruppe im Nebenamte verwaltet werden. In jedem Bezirk mit mindestens 30 männlichen deutschen Reichsangehörigen im Alter von mindestens 25 Jahren besteht ein Bezirksrat, welcher über Angelegenheiten der örtlichen Verwaltung des Bezirks zu beraten hat. In den übrigen Bezirken ist die Einrichtung des Bezirksrats fakultativ. Der Bezirksrat besteht aus dem Bezirksamtmann, einem vom Gouverneur ernannten und 3 gewählten Mitgliedern. -

Zurzeit gibt es folgende Verwaltungsbezirke: 1. Tanga, 2. Pangani mit der Bezirksnebenstelle Handeni, 3. Bagamojo mit der Bezirksnebenstelle Sadani, 4. Daressalam mit dem Polizeiposten Kissangire, 5. Rufiji mit dem Sitz in Utete, 6. Kilwa mit den Bezirksnebenstellen Kilindoni, Kibata und Liwale, 7. Lindi mit den Bezirksnebenstellen Mikindani, Newala und Tunduru, 8. Langenburg mit den Bezirksnebenstellen Itaka und Mwakete und dem Polizeiposten Muaja, 9. Wilhelmstal, 10. Morogoro mit den Bezirksnebenstellen Kilossa und Kissaki, 11. Ssongea mit der Bezirksnebenstelle Wiedhafen, 12. Moschi, 13. Aruscha mit der Bezirksnebenstelle Umbulu, 14. Kondoa-Irangi mit der Bezirksnebenstelle Mkalama, 15. Dodoma mit dem Polizeiposten Mpapua und dem Offiziersposten Singidda, 16. Muansa mit der Bezirksnebenstelle Schirati und dem Militärposten Ikoma, 17. Tabora mit den Bezirksnebenstellen Schinjanga und Uschirombo, 18. Udjidji mit dem Militärposten Kassulo, 19. Bismarckburg. -

Die beiden Verwaltungsbezirke, welche vorläufig noch von den Führern der dort stationierten Schutztruppenteile verwaltet werden, sind Iringa mit dem Militärposten Ubena und Mahenge. - Im Nordwesten des Schutzgebiets, zwischen dem Tanganjika-, Kiwu- und Victoriasee, wo sich organisierte Eingeborenenstaaten mit einflußreichen Sultanen finden, sind 3 Residenturen eingerichtet worden. Aufgabe der Residenten ist es, durch ihren persönlichen Einfluß die deutschen Interessen bei den dortigen Sultanen wahrzunehmen, letztere zu beaufsichtigen und zu beraten, ohne sich selbst in der Verwaltung des Landes zu betätigen. Residenten gibt es in Bukoba, im Sultanat Ruanda mit dem Sitz in Kigali und im Sultanat Urundi mit dem Sitz in Gitega. Zur Residentur Bukoba gehören die Militärposten Ussuwi und Kifumbiro, zu Ruanda der Militärposten Mruhengeri und zu Urundi die Nebenstelle Usumbura. - Selbständige kommunale Verbände bilden die Stadtgemeinden Daressalam und Tanga unter einem städtischen Rat. Dieser besteht aus dem Bezirksamtmann des betreffenden Bezirks und 4 Mitgliedern, von denen 3 von den Gemeindeangehörigen gewählt und einer vom Gouverneur ernannt werden. -

