Mit Walter Hanf zu den verbliebenen Anlagen des Westwalls bei Hollerath
"Gigantischstes Befestigungswerk aller Zeiten"

Von Michael Hamacher

Hollerath. Wenige Autoren haben die Geschichte des 2.Weltkrieges mit seinen Auswirkungen für unsere Region so umfassend und detailliert nachgezeichnet wie Walter Hanf. Gleichzeitig stellte Hanf das Schicksal seines Ortes und der Umgebung in einen größeren Zusammenhang.

Mit dem Bau des Westwalls, jener Verteidigungslinie aus Betonhöckern und Bunkern, die die deutsche Westgrenze im 2.Weltkrieg sichern sollte, begann ein tiefgreifender Wandel in den Eifelorten. Ohne Rücksicht auf die Dörfer und deren Umgebung wurden die Bunkerlinien und Panzersperren durch die Landschaft gezogen. Wo bis dahin Kleinbauern, Tagelöhner und Handwerker das Bild bestimmten, herrschte plötzlich Hochbetrieb.

Geld veränderte die arme Eifelregion. Der Nebenverdienst für die Unterbringung der zahlreichen Arbeiter brachte oft mehr ein als die kleine Landwirtschaft. Und mancher Handwerker legte damals den Grundstein für ein Unternehmen.

Die Dörfer, die in den Bau des Westwalls einbezogen wurden, teilten aber auch dessen Schicksal: Vor und vor allem nach der Ardennenoffensive 1944/45 legten die Alliierten sie in Schutt und Asche.

Der Westwall - 630 Km vom Nieder-Rhein bis zur Schweiz630 Kilometer langer Westwall

Auf einer Länge von 630 km, von Weil am Rhein an der Schweizer Grenze bis nach Kleve, erstreckte sich der Westwall. Bis zum Kriegsbeginn im Westen im Mai 1940 entstanden rund 18000 Bunker, Kampfanlagen und größere Stellungen, etwa 250 km Höckerlinien und 90 km Panzergräben. Zusätzlich zu einheimischen Arbeitern waren im Oktober 1938 350000 Mann der "Organisation Todt", 100000 Mann des Reichsarbeitsdienstes und die gleiche Anzahl Männer der Festungspionierstäbe des Heeres am Westwall beschäftigt. Die Gesamtkosten für die Errichtung dieses Bollwerks schätzt man auf 3,6 Milliarden Reichsmark (RM).

Verbaut wurden 8 Millionen Tonnen Zement, 1,25 Millionen Tonnen Stahl, 20 Millionen Tonnen Kies, Sand und Schotter sowie 100 Millionen Festmeter Holz. Ein Arbeitstag dauerte von morgens 6 bis abends 18 Uhr; der Stundenlohn eines Arbeiters betrug -,60 RM, der eines Facharbeiters bis zu 1,5o RM. Für dienstverpflichtete Arbeiter gab es außerdem eine Auslösung von 2,50 RM pro Tag. Auf 1,80 bis 2,50 RM täglich beliefen sich die Aufwendungen der Arbeiter für Unterkunft sowie für Frühstück und warmes Abendessen.

Die mittägliche Verpflegung bestand aus der kostenfreien "Bunkersuppe". Etwa die Hälfte der Arbeiter bevorzugte Privatquartiere, die übrigen lebten in eigens erstellten Lagern.

Deren Einrichtung entsprach militärischen Gesichtspunkten. Dazu zählten aber auch eine Kantine und ein Aufenthaltsraum. Dort und in vielen Dorfgaststätten fanden Unterhaltungsabende für die Arbeiter statt, an denen auch die einheimische Bevölkerung teilnehmen konnte. Schlägereien zwischen den Lagerarbeitern und der einheimischen Jugend oder untereinander waren an der Tagesordnung.

Der Name "Westwall" wurde geprägt, als Adolf Hitler am 28. Mai 1938 zum "beschleunigten und verstärkten Ausbau der deutschen Westbefestigung" aufrief. "Höckerlinien" sollten ein Hindernis gegen Infanterie und Panzer darstellen, "Bunker" als Kampfstände für Einzelwaffen wie MG und Pak und als gesicherte Befehls- und Mannschaftsstände usw. dienen.

Jedoch erst nach der Wiederbesetzung des bis dahin entmilitarisierten Rheinlandes am 9.März 1936 begann der Ausbau. Erst zwei Jahre später gab das Oberkommando des Heeres den Befehl zur Errichtung von "ständigen Anlagen" entlang der Grenze.

Zunächst schleppendes "Pionierprogramm"

Der Ausbau, "Pionierprogramm 1938" genannt, ging zunächst nur schleppend voran; mit Hitlers Befehl vom Mai 1938 fielen jedoch alle Beschränkungen. Eine neue Planung, "Limesprogramm 1938" bezeichnet, die auch den Aachener Raum einbezog, sah die Erstellung von 1800 MG-Schartenstände leichter Bauart und weiterer 10000 Bunker auf der gesamten Westwalllinie vor.

Man wählte eine Linie Kohlscheid - Aachen - Monschau - Wahlerscheid - Daubenscheid / Hollerath - Ramscheid - Miescheid - Frauenkron-Scheid-Ormont. Hier traf man auf die Hauptkampflinie. Rund 800 Bunker wurden errichtet. Bis zum Frühjahr 194o dauerten die Arbeiten am Westwall einschließlich der Bestückung mit Waffen und Material an.

Die Wand- und Deckenstärken der Bunker nach verschiedenen Bautypen sollten den örtlichen Verteidigungsbedürfnissen Rechnung tragen. Während im Pionierprogramm die Außenwände 1,00m und die Decken 80cm stark waren, betrug die Stärke im Limesprogramm zwischen 1,50 und 3,50 m. In dessen Rahmen wurden vierreihige Panzerhindernisse mit einer Breite von 7 m und einer Höckerhöhe von bis zu 1 m erstellt.

Im zweiten Bauabschnitt im Jahre 1939 nahmen die Höckerlinien mit einer Breite von 13,45 m eine andere Dimension an. Die Betonklötze in ihrer vor- und zurückspringenden Anordnung erreichten eine Höhe bis zu 1,50m. Sie sollten Panzer bis zu 36 Tonnen aufhalten. Der Westwall, den Hitler als das "gigantischste Befestigungswerk aller Zeiten" pries, entpuppte sich schließlich als großer Bluff.

Seine militärische Bedeutung blieb weit hinter den Erwartungen zurück. Propangistisch jedoch gelang den Nationalsozialisten ein großer Coup: Zur Besichtigung eingeladene ausländische Journalisten bezeichneten den Westwall als uneinnehmbar.

Die Wirklichkeit sah aus verschiedenen Gründen jedoch anders aus. Am 3./4. Februar überschritten die westlichen Streitkräfte auf breiter Front den Westwall zwischen Udenbreth und Hollerath. Nach dem Kriege begann die systematische Zerstörung der meisten Anlagen durch die Besatzungsmächte.

Inzwischen sind die restlichen Anlagen von dichter Vegetation überwuchert und dienen als Rückzugsgebiet für Pflanzen und Tiere. Zur Erinnerung an einen unheilvollen Abschnitt der deutschen Geschichte wurden einige Anlagen unter Denkmalschutz gestellt

Westwall