Zur Überwachung der praktischen Durchführung der Anwerbung der farbigen Arbeiter und der gesundheitspolizeilichen Auflagen der Arbeitgeber, zur Schlichtung von Streitigkeiten zwischen Arbeitgebern und Arbeitern usw. sind im Schutzgebiet besondere Beamte - Distriktskommissare - angestellt, welche hauptsächlich auf Reisen innerhalb ihrer Distrikte darauf hinwirken, daß sowohl die Arbeitgeber wie die Arbeiter die ihnen obliegenden Verpflichtungen erfüllen. Distriktskommissare sind zurzeit tätig in den Bezirken Tanga, Pangani, Wilhelmstal, an der Zentralbahn und abwechselnd in den Bezirken Rufiji und Lindi. - Für das landwirtschaftliche Versuchswesen ist in erster Linie das biologisch-landwirtschaftliche Institut Amani (Ost-Usambara) von Bedeutung. Amani ist als naturwissenschaftliches Institut mit botanischem, chemischem und zoologischem Laboratorium im Jahre 1902 begründet worden. Es hat Versuchsgärten und Plantagen in Amani und im Sigital. Aufgaben des Instituts sind die Einführung und Anzucht fremdländischer tropischer Nutzpflanzen, wissenschaftliche Untersuchungen und Versuche im Interesse der ostafrikanischen Plantagenkulturen, Studium der Pflanzenschädlinge und -krankheiten, Düngungsversuche, Bodenanalysen, Untersuchungen technisch verwertbarer Landesprodukte und Abhaltung von Kursen für Pflanzer. Das Institut ist besetzt mit einem Direktor (Professor Zimmermann), 4 wissenschaftlichen Beamten und den erforderlichen Hilfskräften. - In Kibongoto am Kilimandscharo besteht seit 1911 eine landwirtschaftliche Versuchsstation für Ackerbau und Viehzucht unter einem landwirtschaftlichen Sachverständigen; ihm stehen ein wissenschaftlich vorgebildeter Assistent und ein landwirtschaftlicher Gehilfe zur Seite. -

Spezialversuchsstationen für Baumwollbau sind in Mpanganya (Bezirk Rufiji), Myombo (Bezirk Morogoro), in Matuira (Bezirk Lindi) und im Bezirk Tabora vorhanden, an denen je ein landwirtschaftlicher Sachverständiger und ein Assistent beschäftigt sind. Mit der Station Mpanganya ist eine Baumwollschule für Eingeborene verbunden. - Die Errichtung von weiteren Baumwollversuchsstationen steht bevor. In Morogoro ist zur Förderung des Obstbaus eine Fruchtkulturstation gegründet worden, die den Bedarf der Pflanzer und der Eingeborenen an Zuchtmaterial von Obst- und sonstigen Früchten decken und die Eignung ausländischer Sorten für den Anbau im Schutzgebiet erproben soll. Außerdem sind den Bezirken Bagamojo, Kilwa, Lindi, Morogoro, Muansa, Bakoba und Tabora landwirtschaftliche Assistenten als Bezirkslandwirte zur Beratung und Unterstützung in landwirtschaftlichen Fragen zugewiesen; sie sind zugleich auch als Wanderlehrer unter den Eingeborenen tätig. -

In allen Fragen der Hebung der gesundheitlichen Verhältnisse der Europäer und Eingeborenen werden die örtlichen Verwaltungsbehörden von Regierungsärzten, bei der Tierseuchenbekämpfung, der Tierzucht und der Fleischbeschau von Regierungstierärzten unterstützt. In größeren Orten bestehen Gesundheitskommissionen zwecks Überwachung und Förderung der öffentlichen Gesundheitspflege. Sie setzen sich zusammen aus dem Vorsteher der öffentlichen Verwaltungsbehörde als Vorsitzenden, dem Stationsarzte und aus europäischen Privatpersonen als ehrenamtlichen Mitgliedern; dazu treten in Daressalem ein Mitglied des Instituts für Seuchenbekämpfung und außerdem an Orten, wo ein städtischer Rat oder eine Baubehörde bestehen, je ein Vertreter dieser Behörde. - Zu Zwecken der Farm- und Grundstücksvermessung sind ihnen Vermessungsämter bzw. einzelne Vermessungsbeamte zugeteilt. Die Landesaufnahme wird von besonderen Vermessungstrupps vorgenommen. -

Die Zollverwaltung des Schutzgebiets wird unter der Oberaufsicht des Gouvernements von der unter Leitung eines Zolldirektors stehenden Zollinspektion geführt. Hauptzollämter sind vorhanden in Daressalam, Bagamojo, Tanga, Lindi und Muansa; Nebenzollämter in Pangani, Kilwa, Sadani, Mikindani, Salale, Kilindoni und Kionga. Zollstationen, deren Geschäfte durch die örtlichen Verwaltungsbehörden wahrgenommen werden, bestehen in allen an den Grenzen des Schutzgebiets belegenen Bezirken, sofern dort keine besonderen Zollämter eingerichtet sind. Nach der Zollverordnung vom 13. Juni 1903 besteht im allgemeinen für die Einfuhr ein Wertzoll von 10 %; für Branntwein, Wein, Bier, Tabak und einige andere Gegenstände ist ein besonderer Tarif aufgestellt, wogegen wieder andere, wie Maschinen, Instrumente, Bücher u. dgl. vom Einfuhrzoll befreit sind. Ausfuhrzoll wird nach einem Tarif nur für gewisse Güter erhoben; die Erzeugnisse der einheimischen Plantagen- und Landwirtschaft sind meist zollfrei. - Die Forstverwaltung üben in drei Forstverwaltungsbezirken (Wilhelmstal, Morogoro, Rufiji) 5 höhere Forstbeamte und 16 deutsche Förster und Forstassistenten aus. Über die Gouvernementsflottille s. Verkehrswesen. - Der Zivilverwaltung steht eine nach dem Muster der Schutztruppe organisierte farbige Polizeitruppe in Stärke von etwa 1800 Mann, einschließlich Chargen, zur Verfügung. Diese steht unter dem Kommando eines Polizeiinspektors und mehrerer Inspektionsoffiziere. Zum Zwecke der Ausbildung der Polizeimannschaften und der Verwaltung der Kammer- und Munitionsbestände besteht in Daressalam das Polizeidepot. Den einzelnen Verwaltungsbehörden sind Polizeiabteilungen von verschiedener Stärke mit je einem oder mehreren Polizeiwachtmeistern zugewiesen. Daneben haben sie für Zwecke des örtlichen Polizeidienstes vielfach noch besondere Polizisten (Walisoldaten, Knüppelaskari u. dgl. genannt). -

Die Rechtsprechung über Nichteingeborene des Schutzgebiets (Weiße und die diesen Gleichgestellten, wie Japaner, Parsen, christliche Syrer, Goanesen usw.) wird von den Bezirksrichtern bzw. Bezirksgerichten in Daressalam, Tanga, Muansa, Moschi und Tabora ausgeübt. Berufungs- und Beschwerdeinstanz gegen die Entscheidungen des Bezirksrichters und -gerichts ist der Oberrichter bzw. das Obergericht in Daressalam. Die Rechtsprechung über die Eingeborenen des Schutzgebiets und die ihnen gleichgestellten Angehörigen fremder, farbiger Stämme steht den örtlichen Verwaltungsbehörden zu. Die Gerichtsbarkeit zweiter Instanz steht dem Gouverneur zu und wird in seinem Auftrage von dem Oberrichter wahrgenommen. - An der Spitze des Medizinalwesens steht ein Medizinalreferent des Gouvernements. Ihm unterstehen die Regierungs- und Stationsärzte in den einzelnen Bezirken. Größere Krankenhäuser für Europäer sowie für Eingeborene befinden sich in Daressalam und Tanga. - Die Finanzen des Schutzgebiets sind gegründet auf die bereits oben erwähnten Zölle sowie auf Steuern. Von solchen bestehen in der Hauptsache die Kopfsteuer für alle Farbigen in Höhe von 1 bis 3 Rp. und die Gewerbesteuer. Daneben werden noch erhoben Steuern auf die Nachlässe Farbiger, für den Ausschank einheimischer geistiger Getränke, Spielkartenstempel, Salzverbrauchsabgabe und Marktgebühren. Mittels dieser Einnahmen deckt das Schutzgebiet seine Ausgaben für die Zivilverwaltung. Für die Kosten des militärischen Schutzes zahlt das Reich dem Schutzgebiet einen Zuschuß von etwa 3 1/2 Millionen Mark. -

Die Schutztruppe zählt etwa 2500 farbige Soldaten unter europäischen Offizieren und Unteroffizieren. Sie ist in 14 Kompagnien, ein Rekrutendepot und eine Signalabteilung gegliedert. Das Kommando der Schutztruppe befindet sich in Daressalam.

 

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